Das letzte abwärts klingelnde Läuten des Gongs für dieses Jahr ertönt und die Musiker des Filmorchesters Babelsberg nehmen Platz. Sonnig ist es an diesem Montagabend um kurz vor halb acht. Der Sekt von Lutter & Wegner fließt dem festlichen Anlass entsprechend elegant in die Kelche der Besucher.

Einmal im Jahr, zum Classic Open Air, wird der Berliner Gendarmenmarkt zum mondänen Boulevard der Mitte. Das Konzerthaus im Zentrum, links der Deutsche und rechts der Französische Dom. Beim Anblick der herausgeputzten Fassaden wird einem ganz warm und man muss der Geschichte dankbar sein, wie gnädig sie doch war. Nach zwei Diktaturen kann sich die ganze Welt im wiederaufgebauten Zentrum Berlins seit mehr als 20 Jahren an klassischen Klängen erfreuen.

Ganz in Weiß kehrt Dirigent Stefan Klieme den Zuschauern den Rücken zu. Die Söhne Mannheims und das Orchester beginnen in schmeichelndem Moll. „Volle Kraft voraus“ von ihrem Debüt. Der 13 Jahre alter Song gewinnt im neuen Gewand der Neuinterpretation eine theatralisch, eben orchestrale Facette.

Und so fällt es gar nicht auf, dass Xavier Naidoo schon längst nicht mehr mit den Söhnen Mannheims auftritt. Seit 2012 nimmt er sich eine Auszeit.

Leise Klavierakkorde schmeicheln den Ohren der Besucher

Es ist schon erstaunlich, von welcher tiefen Gottesachtung die zwölf Söhne Mannheims da singen, rappen und soulen. Sie singen vom Babylon-System, von einer unchristlichen, kapitalistischen Unterdrückerwelt.

Babylon, das ist für die Rastafaris, im Prinzip sind das sehr strenge Christen, die sich auf das Alte Testament beziehen, der Ort der Unordnung, der Korruption. Die Rastas sehen in der Verschleppung ihrer afrikanischen Vorfahren eine Art Wiederholung der Gefangenschaft der Israeliten 597 vor Christus. So ist es auch kein Zufall, dass ihr erstes Album „Zion“ heißt und dessen zwei Nachfolger „Noiz“ und „Iz on“ Anagramme des Wohnsitzes vom Gott der Israeliten ist.

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Die leisen Klavierakkorde schmeicheln den Ohren der Besucher. „Jah is changing all“, singen sie, Gott wird alles verändern. Dreistimmig kreiseln die wohligwarmen Stimmen. Die Geigen flattern kindlich im Einklang mit ihnen. Und die Statuen auf den Dächern scheinen miteinzusetzen.

Wie jedes Jahr stehen und sitzen auf den Terrassen der angrenzenden Büro- und Wohnhäuser die Zaungäste. Anders als die Besucher laben sie sich flaschenweise an Musik und Schaumwein.

Was ein Orchester doch ausmacht. Das Göttliche der Hörner, die kindlichen Flöten und die verspielten Geigen. Dazu ein tiefenentspannter Reggaebass und der marschierende Off-Beat der Gitarre, der in ein Joggen übergeht.

„Ganz schön ungewöhnlich, vor gesetztem Publikum zu spielen“, das amüsierte Pfeifen, die ebenso mit Ironie spielende Reaktion des Publikums strahlt der Ansage des bärtigen Sängers Henning Wehland entgegen. „Wir haben immer die Extreme gesucht“, schließt er. Applaus!

Eine Soirée ist eben eine Soirée

Es mag dem großen Platz geschuldet sein, aber dem Sound täte ein bisschen mehr Druck wohl gut. Andererseits, eine Soirée ist eben eine Soirée und kein Diskoabend. Und Mannheim und Babelsberg spielen eine sich trefflich ergänzende Symphonie zur untergehenden Sonne, des sich verabschiedenden Classic Open Airs.

Natürlich singen sie „Ich will zurück zu Dir“, und so schön es gerade auch ist, ein ganzes Jahr muss wieder vergehen, ehe Gerhard Kämpfe, der Direktor der Veranstaltung, stolzen Schrittes die neun Stufen zur Bühne überwindet und wieder den Anblick seines Engagements, seiner Leidenschaft genießen darf, der sich in den Tausenden von Gästen spiegelt, in ihrem Mitwippen, in ihrem Lachen.

Die Hüften kreisen, die Knie wippen

Friedrich Schiller steht nach der Pause unverändert auf dem Podest des Brunnens. Und die Menschen klatschen so laut in die Hände, dass man vom Gesang kaum etwas hören kann. Die Würste, die Brezeln und natürlich der gute Berliner Sekt haben in der Zeit ihre Wirkung nicht verfehlt. Gestärkt und deutlich angetan von der zweiten Hälfte, stehen die Besucher von ihren eng gestellten Sitzplätzen auf. Die Hüften jeglichen Alters, jeglicher Couleur und jeglichen Geschlechts kreisen und die Knie wippen dazu.

Die Berliner sind wach. „Wir sind auch wach“, sagt einer der Söhne. „Ihr müsst nur mitsingen. Ganz gechillt. Ganz easy.“ Und er macht ein „One Love. One Love“ vor. „Sexy“, fasst er zusammen und alsbald hüllt sich der ganze Platz in armwippende Liebe. Das Classic Open Air wird zum soften Rap-Schmuser, der schaukelnd eine tiefe Zufriedenheit bei den Besuchern auslöst.

Die Baukräne der Stadt stehen still, im Nordosten überfliegt eine Vierstrahlige die Szenerie. Die Hörner spielen auf zur Jagd und verstummen, wenn die Stimmen wieder einsetzen. Und obwohl das eigentlich Xavier singen müsste, es fehlt so gar nichts.

Unter den Vierteln der zusammenschlagenden Hände verabschieden sich die mehr als 40 Musiker. Es ist kurz nach 22 Uhr, als sie zur Zugabe anstimmen. Die roten Fliegen leuchten über den dunklen Anzügen. Damen tanzen barfuß zu den letzten Harmonien, ihre hohen Schuhe liegen daneben.

Und obwohl jetzt erst einmal alles vorbei ist, der Platz gefegt, die Stühle abgebaut und die Instrumente verstaut werden müssen, Gerhard Kämpfe träumt diese Nacht bestimmt schon vom nächsten Jahr. Er hat sich den Schlaf redlich verdient.