Konzert

Eros Ramazzotti feiert in Berlin eine große Familienparty

Sänger Eros Ramazzotti machte Station in Berlin. Nicht nur „Se bassato una canzone“ kam dem Publikum textsicher über die Lippen. Die Stimmung war so gut wie bei einer Familienfeier in der Toscana.

Foto: Tobias Hase / dpa

Er hat den Ruf des Schmusesängers weg, ob es ihm passt oder nicht. Eros Ramazzotti ist nun mal der idealtypische Italiener, ein Macho mit Lausbubenlächeln, der in seinem energischen Auftreten immer auch ein bisschen unsicher wirkt. Ein Kerl von einem Mann, der auch seine grüblerischen Seiten hat.

Mit seinen so hemmungslosen wie eingängigen Balladen hat er vor allem, aber nicht nur, die weiblichen Fans um den Finger gewickelt und im Laufe seiner nun schon 25 Jahre währenden Karriere mehr als 55 Millionen Platten verkauft. Er ist heute Italiens erfolgreichster Popstar.

Im Konzert freilich gibt er sich gern von seiner rockigen Seite. Rund 6500 Besucher haben sich am Donnerstagabend in der vollbestuhlten und übersichtlich gefüllten Berliner O2 World versammelt, um die Stimme zu feiern, die ihnen die romantischsten Stunden versüßt hat und die ihnen in weniger glücklichen Momenten Trost spendete.

„Noi“, auf Deutsch „Wir‘“, heißt sein aktuelles Album, das Ramazzotti nach drei Jahren wieder zurück auf die Tournee-Bühne bringt. Mit einer aufwendigen Show, die so hochprozentig ist wie es der Name verspricht.

Eine opulente optische Bilderschlacht

Unter lautstarkem Jubel erscheint Ramazzotti um Punkt 20 Uhr ganz ohne Vorprogramm in einem geometrisch verschachtelten Bühnenbild aus weißen Stellwänden und Kisten, steht ganz allein zwischen den strengen Kuben, lässt die umgehängte E-Gitarre Santana gleich poetisch aufheulen und singt zur Begrüßung „Ancora Vita“ von 1991.

Die kantigen Kulissen fahren in die Höhe und sind fortan die Projektionsflächen für eine opulente optische Bilderschlacht aus Live-Konzertaufnahmen und Filmeinspielungen.

Nun ist der Blick frei auf eine breitflächige Bühne und eine prächtige italienisch-amerikanische Band, die den leichtgängigen Liedern Ramazzottis gehöriges Feuer unterjubelt. Ein Trio aus zwei Sängerinnen und einem Sänger veredelt die hymnenhaften Refrains der Songs, und die Musiker bekommen immer wieder reichlich Raum für solistische Soloausflüge.

In bequem weiten Jeans und einem T-Shirt, auf dem vorn ein schwarz-rot-goldenes Wappen und der Albumtitel prangen und hinten Berlin in orangeroten Lettern gehuldigt wird, ist der unprätentiöse Römer mit dem strengen Kurzhaarschnitt ein Star zum Anfassen, ganz ohne große Posen, ganz ohne Allüren, immer nah dran am Publikum.

Mitunter unbeholfen wirkende Natürlichkeit

Ramazzotti strahlt charmante Jugendlichkeit aus, dabei feiert er noch in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Das Interessante dabei ist, dass er sich nicht wirklich zu bewegen weiß auf der imposanten Bühne.

Er vermisst mit trippeligen Schritten das Areal, er wackelt kokett mit dem Hintern, verfällt in gockelhafte Gebärden. Dann wieder steht er einfach nur da, als hätte er ein Brett im Rücken, wirft den Kopf ins Genick und röhrt mit seiner angeraut-nasalen Stimme seine Herzensbotschaften ins Mikrofon, die man selbst dann versteht, wenn man des italienischen nicht mächtig ist.

Genau dieses ungekünstelte Auftreten, diese mitunter unbeholfen wirkende Natürlichkeit machen den Reiz und die Faszination dieses Sängers aus.

Er redet wenig. Er versucht sich an ein paar Brocken deutsch, ruft „ti amo Berlino“ und flirtet mit den Damen in der ersten Reihe. Aurora hat er sich in großen Lettern auf den Unterarm tätowieren lassen.

Aurora heißt seine Tochter aus der turbulenten und medienwirksam gescheiterten Ehe mit Fotomodell und Moderatorin Michelle Hunziger. „L’Aurora“ heißt auch das dezent reggaehafte Lied, das er seiner Tochter gewidmet hat, das zur akustischen Gitarre mitgesungen wird und einer der schönsten und bewegendsten Momente dieses Abends ist.

Natürlich kommen Hits wie „Cose della vita“

Etliche neue Stücke vom „Noi“-Album gehören zum Tour-Repertoire, das im Laufe dieser gut zwei Stunden freilich auch etwas gleichförmige Züge bekommt. Den Titelsong singt er, und auch die aktuelle Single „Questa nostra stagione“. Die eher schlichten Lieder Ramazzottis werden durch die Live-Arrangements erheblich aufgewertet.

Und natürlich kommen die Hits wie „Cose della vita“, das er 1997 im Duett mit Tina Turner aufgenommen hat. Oder „Dove c’è musica“. Oder „Piu bella cosa“. Auch die frühen 80er-Jahre-Erfolge „Una storia importante“ und „Adesso tu“ sind dabei.

Bei „Se bassato una canzone“, das dem Publikum textsicher über die Lippen geht, steigt Ramazzotti von der Bühne und badet in der Menge. Der Klassiker wird live zu einem gospelhaften Blues aufgetürmt, bei dem der phänomenale Gitarrist Kirk Fletcher sich die Seele aus dem Leib spielt.

Großartige Auftritte hat an diesem Abend der machtvolle und stilsichere Saxofonist Everette Harp. Und auch Ramazzotti greift immer wieder zur E-Gitarre und beweist, dass er auch auf sechs Saiten große Gefühle auszudrücken vermag, so herb wie Grappa, so süßlich wie Tiramisu.

Das „Wir“-Gefühl, das Ramazotti auf seiner neuen Platte beschwört, schwebt von Anfang an im Raum. Die Stimmung in der Halle ist ausgelassen wie bei einer Familienfeier in der Toscana. „Musica è“, das Lied, das Eros Ramazzotti einst gemeinsam mit Tenor Andrea Bocelli gesungen hat, ist der furiose Schlusspunkt eines emotionsgeladenen Konzerts, dem freilich noch einige Zugaben folgen. „Grazie“, immer wieder „Grazie“. Der lang anhaltende Applaus kommt von Herzen.