Da behaupte noch einer, dass klassische Musik nicht auch das Wetter verbessern kann: Mit Händels „Ombra mai Fu“ schmachtet Stimmwunder David Lee Brewer die letzte Wolke am Himmel hinfort. Ein beruhigendes Blau über dem Gendarmenmarkt bleibt. Perfektes Startwetter also für Classic Open Air. Perfekt für die „First Night“, für einen Mix aus Klassik, Pop, Artistik, Filmmusik und Feuerwerk. Das Publikum – auf Regenschauer eingestellt – hat die Lunchpakete und Picknickkörbe lieber zu Hause gelassen. Die Brezel-Verkäufer schwärmen umso eifriger aus.
In diesem Jahr geht das sommerliche Freiluft-Spektakel in die 22. Runde. Und kann auf eine wahrlich wechselhafte Erfolgsgeschichte zurückblicken. Es ist nämlich so: Bestenfalls steht das Classic Open Air für gutes Entertainment unter sternenklarem Himmel. Und schlimmstenfalls? Für wetterbedingte Torturen. Gründervater Gerhard Kämpfe geht Jahr um Jahr ein hohes Risiko ein. Akribisch stürzt er sich in die Vorbereitungen, klotzt bis zur letzten Minute, um der Hauptstadt etwas zu bieten. Doch letztendlich entscheidet das wankelmütige Wetter über Erfolg oder Misserfolg des Festivals. Der Gendarmenmarkt mag bei schönem Wetter einer der imponierendsten Plätze Europas sein. Im Falle eines Unwetters aber lässt sich kaum ein ungemütlicherer Ort vorstellen. Platzregen und Sturmböen treffen das Publikum mit ungehinderter Wucht. Das Wasser gefährdet die aufwendige Technik und die Spezialeffekte des Abends. So manches Konzert musste deshalb in den vergangenen Jahren abgebrochen werden, zuletzt der Eröffnungsabend 2012. Nach gut anderthalb Stunden war Schluss, das geplante Feuerwerk entfiel.
Umso erfreulicher, dass die diesjährige Eröffnung nun auf so unverhofft freundliches Wetter trifft. Fehlen nur noch die zahlreichen Stars, mit denen Classic Open Air wirbt. Doch die ganz großen Namen aus der Klassikbranche – sie laufen an diesem verlängerten Wochenende nicht auf. Organisator Kämpfe fördert eher Talente aus der zweiten Reihe zutage. Vielversprechender Nachwuchs darunter.
Diesmal immerhin mit dabei: Opern-Veteranin Grace Bumbry. 1997 hatte die Afro-Amerikanerin ihren Karriererückzug erklärt. In der letzten Zeit zog es sie dann doch wieder auf die große Bühne. Zuletzt sorgte Bumbry an der Wiener Staatsoper für Aufsehen, als alte Gräfin in Tschaikowskys Pique Dame, Anfang dieses Jahres.
Bumbry im Duett mit ihrem Adoptivsohn
Der Rückenwind tut der 76-Jährigen offensichtlich gut. Würdevoll präsentiert sie sich in der „First Night“, flexibel gestützt vom Filmorchester Babelsberg. Mit dem ergreifenden „Caruso“ von Lucio Dalla kommt sie in Fahrt. Der besondere Coup des Abends folgt danach: Bumbry im Duett mit ihrem Adoptivsohn David Lee Brewer. Brewer? Ja genau, mit dem erfolgreichen Wetterbeschwörer des Abends. Gemeinsam seufzen sie das soulige „That’s What Friends Are For“ von Burt Bacharach.
Madeleine Wehle, die neue Classic Open Air-Moderatorin, schwärmt von dieser Familienzusammenführung. Sie bittet das Publikum, ganz nahe zusammenzurücken. „So, und jetzt küssen Sie Ihren rechten Nachbarn, egal ob Sie ihn kennen oder nicht“, fordert sie. Große Augen schauen ihr entgegen. RBB-Moderatorin Wehle macht ihre Sache gut, ist charmant. Doch wer ist dieser David Lee Brewer? Das großformatige Hochglanz-Programmheft klärt auf: ein wahrer musikalischer Tausendsassa, Tanz- und Gesangscoach von Pop-Stars wie Beyoncé, Schauspieler, gefeierter klassischer Opern-Tenor. Und lebt überraschenderweise in Berlin. „Mami, komm her, du musst unbedingt hierher ziehen“, liegt er Grace Bumbry angeblich schon lange in den Ohren. Das überaus freundliche Berliner Publikum dürfte ein weiteres Argument sein, ihren Wohnsitz zu verlegen.
Der zweite weibliche Star des Abends ist Jocelyn B. Smith. Sie überzeugte sowohl bei ihrer Interpretation von Rachmaninows Prelude als auch im Duett mit Colin Rich „I believe, I can fly“. Das Publikum war sehr angetan, ging zunehmend mit.
Bis Montagabend dauert das Classic Open Air noch an. Am Freitagabend geht es mit „Musica Italiana“ weiter, am Sonnabend folgt dann „Barockzauber in Feuer, Licht & Laser“. Nach „Strauss – Offenbach“ am Sonntag setzen die Söhne Mannheims mit dem Filmorchester Babelsberg am Montag den Schlusspunkt. Für alle Konzerte sind noch Restkarten an der Abendkasse erhältlich.





