Fragen nach dem Verhältnis zu seinem Bruder Paul empfindet Fritz Kalkbrenner mittlerweile als Ärgernis. Ganz unverständlich ist das nicht. Zwar gab der gemeinsam produzierte Superhit „Sky and Sand“ die Initialzündung für seine internationale Karriere, doch der Hype um den Film von Hannes Stöhr und den dazugehörigen Soundtrack liegt mittlerweile schon ein halbes Jahrzehnt zurück.

Fritz Kalkbrenner hat seitdem zwei erfolgreiche Alben veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Here Today Gone Tomorrow“ emanzipierte er sich 2010 endgültig von der in riesigen Veranstaltungshallen zelebrierten Verehrung seines Bruder als Techno-Gott, indem er mit melodiösen Vocal-Tracks seinen ganz eigenen Sound schuf.

Mit dem Nachfolger „Sick Travellin’“ tourt Fritz Kalkbrenner seit Anfang Februar um die ganze Welt. An diesem Sonnabend ist er in seiner Heimatstadt Berlin in der Columbiahalle zu Gast. Die Berliner Morgenpost hat ihn getroffen.

Berliner Morgenpost: Ihr Album heißt „Sick Travellin“. Wie schaut es bei Ihnen mit der Reisemüdigkeit aus?

Fritz Kalkbrenner: Ich habe das Album aus anderen Gründen so genannt, aber manchmal ist es jetzt zufällig deckungsgleich. Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, ist das oft ein sehr ambivalentes Gefühl. Das hängt vor allem von meiner Tagesform ab. Es gibt Abende, an denen brenne ich dafür rauszugehen und zu spielen und dann gibt es auch wieder genau das Gegenteil. Dann möchte man sein künstlerisches Schaffen eigentlich gerade gar nicht zeigen. Aber wenn es immer so wäre, wäre das der Tod des Künstlerlebens.

Ist es für Sie immer noch ein Kick live zu spielen oder mittlerweile ein Job wie jeder andere?

Kick ist nicht das richtige Wort. Aber eine Anspannung ist immer da. Ich bin mit der Zeit routinierter geworden, mich bringt eine Show nicht mehr komplett aus der Fassung.

Was ist bei Ihren Songs zuerst da, die Musik oder der Text?

Die Texte kommen erst später dazu. Das, was ich mache, ist der Gegenentwurf zu Singer-Songwritern. Sich nur mit der Gitarre hinzusetzen und einen Text zu schreiben, mit dem man dann ins Studio geht, wenn er fertig ist, das ist für mich eine vollkommen bizarre Vorstellung.

Sie singen jetzt zum ersten Mal live. War Ihnen das wichtig?

Ja, das war schon wichtig. Obwohl ich mich damit lange geziert habe. Kritiker mit einer orthodoxen Vorstellung von elektronischer Musik sagen oft, die Musik müsse pur live gespielt werden, damit sie authentisch ist. Wenn dann plötzlich jemand geschrieben hätte, ich sei ein Sänger, der da auf der Bühne nebenbei noch ein bisschen was an seinen Geräten macht, dann wäre ich durchgedreht.

Hat sich dadurch Ihr Gefühl auf der Bühne verändert? Ist die Show durch den Live-Gesang spontaner oder dynamischer geworden?

Wenn man elektronische Musik live spielt, ist man schon sehr flexibel, da gibt es sehr viel Spielraum. Durch den Gesang ist aber die Interaktion mit dem Publikum viel größer, weil die Stimme viel unmittelbarer ist. Das macht mir sehr viel Spaß.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Das Singen auf der Bühne musste ich üben. Ich wusste, dass ich ein guter Studiosänger bin und jetzt nach 20 Shows kann ich mit Fug und Recht sagen, dass ich auch ein guter Live-Sänger bin. Ich hatte aber nie klassischen Gesangsunterricht. Ich bin kein ausgebildeter Sänger. Aber das ist Mick Jagger auch nicht. Ich singe einfach, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich mache vor der Show keine klassischen Gesangsübungen, bei denen ich etwa das “Oh” lang aussinge. Da reichen ein paar Atemübungen und speziellen Lutschtabletten für Sänger.

Haben Sie feste Rituale vor der Show?

Nein, ich bin überhaupt nicht abergläubisch. Ich muss mich nicht mit der Crew an den Händen halten oder solche Dinge. Das ist bei mir recht routiniert.

Ist es für Sie etwas Besonderes, in Berlin zu spielen?

Es wird sich jedes Mal wieder zeigen, ob es etwas Besonderes ist. Aber es sticht im Kanon der ganzen Tour natürlich heraus. Einfach deshalb, weil es zu Hause ist und ich keine lange Anfahrt habe. Und weil viele Freunde da sein werden. Ich habe auch als Jugendlicher selbst viele Konzerte in der Columbiahalle besucht, das ist schon besonders.

Macht es für Sie sonst überhaupt einen Unterschied, in welcher Stadt Sie spielen oder rauscht das aufgrund der vielen Termine vollkommen an Ihnen vorbei?

Wenn man sich keine Mühe gibt, kann es leicht an einem vorbei rauschen. Aber mir macht es auch Spaß, mir den Ort zu vergegenwärtigen. Sonst kann es zu peinlichen Verwechslungen kommen, wie man schon bei anderen Musikern gesehen hat, die gar nicht wussten, in welcher Stadt sie gerade sind.

Gibt es einen künstlerischen Austausch zwischen Ihnen und Ihrem Bruder?

Natürlich unterhalten wir uns, wenn wir uns unter der Woche sehen: Wie lief es bei dir? Was war gut, wo hat’s gehakt? Aber auf dem Niveau, auf dem wir uns beide bewegen, gibt es in der Entstehungsphase unserer Musik eigentlich keinen kreativen Austausch mehr, insofern dass einer dem anderen Tipps gibt.

Hat es mehr Vor- oder Nachteile, der kleine Bruder von Paul Kalkbrenner zu sein?

Das kann man so nicht sagen. Ich setzte mich nicht hin und ziehe Bilanz. Wir haben schon früher beide Musik gemacht, lange bevor dieser Erfolgsmultiplikator dazu kam. Ich habe oft das Gefühl, die Leute wünschen sich, dass es zwischen uns Reibereien gibt. Aber so ist es eben nicht. Unser Verhältnis ist so normal, es lohnt sich überhaupt nicht, darüber zu sprechen.

Wer oder was inspiriert Sie?

Ich höre privat kaum elektronische Musik, mehr Soul und Jazz. Und das fließt dann in meine Musik mit ein. In meinen Texten und meiner Musik spiegelt sich die Summe meines Lebens. Deshalb muss ich nicht am Strand der Côte d'Azur liegen und mich entspannen, damit ich kreativ sein kann. Das kommt dann einfach irgendwann raus.

Welche Ziele haben Sie noch?

Es gibt ein paar private Dinge, die ich noch erreichen möchte. Aber die sollen auch privat bleiben. Und dann gibt es natürlich Dinge, die das Leben an sich ein bisschen angenehmer machen würden. Aber im Grunde möchte ich vor allem die Musik als Lebensinhalt beibehalten können. Das ist schon schön. Denn mehr als meinen ganzen Tag mit Arbeit auszufüllen kann ich dafür nicht tun.