Zwölf Stunden

Fliegende Körper und die größte Hüpfburg der Welt

Immer in Bewegung: Das Festival „Foreign Affairs“ ist das spannendste Kulturereignis dieses Berliner Sommers. Künstler, Gäste und Macher freuen sich auf Shows aus aller Welt.

09:15 Dieser Tage läuft alles ganz anders bei den Berliner Festspielen in Wilmersdorf. Das verrät schon die Architektur des Theatergebäudes. Matthias Schäfer steht auf einem großen Balkon, der sich direkt an das Hauptgebäude des Theaterhauses an der Schaperstraße anschließt. Normalerweise steht der provisorische Vorbau hier nicht. „Für das Festival probieren wir allerlei neue Nutzungsmöglichkeiten des Hauses aus. Der Balkon ist so ein Beispiel dafür“, sagt der 46 Jahre alte technische Leiter des Festivals, das vor einer Woche begann und bis zum 14. Juli zu sehen ist. Einige der weltweit besten Bühnen-Gruppen sind in der Stadt, um ihre Shows beim „Foreign Affairs“ vorzustellen. Das 15-köpfige Team um den technischen Leiter hat den Garten des Hauses umgestaltet, die Kassenhalle umfunktioniert und „eine völlig neue Infrastruktur des Theaters“ für die Foreign Affairs geschaffen, sagt Matthias Schäfer.

11:40 Im Foyer der Festspiele räumen Mitarbeiter Blumenvasen zusammen, die für das Premierenfest am Vorabend die Räume schmückten. Mitten im Durcheinander steht der Hauptverantwortliche des Festivals: Matthias von Hartz, der künstlerische Leiter des Projekts. Im Vorfeld bejubelten ihn die Medien und der „Kulturspiegel“ schrieb auf der Titelseite: „Die Nummer eins. Matthias von Hartz macht das klügste Theaterfestival des Sommers.“ Das klügste Festival? „Wichtig ist mir das Gesamterlebnis des Festivals“, sagt von Hartz, der im vergangenen Sommer das Internationale Sommerfestival in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg geleitet hat. Gesamterlebnis, das bedeutet: Zwei Werkschauen, die eine von dem großen William Forsythe, die andere von der Performance-Gruppe Nature Theater of Oklahoma aus New York. Dritter Schwerpunkt des Festivals ist ein politischer: Ein Performance-Wochenende (12. und 13. Juli) widmet sich der Bedeutung der Wette und ihrem Sinn in Ökonomie und Gesellschaft.

12:15 Kapitalismuskritik schwingt auch in der Wette mit, welche die Performance-Truppe mit dem Namen Geheimagentur im Rahmen des Festivals ausgerufen hat. „Diese Limousine stammt aus Dubai. Ihr Halter ist während der Finanzkrise aus dem Land geflohen“, sagt eine Mitarbeiterin der Agentur jedem, der sie danach fragt. Ihr Namen, so schreibt es ihre Agentur vor, soll - natürlich - geheim bleiben. Nur das verrät sie: „Wir nehmen Vorschläge für unwahrscheinlichste Fahrt mit dem Fahrzeug an. Der Gewinner bekommt die Limousine.“

13:20 Gerhild Heyder ist die Chefin für das Protokoll. Und als solche verantwortlich für die Gästelisten, für Einladungen und Empfänge. Auch das Placement im Saal, wie Heyder sagt, sei ihre Aufgabe. „Ich sorge dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen“, sagt sie. Für die Premiere hat sie rund 500 Einladungen an prominente Gäste verschickt. Zu sehen sind in diesem Jahr etwa die Produktionen „Swamp Club“ von Philippe Quesne und „Partita 2“ von Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz. Nicht nur das Haus der Berliner Festspiele soll während des Festivals zu einem Ort für Kunst, Konzerte und Kultur werden. Zu den Kooperationspartnern gehören auch das Hebbel am Ufer (HAU) und das KW Institute for Contemporary Art in der Torstraße, das zeitgenössische Werke ausstellt.

15:10 Der Choreograph William Forsythe stellt in der Lokhalle des ehemaligen Tempelhofer Rangierbahnhofs aus, einem weiteren Standort des Festivals. Lotte Grenz, die Produktionsleiterin der dortigen Ausstellung, lässt Gäste in die Lokhalle ein. Drinnen steht das Kunstwerk „White Bouncy Castle“, in etwa: weißes elastisches Schloss. „Die Burg ist 35 Meter lang, 13 Meter breit und 11,50 Meter hoch“, sagt Grenz. Es ist die größte Hüpfburg der Welt. Dem Künstler, erklärt die Produktionsleiterin, gehe es darum, „Räume zu schaffen, auf denen man sich anders bewegt, als auf dem festen Boden.“

15:15 Genau das wollen Ulrich Sattler und seine Familie jetzt einmal ausprobieren. Der Familienvater hat sich die Schuhe ausgezogen und läuft mit seiner Freundin, den Kindern und Enkelkindern über den Teppich, der zum Eingang des White Bouncy Castle führt. „Das ist natürlich ein schönes Familienevent“, sagt der Berliner. Und eine Attraktion nicht nur für Kunstliebhaber, sondern auch für seine anderthalb Jahre alte Enkelin, Elinor.

16:00 Zurück in den Garten der Berliner Festspiele: Am breiten Grill bereiten die drei Bartträger Gabel Eiben, Ilan Bachrach und Mathew Korahais mit viel Körpereinsatz das Barbecue vor, ganz amerikanisch eben. Von einer Seite sind die Bouletten schon bestens gebräunt. Auch das gehört zur Performance – und zum Gesamterlebnis des Festivals. So viel Kultur auf einmal: das macht einfach hungrig.

16:15 Denise Palma Ferrante spricht die letzten Vorbereitung für das Catering mit Fritz Zappe ab. Sie ist die Leitern für das Catering. Zudem koordiniert sie ein halbes Dutzend kleiner Buden, die im Garten der Festspiele Getränke und Speisen verkaufen. Fritz Zappe, selbst aus Bamberg, karrt Brot zu seiner kleinen Hütte. „Fränkische Botschaft“, steht an dem kleinen Holzhäuschen. Zappe verkauft Bratwurst und Leberkäs. „Und Bamberger Würstchen“, sagt der Franke.

17:05 Inmitten von leeren Pet-Flaschen, Computerbildschirmen und allerlei elektronischem Gerät sitzt der IT-Spezialist Sebastian Rieger in seinem Büro. „Ich versuche gerade, ein Problem mit der Internetverbindung der Bühnensteuerung zu lösen“, sagt der 34-Jährige. Die gesamte Bühnensteuerung, erfolgt mit einer Software, die von einer Firma in Holland stammt. „Im Haus findet nur die Planung für die Bühnentechnik statt“, sagt Rieger. Programmiert wird in Holland.

19:05 Der dritte Austragungsort des Festival ist das Hebbel am Ufer (HAU). Dort plant die Performance-Gruppe The Nature Theater of Oklahoma eine Reihe Projekte. „Wir drehen den nächsten Teil unserer ‚Saga Life and Times‘ “, sagt Nora Hertling, Mitglied der Truppe. Dafür sucht die 15-köpfige Gruppe noch Schauspieler. „Die Bewerber aus Berlin haben wir für heute eingeladen.“

19:30 Der Innenhof des HAU füllt sich mit jenen Gästen, die sich für das Filmprojekt der Performance-Gruppe bewerben wollen. Am Rand sitzt Anne Geridly, Mitglied der Performance-Gruppe, die Porträts von den Interessenten zeichnet. „Pro Bild habe ich ungefähr zwei Minuten Zeit“, sagt sie. Schon kommt der Nächste.