Einen kurzen Moment des Erschreckens gibt es: Auch Barbra Streisand wird alt. Kurz nachdem die Diva unter Jubel ihren Weg zur Rampe genommen hat, flackern links und rechts der Bühne die Großbildleinwände auf. Darauf erscheint die markante, blonde langhaarige Barbra Streisand, wie wir sie alle gewissermaßen von klein auf kennen, und zugleich eine Barbra Streisand, der die Jahre deutlich ins Gesicht geschrieben stehen. Aber sie versteckt es nicht, nicht ihr Gesicht, nicht ihre Falten, nicht ihr Alter.

Treffen der Generationen

Die Mittsechzigerin wird im Laufe des Konzerts damit kokettieren, darüber lachen, es wehmütig kommentieren. Das Leben kann immer schön sein, will sie zweieinhalb Stunden lang mitteilen. Der Abend in der - angesichts der verrückten Kartenpreise - gut gefüllten Waldbühne ist gleichsam ein Treffen der Generationen, eine gemeinsame Rückschau auf Jugend, auf die Sechziger- und Siebzigerjahre, auf geschlagene Filmschlachten ("Funny Girl", "Yentl") und unsterbliche Hoffnungen. Streisands moderiertes Programm mit Hits aus längst vergangenen Zeiten ("People", "The Way We Were") ist so bezaubernd altmodisch und von liebenswürdigen Belanglosigkeiten geprägt. Es ist Showtime.

Aber es erklärt nicht das Phänomen Streisand, über das seit Wochen vor ihrem ersten deutschen Konzert überhaupt so viel zu lesen und zu hören war. Es erklärt schon gar nicht, warum das Publikum in der eigentlich zur Trägheit verführenden Waldbühne derart aus dem Häuschen gerät. Beinahe nach jedem Song reißt es Tausende von ihren Sitzen hoch. Am laufenden Band wird die Streisand mit stehenden Ovationen überschüttet. Den ganzen Abend über gibt es immer wieder Zwischenrufe aus dem Rund. Wie viel Leidenschaft und Verehrung gehören dazu, unter Tausenden Menschen sitzend eine Liebeserklärung zur Bühne zu schreien? Die Streisand wird immer wieder "Danke", "Ich liebe euch auch" oder "Das Vergnügen ist auf meiner Seite" ins Mikrophon hauchen. Ihre Stimme klingt warmherzig. Über die Jahre hinweg ist auch ihre Singstimme dunkler und in der Höhe brüchiger geworden.

Tausende reißt es von den Sitzen

Womöglich offenbart sich hinter dieser tiefen Bewunderung für die Streisand auch unser gepflegtes deutsches Minderwertigkeitsgefühl, den eigenen Stars zu misstrauen und lieber auf die Weltstars in Hollywood zu schauen, deren Kinofilme, Affären, Alkoholexzesse oder was auch immer wir alle gut zu kennen glauben. Aber die Stars aus Hollywood sind für uns nicht zum Anfassen. Wenn sie einmal nach Deutschland kommen, dann muss man wie bei Tom Cruise in Kauf nehmen, dass missionierende Sektenmitglieder im Schlepptau mitreisen. Oder jeweils angesagte Schauspieler vermarkten auf nichtssagenden Pressekonferenzen und Galas ihre neuesten nichtssagenden Filme.

Die Streisand dagegen hat nichts zu verkaufen. Sie erinnert nur an sich selbst. Die einstmals schrille und mit allen nur möglichen großen Preisen der Film- und Showwelt prämierte Marke Barbra Streisand ist längst ein Klassiker, das ist ein Gutteil ihrer Glaubwürdigkeit.

Überhaupt ist sie für uns die gute Amerikanerin, eine, die sich von unten nach oben gearbeitet hat, obwohl sie in Hollywood gängige Schönheitsideale nie erfüllen konnte. Eine, die sich politisch jenseits von Bush engagiert, gegen Krieg, für Frieden und Toleranz ausspricht. Sie plaudert sich über Shakespeares "Romeo und Julia" hin zu Bernsteins New Yorker Bandenkrieg der "West Side Story" - um schließlich "Somewhere" zu singen. Sie ist eine Diva, die mit ihrer Familie mal eben auf Europa-Tournee geht: Sohn Jason wird zwischendurch aus der ersten Reihe in der Waldbühne in die Kamera winken und Ehemann James Brolin wird am Ende zum anstehenden Hochzeitstag gratulieren. Dazu wird das Hochzeitsfoto eingeblendet. Am Ende kommt auch noch ihr Hund auf die Bühne. Zwischendurch verarbeitet und besingt sie ihren toten Vater oder, wie sie hinzufügt, eigentlich singe sie für alle Väter. Die Streisand-Show suggeriert ein Stück heile Welt mit hohem Family-Faktor.

Sogar ihr Hund kommt auf die Bühne

Die Barbra scheint zum Anfassen nahe, jeder Besucher weiß am Ende quasi aus erster Hand, dass sie Apfelstrudel mag und am Imbiss im Lustgarten eine Currywurst probiert hat. Die Wahrheit will an diesem Abend niemand wissen.

Das Geheimnis der Streisand liegt in ihrer Authentizität, ihrer Ehrlichkeit. Man nimmt der Frau alles ab, sie ist einfach eine brillante Schauspielerin. Sie spielt die Barbra Streisand, die auch im Alter Spaß am Singen und Plaudern hat. Die auf der Bühne nicht tanzt, nicht wie eine Junge herumhopst, sondern lieber auf dem Hocker sitzt und zwischen den Songs an der Tasse nippt. Die sich zwischendurch die Brille ins Gesicht schiebt und wie eine Kummerkastentante vorher abgegebene Besucherfragen im Waldbühnenrund humorvoll beantwortet. Zweifellos ist die Grenze zwischen Pathos, Würde und Kitsch mehrfach fließend an diesem Abend. Aber so sind die wirklich großen Diven.