75. Geburtstag

Maler Georg Baselitz stellt die Welt auf den Kopf

Als Hans-Georg Kern wurde er im sächsischen Deutschbaselitz geboren. Heute zählt er zu den bedeutendsten Künstlern Deutschlands.

Foto: Michael Gottschalk / dapd

Georg Baselitz hat alles erreicht, gehört zu den Weltstars aus Deutschland, der sich keine Sorge zu machen braucht, dass ein neues Bild unverkauft bleiben könnte. In seiner Herzog-de Meuron-Villa am Ammersee wird er am heutigen Dienstag 75.

Und dass er neuerlich schwarze Bilder malt, sollte man nicht als Verzagtheit des Alters missverstehen. Als Quereinsteiger in den Kunstbetrieb der Sechzigerjahre-Bundesrepublik hat Baselitz von Anfang an keinen Zweifel an seine Karriere-Entschlossenheit gelassen. Früh ist der im sächsischen Deutschbaselitz geborene Hans-Georg Kern als Polemiker aufgefallen.

Prompt hat ihn die Hochschule in Ostberlin nach zwei Semestern rausgeschmissen. Der Maler ging nach Westberlin, kam 1957 in die Klasse von Hann Trier und wollte nicht wahr haben, dass von nun an alles Kunstheil in der Abstraktion liegen sollte. Sein kruder, hoch expressiver Figuren-Realismus musste in einem Nachkriegs-Kunstklima, das die Ungegenständlichkeit wie ein entnazifizierendes Reinigungsritual erlebte, als gewaltige Provokation erscheinen. Baselitz, wie er sich seit 1961 nannte, eroberte mit seinen skandalisierten Bildern und seinen halluzinierenden „pandämonischen Manifesten“ rasch die Schlagzeilen.

Bilder auf dem Kopf

Blickt man auf das halbe Baselitz-Jahrhundert zurück, dann gliedert sich das große Werk in deutlich geschiedene Kapitel. Erst lässt er seinen „neuen Helden“ auftreten, einen etwas tumb und wie aufgeblasen wirkenden Figuren-Typus. Dann zerschneidet er ihn, malt seine Motive nach Sandwich-Manier, um sie mit einem Mal umzudrehen und alle Welt rätseln zu lassen, was die Kopf stehende Welt in Wahrheit bedeuten soll. Es trat eine Lawine spekulativer Gelehrsamkeit los.

Kaum hat sich das Alleinstellungsmerkmal der umgedrehten Bilder weltweit durchgesetzt, da entlässt der Holzbildhauer riesenhafte Figuren aus dem Atelier, die wie Wiedergänger archaischer Idole auf ihren Sockeln thronen. Was den Maler alsbald zur kaum weniger riesenhaften Auseinandersetzung mit der Ikonografie des sozialistischen Realismus anstiften wird. Und als alles getan scheint, kündigt er den umfassenden „Remix“ an, malt seine wichtigsten Arbeiten noch einmal.

Ein provokanter Geist

Dass es auch Redundanz in seinem Werk gibt, sei nicht verschwiegen. Für einen Gagosian-Star hat es nicht ausbleiben können, dass er den Markt zuweilen mit Galerie-Kunst versorgt hat. Aber wie sich das Werk auf die lange Distanz hin immer wieder neu erfunden hat - und mit zunehmender Dynamik gerade im Alterswerk, das bleibt doch singulär. So wie auch der polternde Kommentator nicht müde werden mag.

Mal lässt er an den ehemaligen DDR-Kollegen kein gutes Haar, mal gibt er öffentlich zu Protokoll, dass Frauen eben nicht so gut malen könnten. Auf zuweilen riskante Weise repräsentiert Georg Baselitz noch einmal die robuste Spezies des Künstler-Heros, den man eigentlich im Strudel der ästhetischen Experimente des vorigen Jahrhunderts für untergegangen hielt.