Paaren am Glien

Tocotronic und die „Nazikäffer“ beim Greenville-Festival

Tausende kamen zum zweiten Greenville-Festival. In der Havelland-Idylle spielten unterschiedlichste Bands - von Bloodhound Gang bis Nick Cave. Tocotronic-Sänger von Lowtzow vergriff sich etwas im Ton.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Ein Holzschild, das mit im Herunterlaufen erstarrten Vogelunrat versehen ist, weißt noch auf den Höhepunkt des Jahres 2003 hin, an den sich in Paaren am Glien mittlerweile niemand mehr erinnern kann. „Schwarzerle“, steht darauf, gefolgt von den Zusätzen „Baum des Jahres 2003 – gepflanzt – Matthias Platzeck“. Da war er schon Ministerpräsident von Brandenburg. Aber so einen Baum pflanzen schadet ja nie. Von der zauberhaften Erle bekommen die wenigsten Besucher des Greenville Festivals etwas. Ihr nächster Höhepunkt heißt Tocotronic.

Dirk von Lowtzow, der Sänger, trägt eine erdbeereisfarbene Chinohose. Er ist jetzt 42, sein Haar ist durch das viele Singen schon ganz grau geworden und doch stampft im Körper des klugen Dressman noch ein kleiner Wüterich, ein aufmüpfiges Ich, das selbst gar nicht begreifen mag, dass Tocotronic keine subversive Kraft mehr, sondern längst schon Teil der Regierung sind. Und so spielen die vier Männer Stücke von Todsünden, Geschlechterrollen und grünen Hügeln.

Dirk von Lowtzow und die Nazikäffer

Ihre letztes Album „Wie wir leben wollen“ hallt noch opernartig in den Ohren, aber auf dem Greenville spielen sie ihre Rockmusik. Das ist auch schön. Furchtbar heiß ist es noch und so mag man es auf die Hitze schieben, diese pubertäre Aussage des Sängers, als er das Stück „Aber hier leben, nein danke“ ankündigt. „Möge jedes gottverdammte Nazikaff hier in der Gegend erzittern“. Man tut den Menschen dieser Region Unrecht, wenn man sie auf Bewohner von Nazikäffern reduziert. Auf dem Greenville und auch in den Orten darum sind die Menschen noch freundlich und hilfsbereit.

Idylle zwischen Damwild und Wildobstgarten

Das Greenville eine halbe Stunde vor Berlin gelegen, findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt. Was der Veranstaltung vielleicht an einer inhaltlichen Programmatik fehlen mag - es spielt die Affenbande Bloodhound Gang genauso wie der große Nick Cave – so gelingt es den Machern zwischen dem Damwild, dem Wildobstgarten und der Schaukäserei des Erlebnisparks Paaren eine wundersam friedliche Idylle zu erschaffen. Das Sicherheitspersonal, man sieht es kaum, genauso ist es richtig, und doch ist es eben da. Die Besucher, eine angenehme Mischung aus Berlinern und Brandenburgern, sind glücklich ob der Weite der Wiesen um sie herum. Und selbst das Essen vom Dampfschwein über den Spinatknödel bis zum Knoblauchbrot ist fabelhaft.

Wer hätte eigentlich gedacht, dass es die Kaiser Chiefs noch gibt? Die haben zwar 2011 noch ein Album rausgebracht, aber de facto hat sie seit „Ruby“ eigentlich keiner mehr gehört. Sie spielen einen rustikalen, britischen Stadionrock, der mit seinen vielen „Yeahs“ und „Ahs“ an die Lyrik des frühen Blues Rock erinnert. Es ist der letzte Tag des dreitägigen Festivals.

Die letzten wilden Kerle

Die echten Rock'n'Roller, die letzten wilden Kerle findet man nicht auf einer der drei Bühnen, sie stehen in alten Lederstiefeln vor dem Motodrom. Bärte haben sie, Tätowierungen an Hals und Armen. Sie rollen das R so bayerisch schön. Die älteste reisende Steilwand der Welt befahren sie mit ihren Motorrädern. Durch eine Luke steigen sie in den Kreisel mit den sechs Meter hohen Holzwänden. „Sensationen, Wagemut und Adrenalin pur“, verspricht Donald Ganslmeier, der Anführer der Gang.

Sie sind eine aussterbende Art. Es knattert und knallt, mit 45 Stundenkilometern fahren drei Männer und eine Dame mit dem dreifachen ihres Gewichts an die Wand gedrückt gegen eine vernünftige Welt von Gesundheits- und Umweltfanatikern an. Freihändig, mit nur einem Fuß auf dem Gefährt, dem Tod die lange Nase zeigend, rasen sie im Kreis an einer Bretterwand entlang.

Nick Cave - aus einer anderen Zeit

Nick Cave gefällt das bestimmt. Mit seinen Bad Seeds ist er auch aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der vor der Bühne noch keine „motherfucking girls with motherfucking iPhones“ stehen, wie er es in den Song „Stagger Lee“ einwebt. Der Meister der Nacht spielt um sein Leben. Sein Geiger Warren Ellis schmeißt den Bogen seines Instruments ins rechte Aus. Cave gibt den Spinnenmann, den Verführer und den Teufel, er singt von Deanna und Meerjungfrauen. „Who cares what the future brings?“ Was soll die Zukunft auch schon bringen, fragt man sich. Und dann bringt sie doch den nächsten Song und unter dem Applaus tausender Hände, wirft Nick Cave Blitze in die Nacht.

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