Theater-Kritik

Armin Petras letzte Gag-Regie am Gorki: Brechts „Galilei“

Gleich in der ersten Szene fällt der Satz, der einen dann doch mit Melancholie durchschauert.

„Die alte Zeit ist herum.“ Der das sagt, ist Peter Kurth als Galileo Galilei. Der dieses Leben inszeniert, ist Armin Petras. Wenngleich bereits ins Dresden gezeigt, ist dies doch seine letzte große Berlin-Premiere als Hausherr des Maxim Gorki Theaters, bevor er sich Richtung Staatstheater Stuttgart aufmacht. Daran gibt es nichts zu rütteln. An dem Postulat des Herrn Galilei dagegen wollen ziemlich viele rütteln. Vor allem die Kirche, die naturgemäß nicht das geringste Interesse hat, die Erde inklusive Gott einem übereifrigen Forscher zu überlassen. Galileis Himmelbeobachtungen legen bekanntermaßen nahe, dass die alte geozentrische Weltsicht nicht länger zu halten ist, die Erde mithin nur ein Sternenstaubklumpen ist wie andere Planeten, die um die Sonne kreisen.

Bertolt Brecht formte aus diesem Disput zwischen Glauben und Vernunft 1948 sein episches Lehrstück „Leben des Galilei“, das er mehrfach überarbeitete und zum Beispiel auch nach der Verantwortung von Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber befragte. Doch weder Atombombe noch Genforschung oder politischer Diskurs interessiert Armin Petras an dem Stoff, er nutzt die Brechtsche Vorlage vor allem als historischen Fundus. Und wenn die Zukunft mal einzieht, in Form von Handys oder nacherzählter Mondlandung, dann uneingeschränkt fortschrittsgläubig. Das ist zweifellos das Manko dieses Abends. Hat man sich damit aber abgefunden, funktioniert er durchaus als bunt bebilderte Biographie.

Vom Künstler Carsten Nicolai ließ Petras sich einen tollen klinisch weißen astronomischen Showroom bauen, in dem im Laufe des Abends allerlei Linsen, Zylinder und Röhren zum Einsatz kommen. Ein kreisrundes Loch verweist nach oben ins Universum, von dem aus eine metallische Kugel physikalische Kräfte beweist und stoisch den Bühnenraum durchpendelt. Die Darsteller haben sichtlich ihren Spaß an der Sache. Julischka Eichel eralbert sich eine kindsköpfige Galilei-Tochter und Wolfgang Michalek übt sich in diversen Spaßmacher-Rollen vom Kardinal bis zur Brecht-Parodie. Wie immer bei Petras gibt es allerlei hübsche Regiegimmicks und Gags, nur Galilei selbst, der bleibt bei Peter Kurth nahezu unveralbert und erhält sich damit eine tragische Fallhöhe als wissender Visionär, der aus Angst vor der Inquisition dann doch zum Opportunisten wird und seinem Schüler entgegnet: „Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat.“ Bonnie Tyler röhrt dazu „Holding Out for a Hero“. Die Inszenierung verschenkt zwar die Chance einer profunden Brecht-Adaption, nutzt aber die Möglichkeiten einer gut gelaunten Galileo-Show.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 221 115. Nächster Termin, Morgen, 19.30 Uhr