Es hat die Berliner Philharmoniker selbst überrascht. Aber wie es sich für einen richtigen Chefdirigenten gehöre, habe sich Simon Rattle in der Orchestervollversammlung hingestellt und den Musikern persönlich seine Erklärung vorgelesen, erzählt Solo-Cellist Olaf Maninger.

Nach diesem Auftritt hat sich Sir Simon erst einmal in Richtung Prag verabschiedet, wo es einen Trauerfall in der Familie gibt. Zurück in Berlin bleibt das Orchester, das nun irgendwie mit der Nachricht umgehen muss. Die ist eigentlich schlicht und dennoch merkwürdig: Rattle erklärte am 10. Januar 2013, dass er seinen Vertrag im Sommer 2018 beenden wird.

Nun kann man den Philharmonikern und ihren stets egomanischen Chefdirigenten von Karajan über Abbado bis hin zu Rattle immer unterstellen, sie wollen in allem die Größten, Exklusivsten und Schnellsten sein. Aber ein Abschied fünfeinhalb Jahre im Voraus, das ist schon sehr ungewöhnlich. Rattle selbst teilte dazu mit: „Ich liebe dieses Orchester und habe auch deswegen den Musikern meinen Entschluss so früh wie möglich mitgeteilt. Ich hoffe sehr, dass ihnen damit genug Zeit bleibt, um in Ruhe die weitere Planung zu beginnen.“

Tatsächlich, versichert Intendant Martin Hoffmann, sei man jetzt bereits bei den Planungen für 2017. Internationale Tourneen brauchen lange Vorlaufzeiten. Irgendwann muss ein neues Alphatier sagen, was es will.

Im Inneren zusammen raufen

Derweil kann sich das Spitzenorchester, dass gern mit seinen 128 Virtuosen wirbt, im Inneren zusammenraufen. Eine Liebesehe waren Rattle und die Philharmoniker eh nie, eher eine Art hochartifizielle Zweckgemeinschaft mit sehr guter Medienpräsenz.

Viele Musiker werden sich über Rattles Weggang freuen, einige ihm nachhängen. Im öffentlichen Sprachgebrauch wird Rattles Weggang unisono bedauert, denn was soll ein Orchester auch fünfeinhalb Jahre vor dem tatsächlichen Abschied anderes tun. „Die Zusammenarbeit mit ihm ist durch große gegenseitige Sympathie und respektvollen künstlerischen und menschlichen Umgang geprägt“, sagen die Orchestervorstände Peter Riegelbauer und Stefan Dohr: „Dies ist für uns eine wunderbare Grundlage für die gemeinsame Arbeit mit Sir Simon als künstlerischem Leiter in den kommenden fünf Jahren.“ Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein Philharmonikervorstand zum gegenwärtigen Zeitpunkt äußern würde, dass er die Entscheidung ganz toll finde und sich auf diesen oder jenen innovativen Nachfolger freue. Und der Intendant bleibt ganz staatstragend: „Für die Stiftung Berliner Philharmoniker und die Stadt Berlin ist das eine sehr bedauerliche Nachricht.“

Aber ist die Nachricht wirklich bedauerlich? Seit 2002 ist Simon Rattle Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Bei Vertragsende wird er 16 Jahre im Amt gewesen sein. Das ist eine wirklich lange Zeit im Klassikbetrieb. Oder wie Intendant Hoffmann es ausdrückt: Das seien vier Amtszeiten eines amerikanischen Präsidenten. Tatsächlich gehört Rattle zu den Sesshaften der Dirigentenzunft. Davor in Birmingham war er 18 Jahre lang Chefdirigent.

2002 wurde der Brite in Berlin wie ein junger Götterbote empfangen, von blonden Locken umwölkt, stets lächelnd, stand er für den modernen Musikbetrieb. Ein frischer Wind wehte durch die Philharmonie, alles wurde plötzlich auf Englisch ausgesprochen (Sir Simon hat bis heute nicht richtig Deutsch gelernt). Plötzlich kümmerte man sich in der hehren Institution sogar um den Nachwuchs, was auf Neudeutsch Education-Programm heißt – und das Tanzprojekt nebst dem Dokumentarfilm „Rhythm is it!“ hat Maßstäbe gesetzt.

Aber irgendwann in den Jahren wurden Rattles Locken grauer und grauer. Wer heute auf seinen gebeugten Rücken sieht, wenn er, der musikalisch Detailbesessene, sich übers Pult beugt und am Klang feilt, der sieht keine Jugendlichkeit mehr. Sondern einen gereiften Dirigenten. Aber ein Rattle hat die Größe (und sogar den Witz) zu erkennen, dass er kein dirigierender Berufsjugendlicher ist. Er ist seinem Image längst entwachsen. Seinen Abschied begründet er jetzt auch damit, dass er 2018 kurz vor seinem 64. Geburtstag stehe. „Als ein ,Liverpudlian’ kann man diesen besonderen Geburtstag nicht ohne die Frage der Beatles: ,Will you still need me, when I’m 64?’ begehen“, so Rattle. Er hat sich entschieden, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, sagte er. Das klingt ehrlich.

Härtester Musikjob der Welt

Noch im September hatte Rattle im Interview mit der Berliner Morgenpost den „wohl härtesten Musikjob der Welt“ beschrieben, nämlich seinen. „Man müsste aber bei diesem ständig fordernden Orchester ein übernatürliches Selbstvertrauen haben, um die Konflikte nicht so dicht an sich herankommen zu lassen. Zum Glück sind die meisten für sich genommen sehr normale Menschen.“ Die Philharmoniker im Griff zu haben, sei „schwer und stressig, aber auch wunderschön“, so der Dirigent. Aber in Berlin wolle er wohnen bleiben, schon der Kinder wegen.

Bei den Berliner Philharmoniker werden jetzt intern die Diskussionen losgehen, wer als Nachfolger in Frage kommt. Ab jetzt beginnen die Verhandlungen. Etwas Konkretes kann und will gegenwärtig noch keiner sagen. Nur eines ist klar, so Medienvorstand Maninger, die Philharmoniker werden sich einen neuen Chefdirigenten wählen.