Film

Karl Valentin wird in Berlin mehr gewürdigt als in seiner Heimat

Die Stadt und der Komiker, sie sind sich nicht mehr fremd: Das Babylon in Mitte startet ein großes „Film Fäst“ für den müncherischsten aller Münchner.

Foto: Rainer Jensen / picture-alliance/ dpa

„Ich fahre nur nach Berlin“, lautet ein beglaubigter Spruch von Karl Valentin, „damit ich mich wieder aufs Heimfahren nach München freuen kann.“ Das hat er allerdings gesagt, bevor er wusste, wie schofel ihn die Heimat nach seinem Tod behandeln würde.

Nicht einmal 10.000 Mark wollte die Stadt ausgeben, um den Nachlass von seiner Witwe zu kaufen. Sein Geburtshaus hat sie dann zwar gekauft, aber verfallen lassen. Und die große Ausstellung zu seinem 125. Geburtstag wollten zwar Frankfurt, Düsseldorf und Berlin zeigen, nur München nicht.

Valentin drehte auch in Marienfelde

Jetzt bietet Berlin Karl Valentin erneut freundliche Zuflucht, zehn Tage lang im Kino Babylon (Mitte), mit vielen seiner Filme. Von denen es mehr gibt, als man denken sollte, um die 30, und einer – „Donner, Blitz und Sonnenschein“ – sogar in Marienfelde gedreht wurde. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren war Valentin achtmal zu Gastspielen in Berlin, meist im Kabarett der Komiker am Kurfürstendamm.

Tucholsky hieß ihn mit dem Satz „Wir werden wohl vor Lachen weinen“ willkommen. Nein, er war den Berlinern durchaus kein Fremder, denn – wie Valentin in einem Sketch richtig feststellte – „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“.

In der Fremde beliebter als in der Heimat

Überhaupt, die Fremde, sie hat sich als entscheidend für den Nachruhm herausgestellt. Nach seinem Tod war er 20 Jahre ein Vergessener, bis Ende der Sechziger ein Theaterintendant in Halle an der Saale in der DDR auf die Idee kam, Valentin-Sketche aufzuführen; vermutlich, weil darin so hinterfotzig gegen Autoritäten gelöckt wurde.

Die Valentin-Renaissance nahm dann verschlungene Wege über Theater in Stockholm, Helsinki und Wien, bevor vor vierzig Jahren in München jemand auf die Idee kam, man könne den Valentin doch mal wieder aufführen.

Germany’s Charlie Chaplin

Danach gab es für diesen vermeintlich münchnerischsten aller Münchner in der Fremde kein Halten mehr. Von Italien bis Frankreich, von Spanien bis Südafrika, von Mexiko bis in die USA wurde er übersetzt – jawohl, das geht! -– und auf Bühnen gebracht, ein deutscher Ionesco, ein bayerischer Beckett, ein Klassiker des Absurden. Auch die New York Times widmete ihm eine halbe Seite und machte ihn, in Ermangelung einer anglo-amerikanischen Vergleichsfigur, zu „Germany’s Charlie Chaplin“.

Selbst aus Amerika erreichten Valentin Einladungen zu Auftritten, der notorisch Reisescheue jedoch winkte ab: „Ich fahre nur dorthin, wo ich mit der Tram hinkomme.“ Nun reisen Valentin und seine Werke also zu zweit zur Retrospektive nach Berlin, und der Sketch weiß dazu: „Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd. Wenn aber die zwei zusammen in eine fremde Stadt reisen, so sind diese zwei Bekannten jetzt in der fremden Stadt wieder Fremde. Die beiden sind also – das ist paradox – fremde Bekannte geworden.“

Mysterien eines Friseursalons

Mit diesen fremden Bekannten, Valentin und dem Zelluloid, kann Berlin jetzt die Bekanntschaft erneuern. Da es nur vier abendfüllende Filme gibt, wurden jeweils fünf Kurzfilme zu einem Programm zusammen gebunden, und wenn man ganz ehrlich ist, sind – wie bei Chaplin, Keaton oder Lloyd – auch bei Valentin die kurzen Filme oft besser als die langen. Für die surrealen „Mysterien eines Frisiersalons“ hat er sogar mit dem jungen Bert Brecht zusammen gearbeitet. Da passt es, dass in Valentins inzwischen renoviertem Münchner Geburtshaus heute eine Brecht-Tochter lebt. Aber den Valentin-Stern auf dem Boulevard der Stars, den hat ihm Berlin geschenkt.

Karl Valentin: Ein Film Fäst, 3.-12. Mai.

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