Wenn jemand ein Weltstar ist, dann wohl Barbra Streisand. Die 71-jährige Amerikanerin, die ihre Karriere einst im Musical begann, ist mit über 140 Mio. weltweit verkauften Alben eine der erfolgreichsten Entertainerinnen. Dabei war sie in Deutschland über Jahrzehnte hinweg immer nur auf Kinoleinwänden, im Fernsehen oder per Lautsprecher, aber nie leibhaftig zu erleben.

Zeitlebens hatte sie Konzerte gegeben, nur durch Deutschland wollte sie wegen der Nazi-Vergangenheit lange Zeit nicht touren. Schließlich gab sie vor sechs Jahren auf ihrer Europa-Tournee erstmals auch ein Konzert in Berlin. Eine Mittsechzigern plauderte und sang sich im Juni 2007 durch die Waldbühne. Jetzt gibt sie zwei Konzerte in Deutschland, gestern Abend fand das erste in Köln statt, und am Sonnabend wird sie in der Berliner O2 World auftreten. Anschließend tourt sie weiter nach Israel. Sechs Dinge, die man über die Entertainerin wissen sollte.

Ein kurzes Erschrecken

In der Waldbühne absolvierte die Diva unter Jubel ihren Weg zur Rampe, dann flackerten links und rechts der Bühne Großbildleinwände auf. Es folgte ein kurzes Erschrecken. Denn zu sehen war die sprühende, blonde langhaarige Barbra Streisand, wie wir sie alle von jeher kennen, und zugleich eine gemütliche Barbra Streisand, der die Jahre deutlich ins Gesicht geschrieben stehen.

Aber sie versteckte nicht ihre Falten, nicht ihr Alter, sondern sollte im Laufe des Konzerts damit kokettieren, darüber lachen, es wehmütig kommentieren, das Schöne im künstlerisch erfüllten Leben beschwören. Man darf sie heute rundum betrachten. Auf frühen Fotos hat sie sich am liebsten nur schräg von links ablichten lassen, ihrer angeblich schöneren Seite. Später haben sie ganze Generationen auch wegen ihres Silberblicks und der langen Nase zu lieben gelernt. Aktuelle Fotos lassen auf eine kosmetische Behandlung schließen.

Für jede Generation etwas

Im Gegensatz zu manchem abgewrackten Altstar, der heutzutage große Hallen füllt, können sich bei Barbra Streisand – das zweite A im Vornamen hatte sie zu Beginn ihrer Karriere gestrichen, weil sie etwas Besonderes sein wollte – mehrere Generationen einfinden. Sie hat zu jeder Zeit etwas Neues gemacht, musikalisch wie filmisch. Nicht umsonst hat sie über die Jahrzehnte hinweg zehn Grammys, zwölf Golden Globes, zwei Oscars und fünf Emmys erhalten. Und die Liste ist unvollständig. Den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt sie bereits 1969 für „Funny Girl“, einer Verfilmung des gleichnamigen Musicals.

Die schrille Kultkomödie „Is’ was, Doc?“ folgte 1972, die Emanzipationsgeschichte des jüdischen Mädchens Yentl in den Achtzigerjahren. Als schrille Mutter spielte sie in den letzten zehn Jahren an der Seite von Robert De Niro und Dustin Hoffman in den Komödien „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“ und „Meine Frau, unsere Kinder und ich“ mit. 2012 erschien als letztes Album „Release Me“.

Mutter und Promoterin

„Unterwegs mit Mum“ hieß ihre letzte Kinokomödie, und es war nach 16 Jahren wieder einmal eine echte Hauptrolle. Der Plot ist schnell erzählt: Chemiker Andrew Brewster scheint der geborene Pechvogel zu sein. Er kratzt sein letztes Geld zusammen, um ein von ihm erfundenes Putzmittel zu verhökern. Unterwegs gabelt er seine ulkige Mamme auf. Joyce alias Barbra Streisand begleitet begeistert ihren Filmsohn auf seiner Verkaufsreise quer durch die USA.

Im wahren Leben ist es andersrum: Sohn Jason winkte schon in der Waldbühne fröhlich in die Kameras, er saß in der ersten Reihe bei Mama. Diesmal wird der gemeinsame Sohn von Barbra Streisand und dem Schauspieler Elliott Gould mit auf der Bühne in der O2 World stehen. Ein Duett ist angekündigt. Die Mama promotet ihren Sohn. Jason Gould, ein Mittvierziger, hatte als Schauspieler begonnen. Er ist immer der talentierte Sohn einer übergroßen Diva geblieben. Jetzt versucht er eine Musikerkarriere.

Der Family-Faktor

Streisands amerikanisch heile Showwelt hatte schon in der Waldbühne einen hohen Family-Faktor. Während Sohn Jason winkte, gratulierte ihr zweiter Ehemann James Brolin zum anstehenden Hochzeitstag, dazu wurde ein Hochzeitsfoto eingeblendet. Zwischendurch besang sie im Konzert ihren toten Vater. Am Ende durfte sich auch ihr Hund Samantha auf der Bühne bejubeln lassen. In der O2 World wird am Sonnabend neben Sohn Jason auch Barbras jüngere Halbschwester Roslyn Kind auf die Bühne kommen.

Die Anspielungen

Barbra Streisand ist Idol und Markenname. In Zeichentrickfilmen oder Sitcoms wird immer wieder auf sie verwiesen. Serienstar Fran Drescher verfiel in „Die Nanny“ regelmäßig in Panik, wenn es um ihr Vorbild Barbra ging. An der Komischen Oper hat Regieintendant Barrie Kosky gerade erst eine Anspielung in der Operette „Ball in Savoy“ des ungarisch-jüdischen Komponisten Paul Abraham untergebracht. Was also sagt Katharine Mehrling ins Telefon? „Papa, Can You Hear Me?“ Dahinter verbirgt sich ein berühmter Song der Streisand aus dem Film „Yentl“. In der Operetten-Premiere haben überraschend viele im Saal darüber lachen müssen.

Der Streisand-Effekt

Ja, es gibt ihn. Er spiegelt sich auch in den exorbitant hohen Eintrittspreisen bis 564 Euro wieder. Und das sind noch nicht einmal die sogenannten Premium-Tickets. Die Waldbühne war 2007 gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Den Begriff „Streisand-Effekt“ gibt es in der Internetwelt tatsächlich, aber in anderer Bedeutung.

Er bezeichnet das Phänomen, wonach der Versuch, im Netz eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen, noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht. Die Diva hatte im Jahr 2003 ein Foto ihres Wohnhauses auf einer Internetseite gefunden und versucht, 50 Mio. Dollar Schadenersatz zu erstreiten. Aber erst dadurch wurde das Foto überhaupt bekannt – und verbreitete sich sprunghaft.

O2 World, 15. Juni um 20 Uhr.

Tel. 206070 8899 Es gibt noch Karten für 342 bzw. 564 Euro