Wenn Sie in diesem Sommer noch in den Urlaub fliegen wollen, dann gehen Sie besser nicht in diesen Film. Sollten Sie unter Flugangst leiden: Lassen Sie’s. In „Fliegende Liebende“ schläfert das Flugpersonal seine Passagiere vorsätzlich ein. Die Piloten trinken gern mal ein Gläschen und gern auch noch zweites. Und der Flieger muss schon kurz nach dem Start Kreise in der Luft ziehen, weil er einen Betriebsschaden hat. Aber kein kein Flughafen findet sich weit und breit, auf dem er notlanden könnte. Bitte schnallen Sie sich an!

Nein, dies ist kein Katastrophenfilm. Eine Komödie will es sein. Und das ist die eigentliche Sensation von „Fliegende Liebende“, der heute in unsere Kinos kommt. Nachdem sich Pedro Almodóvar längst zum Meister des Melodrams entwickelt hat, kehrt er nun, mit 63 Jahren, noch einmal zu den schrillen, grellen, knallbunten Komödien zurück, mit denen das einstige Enfant Terrible Spaniens einst berühmt geworden ist.

Don Quichotte in der Luft

Back to the roots: Es gibt, wie bei Woody Allen, so auch bei Almodóvar, so manchen Fan, der sich nach den ewigen Dramen wieder nach einer Komödie zurücksehnt. Nur changiert Maestro Almodóvar eben nicht so regelmäßig zwischen den Genres wie sein Kollege aus Manhattan. Seit „Live Flesh“ (1997) hat der Spanier sich fürs ernste Fach entschieden und kehrte nur noch einmal, mit „Volver“ (2006), zur Komödie zurück.

Jetzt aber haben wir es quasi mit einem „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs 2“ zu tun. Wie bei diesem Film, der ihm vor einem Vierteljahrhundert den Durchbruch bescherte, findet auch hier die Komödie auf engstem Raum statt, nur diesmal eben nicht in einer Wohnung, sondern in einem Flugzeug. Und wieder wird hier ein ins Gläschen gerührtes Schlafmittel zum dramaturgischen Kniff.

Auch sonst zitiert sich der Kultregisseur weidlich selbst. In einem leider nur kurzen Prolog sind noch einmal Penelope Cruz und Antonio Banderas zu sehen, zwei seiner größten Stars, die hier erstmals zusammen spielen und als Bodenpersonal so heftig turteln und sich über kommenden Nachwuchs freuen, dass sie darüber ihre eigentliche Tätigkeit ein wenig vernachlässigen, was den Materialschaden des Fluges 2540 von Madrid nach Mexiko-City überhaupt erst auslöst. So muss der Flieger in der Not über La Mancha kreisen, jene Region, in der nicht nur ein eiserner Don Quichotte gegen Windmühlen anritt, sondern aus der auch Almodóvar selbst stammt.

Flieger am Rande des Nervenzusammenbruchs

Wie bei den Frauen, so sind auch die Flieger am Rande des Nervenzusammenbruchs eine mehr als illustre Kuriositätenschar: drei Stewards (unter ihnen Javier Cámara aus Almodóvars „Sprich mit ihr“), von denen einer schwuler ist als der andere und alle drei zur Zerstreuung der Business Class, die im Gegensatz zur Economy Class nicht narkotisiert wird, einen herrlich trashigen Tuntentanz aufführen, ein Karaoke-Trio von „I‘m so excited“ von den Pointer Sisters.

Unter den Fluggästen eine Hellseherin (Lola Duenas aus „Volver“), die noch nie im Leben Sex hatte, dafür aber den Tod riechen kann, die Chefin eines Escort-Services (Cecilia Roth aus „Alles über meine Mutter“), die ihre Kunden heimlich gefilmt hat, und ein Mexikaner, der sich als Killer erweist, mit dem Auftrag, eben jene Domina zu liquidieren. Da ist aber auch der scheinbar so biedere Flugkapitän an Bord, auf den zu Hause die Familie wartet und der doch eine heimliche Beziehung mit seinem Chefsteward unterhält. Auch der Co-Pilot weiß nicht genau, zu welchem Ufer er gehört. Alle haben sie so ihre Geheimnisse. Alle sind sie auf der Suche nach geschlechtlicher Erfüllung. Und deshalb hat eigentlich keiner Zeit, um sich um den drohenden Absturz zu kümmern.

Satire auf Spanien in der Krise

Eine Flugkatastrophe als Komödie der sexuellen Selbstfindung: So etwas kann wirklich nur einem Almodóvar einfallen. Aber so ganz schrill wie der frühe Pedro kommt der gereifte Regisseur nicht mehr daher. Auch der grellbunte Ton ist in gewisser Weise nur Reminiszenz, ist Selbstzitat. „Fliegende Liebende“ ist nicht nur ein leichter Almodóvar, er macht zuweilen leider den Eindruck, ein allzu leichter zu sein.

Wer den Maestro wirklich liebt, darf immerhin anführen, dass er da eine versteckte Satire auf sein Land in der Krise angelegt hat. Dass die Fluggesellschaft Peninsula heißt und damit direkt auf die iberische Halbinsel verweist, ist ein klares Indiz dafür. Das Kreisen im Nirgendwo, die absolute Ahnungslosigkeit, wo man eigentlich hinsteuern soll, das macht in dieser Lesart natürlich tiefen Sinn. Vorn sitzt die Business Class, die diese Blase erst zum Platzen gebracht hat und selbst dazu noch fröhlich Alkohol und andere Drogen konsumiert, und die armen Menschen in der Holzklasse haben dabei gar nichts mehr zu melden und werden schlichtweg übergangen. Der Showdown-Crash wurde denn auch im Ciudad Real Flughafen gedreht, ganz real eine der größten Inflationsruinen Spaniens.

Almodóvar-Touch läuft ins Leere

Aber diese politischen Zwischentöne gehen in dem aufgeregt albernem Klimbim zwischen Crew und Fluggästen dann doch ziemlich unter. Almodóvar hat sich nie als politisch verstanden und wird es auch in seinem 19. Film nicht. Am ehesten ist „Fliegende Liebende“ noch eine Schwulenkomödie, über die auch Heteros herzhaft lachen können. Und in der elaboriert wird, was heute alles „geht“ und worüber man gemeinsam lachen kann.

Das ist aber Miles & more entfernt von dem untergründig-vieldeutigen Ton seiner frühen Komödien, als queer noch nicht camp war. So ist „Fliegende Liebende“ vielleicht der erste Flugkatastrophenfilm, den man getrost auch im Bordkino eines Fliegers zeigen kann. Der Almodóvar-Touch läuft dabei ein wenig ins Leere. Wollen wir hoffen, dass der Regisseur damit nicht, wie seine Unglücksmaschine, eine Bruchlandung erleidet, sondern sich wieder zu früheren Höhen aufzuschwingen vermag.