Kristinn hat Angst, „einen engen Freund zu verlieren“. Viktor hat Angst vor Stress. Hafidis hat Angst vor dem Scheitern. Arn hat Angst „eine Memme zu werden“. Sie kommen allesamt aus Island und sind nun Teil einer Ausstellung. In Berlin-Dahlem ist sie zu sehen, im Museum Europäischer Kulturen werden die Fotografien von Edgar Zippel ausgestellt. .„I’m not afraid of anything“, heißt sie, weil, so die Kuratorin Irene Ziehe, dieser Satz am häufigsten genannt wurde, die Befragten würden sich vor nichts fürchten.
Vielleicht war er aber auch einfach nur der Satz, der die Älteren am meisten gewundert hat und daher am stärksten haften geblieben ist. Bei dem, was man so über Jugendarbeitslosigkeit liest, die in Spanien und einigen osteuropäischen Ländern bei um die 25 Prozent liegt, könnte man sich auch vor mehr fürchten als Pall das tut. Der junge Fischer fürchtet sich vor „Fledermäusen und Schlangen“.
Nun ist die Frage, was denken eigentlich diese „jungen Leute“, so alt wie das Konzept der Jugend. Die Idee von Jungsein bedeutete nicht nur ungesünder zu leben und dabei besser auszusehen als die Alten, sondern auch irgendwie anders zu sein, rebellischer, unkonform, das ganze Zeugs halt.
In den vergangenen beiden Dekaden hat sie sich schleichend selbst erlegt, weil für die moderne, ultratolerante Gesellschaft jeder Spleen als irgendwie okay und unter der Kategorie „kann man mal machen“ läuft. In diesem „entpolitisierten Multikulturalismus“, wie der Philosoph Slavoj Zizek den Zeitgeist mal mit einiger Verachtung zusammenfasste, stellt sich die Frage „Anpassung versus Rebellion“ nicht mehr.
Vorname und Beruf – mehr nicht
100 Fotografien hat Edgar Zippel ausgestellt, Menschen zwischen 18 und 23 Jahren werden gezeigt. Über einige Jahre hinweg ist der Berliner Fotograf immer wieder durch acht Länder gezogen und hat sie angesprochen. Manche hat er auf der Straße fotografiert, manche in deren Heim. Aneinandergehangen sind sie in einem Raum des Museums in Dahlem, der Besucher erfährt auf den ersten Blick nicht mehr als den Vornamen und den Beruf.
Und er fragt sich schon recht früh, was das Ganze eigentlich soll. Fotografen können das Leben einfangen, wie es die dokumentarischen Bilder von Robert Frank oder Reportagen von Eve Arnold zeigen. Oder sie machen das Leben ein wenig greller als es üblicherweise scheint, so wie Herb Ritts oder Terry Richardson es tun. All deren Werke berühren, weil sie eine Geschichte erzählen, weil sie den Betrachter neugierig machen.
Mit all diesen Kriterien braucht Edgar Zippel nicht zu kommen. Wir sehen in seinen Aufnahmen eine Frau mit weißem Shirt vom Land, darunter einen Mann mit kurz geschorenen Haaren an einem See in einer schwarzen Jacke und einen Mann mit türkisener Baseball-Kappe und einer roten Adidas-Jacke und einer grauen Adidas-Trainingshose. Und so weiter. Und so fort. Die Fotografierten schauen allesamt ernst, aber nicht unfreundlich. Falls ihnen etwas auf der Seele brennen sollte, sie werden es Edgar Zippel nicht erzählt haben.
So kann man bestimmt Behörden begeistern
Warum sollten sie auch? Er hat sie angesprochen, mit ihnen geredet, sie geknipst, nach einer Stunde war man fertig. Kein Mensch öffnet sich in 60 Minuten, ein gutes Porträt, das gilt für Schrift und Bild, dauert halt. Was wir hier stattdessen sehen, sind inszenierte Schnappschüsse.
Kuratorin Irene Ziehe sagt, es gehe auch um einen dokumentarischen Wert, man wolle das Bild der europäischen Jugend am Beginn des 21. Jahrhunderts festhalten. Was schon eine gewisse Komik hat: Schließlich ist es ja nicht so, als ob „junge Leute in Europa“ eine sehr seltene Spezies sind, die gemeinsam mit Mikronesiern um ihre Arterhaltung kämpfen. In einem Zeitalter, in der jede Bewegung, jeder noch so unbedeutende Moment auf dem iPhone festgehalten wird und via Facebook, Twitter und Tumblr der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird, da war ein öffentlich finanziertes Projekt über unser aller Leben wirklich überfällig.
Irene Ziehe beherrscht das gesamte Vokabular für Förderanträge in einer Kulturverwaltung: „Werkstatt“, „Prozess“, „mediale Vernetzung“, „Erinnerungskultur“. So kann man bestimmt Behörden begeistern, Besucher allerdings nicht.
Genereller formuliert: Das Problem des Museums in Dahlem ist nicht dessen Lage (sonst wäre die Gedenkstätte Hohenschönhausen nicht so überlaufen). Es sind die Ausstellungsmacher.
Museum Europäischer Kulturen, Berlin-Dahlem, Arminallee 25, Di -Fr 10 bis 18 Uhr, Sa + So 11 bis 18 Uhr




