Schon wieder ein neuer „Tatort“-Kommissar. Allmählich verliert man ja den Überblick. Irgendwann gibt es mal mehr Ermittler als Folgen. Aber jetzt kann man erst mal Entwarnung geben. Nachdem die neuen Kommissars-Zugänge immer mehr Ecken und Kanten und persönliche Probleme haben müssen, so viele, dass man sich schon fragt, wie die eigentlich noch ihren Dienst verrichten können, legt die Erfolgsserie jetzt den Rückwärtsgang ein.
Und beschert uns mit Wotan Wilke Möhring endlich mal wieder einen Ermittler, der fest im Alltag verankert ist und nicht, wie so viele Kollegen, in einer entrückten Luftblase lebt und nur von Fall zu Fall Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen scheint.
Hundefutter für die Katz
Dieser Kommissar Thorsten Falke ist ein waschechter Hamburger, einer, der im Problemviertel Billstedt aufgewachsen ist und dem man das auch anmerkt. Er trinkt, ein Running Gag, ständig Milch. Auch im Büro. Ein Milch-Bubi also. Aber Milch, die trank auch Jean Reno immer als eiskalter Killer in dem Actionklassiker „Léon – Der Profi“. Falke hat eine Katze, die er mit „Schatz“ anspricht und der er abends Hundefutter serviert.
Ein paar Liegestütze am Morgen, das ist es dann aber auch fast schon an Privatem. Da gibt es auch eine Frau, die ihn vor langem verlassen hat, und einen Sohn, den er noch nie gesehen hat. So etwas erzählt er aber nur seinem Kollegen Katz (Sebastian Schipper).
Kopf und Bauch
Und das ist schon mal das Schöne an diesem Einstand: Nicht Kommissar Falke (Möhring) kommt neu zum Dienst, versetzt von sonstwo. Sein Kollege lässt sich vielmehr in den Innendienst versetzen, weil er Vater wird. Falke, sein bester Kumpel schon aus Jugendjahren, sieht das als Verrat an. Und muss sich jetzt zu allem Überdruss noch mit einer jungen Blonden plagen, einer Hospitantin obendrein.
Und diese Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ist das komplette Gegenteil von ihm. Sie ist der Kopf, er ist der Bauch, sie ermittelt kühl am Schreibtisch, er am liebsten impulsiv auf der Straße. Klar ist er auch der Macker, der ihr sagt, wo’s lang geht. Und sie düpiert ihn, weil sie längst schon einen Schritt weiter gedacht hat.
Til Schweiger guckt nicht vorbei
Neulich, bei Til Schweigers „Tatort“-Debüt in Hamburg, hat Möhring schon mal kurz vorbeigeschaut. Und ihm Glück gewünscht. Weil sie ja jetzt quasi im selben Revier ermitteln. Ein echter Freundschaftsdienst. Komisch, Schweiger guckt hier nicht vorbei. Möhring muss ohne dessen Zuspruch auskommen. Hat er aber auch nicht nötig. Möhring macht in Familiendramen wie dem Grimme-gestählten „Homevideo“ genau so gute Figur wie in Schweiger-Komödien à la „Männerherzen“.
Sein Debüt im ARD-Flaggschiff ist denn auch nicht überbordende Kino-Action wie jüngst Schweigers Einstand. Möhring macht es eine Nummer kleiner, aber auch glaubwürdiger. „Feuerteufel“ nimmt sich eines brenzligen Großstadt-Themas an, das uns nur zu bekannt ist. Reihenweise werden Autos abgefackelt. Sind die Taten politisch motiviert, rächt sich hier Arm an Reich, sind das Nachahmungstaten oder Versicherungsbetrüge?
Ruppiger Blick in Problemkieze
Eines Nachts aber kommt dabei auch eine Frau ums Leben, die, von Psychopharmaka sediert, in ihrem Auto liegt und jämmerlich erstickt. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Vandalismus, sondern um Mord. Und die Polizisten haben es auch schnell mit aufgebrachten Bürgern zu tun, die sich nun selber um ihre Sicherheit kümmern wollen und nachts auf Streife gehen. Prompt kommt ein junger Mann mit Kapuzenpulli ums Leben, bloß weil er sich neben einem Auto übergibt und als vermeintlicher Brandstifter vom Mob verfolgt wird.
Vorab hieß es ja, Schweigers Kommissar würde direkt in Hamburg ermitteln, der von Möhring eher in Randbezirken oder Umgebung. Davon kann nach diesem ersten Fall keine Rede sein. Möhrings Falke wird sich, das ist schon jetzt absehbar, ganz klar mit Großstadtthemen auseinandersetzen.
Der Macho-Mann und die Vorzeige-Blondine
Dass der Ton dieses „Tatorts“ etwas ruppiger ist, der Blick mehr in die Problemzonen geht, ist wohl auch dem Regisseur Özgür Yildirim zu verdanken, der mit „Chiko“ und „Blutsbrüdaz“ eine kriminelle Szene im Kino verankert hat, die der deutsche Film sonst eher ausblendet.
Wollen wir hoffen, dass sich die Reibereien zwischen dem Macho-Mann (WWM) und der Vorzeige-Blondine (PSS) nicht allzu schnell abschleifen. Dem NDR sei aber schon mal nahegelegt, dass irgendwann auch mal die Kommissare Möhring und Schweiger einen Fall gemeinsam lösen müssen. Und sich ihr Revier streitig machen.Auf diese Kabbelei freuen wir uns schon jetzt.
Tatort: Feuerteufel. ARD, 28. April. 20.15 Uhr



