Kinofilm

Heute würde Peter Kraus lieber Rennfahrer werden

„Systemfehler“ ist eigentlich ein Teeniefilm. Doch Alt-Rocker Peter Kraus adelt ihn mit einem hochironischen Auftritt als ausgebuffter Schnulzenstar. Wir haben mit dem 74-Jährigen darüber gesprochen.

Foto: Splendid Film

Eigentlich ist „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, ein Teeniefilm über eine deutsche Schul-Punk-Band-Komödie. Aber dort überrascht der 74 Jahre alte Rock ‘n’ Roll-Star Peter Kraus mit einem Gastauftritt als abgehalfterter Schlagerstar Herb.

Nach langer Leinwandabstinenz gibt er hier – nicht frei von Selbstironie mit wasserstoffblonder Haarpracht und lila Cord-Jackett– eine Art Comeback.

Kraus, der alte Rockstar und Filmstar aus den Siebzigern, gibt in der schrillen und lauten Teenie-Komödie der Jugend Karrieretipps. Dabei ist er nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Das Lied „Rosen auf Hawaii“ hat er extra für den Film geschrieben, eine nicht ganz ernst gemeinte Schnulze, mit der er sich und seine Schlagerkollegen selbst aufs Korn nimmt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Kraus, Ihr letzter Kinoauftritt liegt eine Weile zurück. Wie war es, mal wieder vor einer Kamera zu stehen?

Peter Kraus: Lustig. Weil die Rolle gut war.

Was hat Ihnen an Onkel Herb gefallen?

Die Rolle ist genau das Gegenteil von Peter Kraus. In Deutschland kommen Produzenten immer auf die Idee, einen Schlagersänger branchenintern zu besetzen. Roland Kaiser zum Beispiel, der im „Tatort“ dann als Robert Koch auftaucht. Zum Totlachen. Sobald ein Angebot für einen Kinofilm oder eine Fernsehrolle kommt, frage ich immer schon direkt nach: „Schlagersänger“. Auf der anderen Seite der Leitung ist es dann erst mal still, dann kommt die Nachfrage, woher ich das wisse. Ganz einfach – ich bekomme einfach nichts anderes angeboten.

Und warum haben Sie hier dann zugesagt?

Weil es nicht einfach nur ein Schlagersänger war, sondern eine Figur mit Charakter. Mir sind sofort viele Dinge zu dieser Figur eingefallen. Ich habe mittlerweile über fünfzig Jahre lang deutsche Schlagersänger und ihre Macken beobachten dürfen. Endlich konnte ich diese Beobachtungen mal in eine Rolle einfließen lassen. Meine einzige Bedingung war, dass ich eine Perücke tragen durfte. Für mich war so die Unterscheidung zwischen Peter Kraus und meiner Rolle wesentlich einfacher.

Wie viel Peter Kraus steckt in Herb?

Vielleicht eine gewisse Schlaksigkeit. Aber auch nicht zu viel. Es tat gut mit den ganzen Klischees, die es über unsere Branche gibt, einmal bewusst spielen zu können.

Immerhin singen Sie hier den fiktiven Hit „Rosen aus Hawaii“. Kam der Song von Ihnen?

Ich habe mitgearbeitet. Eine sehr prägnante und sehr schnulzige Textzeile stammt aus meiner Feder. Als Peter Kraus würde ich das Lied allerdings anders singen. Schnulzen sind immer ein heikles Thema, eigentlich eine Persiflage. Die Leute kriegen es nicht mit und finden es genau deshalb schön. Eine echte Gratwanderung zwischen Übertreibung, Albernheit und dem Versuch, das Publikum nicht zu beleidigen und das Kartenhaus nicht zusammenfallen zu lassen.

Hatten Sie in Ihrer Karriere je die Angst, in die Schnulzigkeit abzurutschen?

Nicht nur die Angst. Ich habe viel mit Ralph Siegel produziert und er bestand natürlich darauf, dass es so gesungen wird, wie er es sich vorstellt. Wir hatten damit Erfolg. Ich habe nichts gegen Schlager, aber es ist einfach nicht das, was ich am liebsten singe.

Im Film geht es um eine Punkband. Wie wäre es mit einem Peter-Kraus-Punk-Album?

Punkmusik ist in meinen Augen die primitivste und einfachste musikalischste Ausdrucksform. Gleichzeitig aber auch wahnsinnig schwierig, man kann nicht phrasieren, nur rausbrüllen. Mehr nicht. Für einen leidenschaftlichen Musiker wie mich, der seit über 50 Jahren Musik macht, wäre Punk immer ein Schritt rückwärts.

Können Sie sich an den einen Moment in Ihrem Leben erinnern, in dem Ihre musikalische Karriere los ging?

Ich bin aus reinem Jux auf die Bühne gegangen, war ja eigentlich ein ernster Schauspieler, habe in „Das fliegende Klassenzimmer“ gespielt, dann zwei, drei Filme mit Heinz Rühmann. In München gab es einen großen Aufschrei, dass für die Jugend nichts getan werde. Die Münchner „Abendzeitung“ hat ein Konzert für die Jugend veranstaltet. „Jazzkonzert für die Jugend“ hieß das. Alles was damals aus Amerika kam, nannte man Jazz und malte einen Mohrenkopf aufs Plakat. Das war einfach so. Es spielten unter anderem Max Greger und Hugo Strasser, ich habe nur aus Spaß mitgemacht und den Moderator gebeten, er möge meinen Namen nicht nennen, mich lediglich als jungen Münchner ankündigen. Ich wollte abwarten, ob mein Auftritt ankommt. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Er kam, sah und siegte. Auch Deutschland hat einen eigenen Elvis“.

Der Auftritt hat über Nacht Ihr Leben verändert?

Im Grunde genommen ja. Mein Vater, selber ein Musiker, hatte mir schon vorher Gitarrenunterricht spendiert. Ich habe Jazz-Gitarre gelernt, ein unglaublich schweres Instrument. Meine Musik war eigentlich Fred Astaire, Sinatra, die ganzen Musikfilme. Der Rock ‘n’ Roll war wie eine Befreiung. Drei Harmonien, Zack, Zack, ab geht die Post.

Sie stehen seit über 50 Jahren auf der Bühne. Wie behält man den Rock ‘n’ Roll im Blut?

Ich habe keine Ahnung. Wenn ich auf der Bühne stehe, verspreche ich meinem Publikum immer, dass sie sich um 20 Jahre jünger fühlen werden. Das ist keine Floskel. Mir geht es ja selbst so. Ich bin zwar erschöpft, habe großen Bierdurst, aber ich fühle mich einfach jünger.

Was passiert mit Ihnen auf der Bühne?

Vielleicht sind es die Gedanken im Hinterkopf, die aufkommen, wenn man erlebt hat, dass man der erste war, der so eine Musik nach Deutschland importiert hat. Die Leute waren damals auf der einen Seite begeistert und auf der anderen Seite schockiert. Die Nation war gespalten, hoffte, dass das Theater bald vorbei sei. Ich selbst habe auch damit gerechnet, mir Alternativen überlegt. Karrieren als Schauspieler oder Musicalsänger. Dann stehe ich mit 74 auf der Bühne, singe einen Song von damals und die Leute flippen noch immer aus. Das ist ein unheimlich schönes Gefühl, das ist einfach nur irre. Nicht, dass ich das noch immer singen darf und auf die Bühne gelassen werde, sondern, dass die Reaktion auf etwas Totgesagtes nach so langer Zeit noch immer so intensiv ist.

Liegt es vielleicht auch daran, dass heute vieles Wegwerfmusik ist und man sich gerne an die älteren Sachen erinnert, die prägnanter sind?

Ich bin überzeugt von meiner Musik. Von der Zeit, als die Melodie das Wichtigste war. Erst dann kamen der Text und die Begleitung. Heute ist alles umgekehrt. Heute kommen erst der Sound, die Begleitung, die Base-Drum und der Bass und irgendwann fällt jemandem auf, dass man ja darauf noch singen muss. Dieter Bohlen hat nicht ganz unrecht, wenn er sagt, es sei völlig egal, wie der Text sei, wenn man eine prägnante Liedzeile hat, die man immer und immer wieder wiederholt. Musik wird heute einfach anders gemacht. Ich will damit nicht sagen, dass die Lieder, die ich singe, hochwertiger sind. Mir machen sie einfach mehr Spaß. Mein Produzent sagt immer, ein Hit muss man auf dem Kamm blasen können und noch immer das Hitpotenzial erkennen können. Erst dann ist es ein wirklicher Hit.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die Rockstar werden wollen?

Abraten.

Warum?

Rockstar-Sein war damals eine tolle Geschichte. Heute würde ich Fußballer, Tennisspieler oder Rennfahrer werden. Das ist doch alles viel interessanter als Rockstar.