Berliner Ensemble

Rolf Hochhuth reicht Klage gegen den Berliner Senat ein

Der Dramatiker möchte das Berliner Ensemble aus seinem Theatergebäude herauswerfen. Mit dem Gang vor Gericht macht er nun ernst und will Aufführungsrechte für seine Stücke erzwingen.

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Rolf Hochhuth und sein Anwalt Markus Kerber erhöhen im Streit um das Berliner Ensemble den Druck: Der Anwalt von Hochhuths Ilse-Holzapfel-Stiftung, der das Theater am Schiffbauerdamm in Mitte gehört, hat beim Landgericht Berlin Klage gegen das Land Berlin und die Berliner Ensemble GmbH eingereicht, um die Räumung des Gebäudes zu erzwingen. Damit geht der Dramatiker kaum sechs Wochen nach der außerordentlichen Kündigung des Mietvertrages nun den nächsten Schritt in dem Konflikt mit dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD).

Hochhuths Stiftung gehört das ehemalige Theater Bertolt Brechts, seit es der Autor in den 90er-Jahren von den jüdischen Alteigentümern erworben hat. Der Senat hat das Haus 1998 gemietet und an das Berliner Ensemble mit dem Intendanten Claus Peymann untervermietet.

Der Mietvertrag wird nicht erfüllt

Hochhuth sieht wesentliche Inhalte aus dem Mietvertrag nicht erfüllt. Vor allem geht es um das nach seiner Darstellung immer wieder verweigerte Recht, im BE an drei Tagen im Oktober sein Werk „Der Stellvertreter“ über die Deportation von Juden aus Rom vor den Augen des Papstes 1943 aufführen zu dürfen. Auch die im Vertrag vereinbarte Bespielung mit eigenen Stücken während fünf Wochen der sommerlichen Theaterferien sei nie im verabredeten Umfang zugelassen worden. Diese Aufführungsrechte seien aber der Kern des Stiftungszwecks. In der Erwartung, am BE eigene Stücke auf die Bühne bringen zu können, hatte Hochhuth sich mit einer niedrigen Miete von nur 214.000 Euro pro Jahr für das Objekt in bester Lage zufrieden gegeben. Diese Summe ist nun auch der Streitwert des Verfahrens.

„Die Beklagten verletzen in erheblichem Maße ihre Verpflichtungen aus dem Mietvertrag, so dass der Klägerin die Fortsetzung des Mietverhältnisses nicht zugemutet werden kann“, heißt es in der Klageschrift, die der Morgenpost im Entwurf vorliegt. Senatsverwaltung für Kultur und Berliner Ensemble sollten das Gebäude „sofort und besenrein“ herausgeben.

Einstweilige Verfügung

Jurist Kerber ist bemüht, die Richter dazu zu bringen, sich schnell mit der heiklen Mietsache zu befassen. Er bitte in der Klageschrift, einen „zeitnahen Termin zur mündlichen Verhandlung“ anzuberaumen. Außerdem beabsichtigt Hochhuths Rechtsvertreter, zusätzlich eine einstweilige Verfügung zu beantragen, um noch in diesem Sommer Aufführungen des Hochhuth-Stücks „Sommer 14“ über die Vorgeschichte des ersten Weltkrieges im BE durchzusetzen. Weil die Theaterferien nur noch bis Ende August dauern, müsste sich das Gericht ziemlich schnell mit einem solchen Ansinnen beschäftigen.

Hochhuth und Kerber machen Tempo, weil sie dem Senat ohnehin vorwerfen, im Umgang mit dem 82 Jahre alten Dramatiker auf Zeit zu spielen. In der Anklageschrift, wird der Vorwurf erhoben, Kulturstaatssekretär André Schmitz spreche zwar öffentlich davon, er hoffe auf eine Verhandlungslösung mit Hochhuth. So hatte es Schmitz auch in einem Interview mit der Morgenpost Ende Juni gesagt. „So redet Schmitz seit Jahren, um die Frist der Sommerbespielung zu überbrücken“, heißt es im letzten Absatz der Klageschrift. Senatsintern habe er jedoch mehrfach zum Ausdruck gebracht, „mit dem Ableben des Stifters sei so zeitig zu rechnen, dass sich die Problematik der Bespielung dann von selbst löse. Dies darf als amtliche Verhöhnung eines maßgeblichen zeitgenössischen deutschen Dramatikers durch den Senat anzusehen sein“. Daher sei Klage geboten.

Seine Frau ist alleiniger Vorstand

Das juristische Vorgehen gegen den Senat ist formal von der Person Hochhuths unabhängig, ebenso wie das Eigentumsrecht an dem Theater am Schiffbauerdamm. Handelnder Akteur ist die nach Hochhuths Mutter benannte Stiftung, die von seiner Frau Johanna Binger-Hochhuth als alleinigem Vorstand vertreten wird. Dennoch darf es als zweifelhaft gelten, dass die ruhige Buchhändlerin mit der gleichen Verve wie ihr streitlustiger Gatte vorgehen würde.

Wenn der Fall nun vor Gericht kommt, könnte auch ein Vergleich das Ergebnis sein. Die Richter würden dann Senatsverwaltung und Berliner Ensemble zwingen, Hochhuth das Haus an bestimmten Tagen zu überlassen. So ließe sich verhindern, dass eine der bedeutendsten Sprechbühnen Berlins heimatlos würde. Sollte der Dramatiker siegen, müsste er schnell neue, zahlungskräftige Nutzer finden. Denn der Senat würde die Subventionen für das BE von zuletzt zwölf Millionen Euro stoppen. Weil für den Spielbetrieb nötige Einrichtungen nicht im Eigentum der Stiftung liegen, sei es auch kaum möglich, dort weiter Theateraufführungen anzubieten, heißt es. Auf Seiten Hochhuths gehen sie jedoch schon davon aus, das Haus in bester Mitte-Lage gewinnbringend vermieten zu können.

Peter Raue ist der Gegenanwalt

In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder öffentliche und auch juristische Auseinandersetzungen zwischen Hochhuth und dem BE-Intendanten Claus Peymann um die Nutzungsrechte der Stiftung gegeben. Die Senatskulturverwaltung, die sich von Peter Raue anwaltlich vertreten lässt, hatte die Kündigung im Juni zurückgewiesen. Raue erklärte, es gebe keinen Rechtsanspruch auf eine Aufführung des „Stellvertreters“ im BE. Die Stiftung habe lediglich das Recht, eine von ihr finanzierte und realisierte Inszenierung an drei Tagen im Oktober am Berliner Ensemble zu zeigen. Ein solches Angebot habe Hochhuth niemals unterbreitet. Zur Sommerbespielung durch die Ilse-Holzapfel-Stiftung sei das Theater nur verpflichtet, wenn Zeitraum und Stück wie vertraglich verabredet rechtzeitig angeboten werden. Das sei bisher nie geschehen.

Illegale Untervermietung

Hochhuths Anwalt wendet dagegen ein, sein Mandant habe immer wieder beim BE-Intendanten die Nutzungsrechte eingefordert. Es gehe auch um den Geist eines Vertrages, und der sei verletzt, wenn die Stiftung von 798 möglichen Aufführungstagen nur 73 Mal zum Zuge gekommen sei.

Durch die entfallenen Theaterabende sei der Stiftung auch ein finanzieller Schaden entstanden. Immer wieder seien Reparaturarbeiten ausgerechnet in den für Hochhuths Stücke vorgesehenen Zeitraum gelegt worden. Dagegen sei es kein Problem, in den Theaterferien das Haus zu öffnen, um die „Late Night Show“ des Komödianten Kurt Krömer dort aufzuzeichnen. Der RBB habe dafür 150.000 Euro bezahlt. Fast so viel wie die gesamte Jahresmiete. Das wertet die Klage als „illegale Untervermietung“.

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