Konzert in Berlin

Bei Niels Frevert klingt das Schlechtdraufsein spitze

| Lesedauer: 4 Minuten
Frédéric Schwilden

Foto: Tapete Records

Poplyriker Niels Frevert hat sein neues Album fertig und spielte auf der Terrasse vom Badeschiff in Berlin-Treptow etwas daraus vor. Er ist ein wandlungsfähiger Songschreiber, kein Protestschrabbler.

Es bleibt ein Rätsel, warum diese Songwriter immer so traurig sein müssen. Da sitzt am Donnerstagabend dieser Niels Frevert, ein 45 Jahre alter Musiker aus Hamburg, also mit seiner Gitarre auf der Terrasse vom Badeschiff in Berlin-Treptow. Neben ihm ein Freund am Klavier.

Der linke große Zeh von Niels und auch der rechte sind ein bisschen blass im Verhältnis zu seinem gebräunten Gesicht. Unten schwimmen wirklich schöne Menschen in einem zauberleuchtenden Grünblau nur knapp über der Spree. Die Sonne geht langsam unter.

Der Cocktail Moscow Mule ist im Preis reduziert. Das Barpersonal ist so gut drauf, dass sie einem sogar erklären, woran man einen guten Barkeeper erkennt. „An der Schorle nämlich. Zuerst muss man das Wasser einfüllen und dann den Saft. Der Saft ist nämlich schwerer. Er fällt so durch das Wasser durch. So entsteht eine perfekte Mischung.“

Und was macht Niels Frevert? Er spielt Akustikgitarre und singt „Ich will blühen, erblühen/ in Deinen Armen und verblassen/ Du kannst mich an der Ecke rauslassen/ Ich will gehen, vergehen/ die letzte Bahn verpassen/ Du kannst mich an der Ecke rauslassen“. Der Hamburger ist schon fast Berliner: Alles jut, könnte der sagen, ist aber trotzdem erst mal schlecht drauf.

Ein wandlungsfähiger Songschreiber, kein Protestschrabbler

Wobei Niels Freverts Schlechtdraufsein im Gegensatz zum Straßengenörgel spitze klingt. Er ist ein wandlungsfähiger Songschreiber, kein Protestschrabbler.

Er fühlt den Bossa Novas Hamburgs, als er „Wohin hat es deine Sprache verschlagen“ spielt, er, der João Gilberto von der Elbe, der Mann mit dem geöffneten Hemd.

Niels Frevert ist einer, den es irgendwie immer schon gegeben hat. Bis 1996 war er Sänger und Frontmann der Gruppe Nationalgalerie, so eine Hamburger-Schule-Gruppe. Seitdem veröffentlich er unter seinem eigenen Namen Alben, spielt quer durch die Republik, und auch in der Schweiz und Österreich Konzerte. Ina Müller hat ihn einmal in ihre Sendung eingeladen, Heino saß damals in der Ecke und applaudierte begeistert. Vier Platten hat er inzwischen veröffentlicht.

Das Songwriter-Dasein ist kein leichtes Brot, ein Leben lang von Wein und Zigaretten singen und sich im Supermarkt doch bücken müssen, um nach „Le Bonjour“ zu greifen.

„Und du sagst,/ Wenn doch bloß nur/ Immer die Sache mit dem Geld nicht wär'/ Und das Gefühl man wär zu alt/ Aber niemand wird kommen, dich zu retten/ Wie einen Regenwald Quadratmeter oder ein WWF-Tier.“ In diesen Zeilen erkennt man die Tragik von einem, der sich entscheidet, Lieder zu singen.

Das Lieder-Singen ist für ihn der einzige Ausweg aus der unüberwindbaren Situationen. Während die Existenzialisten sagen, es ist alles doof, und es ist nicht zu ändern, wir rebellieren aber trotzdem, sagt der Songwriter, es ist alles doof, es ist nicht zu ändern, rebellieren kann ich nicht, also sing ich darüber. Der Songwriter ist der ewig von den äußeren Umständen getriebene, ein kafkaesker Charakter vergangener Tage in dieser modernen Zeit.

Aus dem Duo wird ein Trio

Aber die Zuschauer kommen trotzdem. So 150 vielleicht, mehr passen aber sowieso nicht auf die Holzbohlen.

Sie sitzen dicht an dicht auf dem Boden, hinten stehen sie. Frauen umarmen sich. Niels spielt jetzt ein Stück von Hermann von Veen. Ein Freund stößt noch mit dem Cello dazu. Und weil auf den Flyern Niels-Frevert-Duo stand, ist der Musiker jetzt besorgt, dass einige ihr Geld zurückwollen, weil sie ja jetzt zu dritt sind. Aber dann kichert er nur ein bisschen und beginnt doch zu spielen.

Am anderen Ufer, drüben in Friedrichshain, stehen die Baukräne schon still. Bei den BASF-Farben brennt noch Licht und direkt über der kleinen Bühne, die eigentlich nur aus Boden und Boxen besteht, leuchtet das Blau der Allianz. „Ich werd Dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn's nicht meine ist“, singt Frevert und das Hemd ist immer noch so schön offen.