Filmkritik

Berliner Werk „Cloud Atlas” ist der stärkste Film des Jahres

Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister haben sechs grundverschiedene Geschichten zu einem grandiosen Kino-Juwel. Gedreht wurde in Berlin.

Foto: X Verleih AG

Nicht alle großen Filme sind gleich als solche erkannt worden. Man denke nur an „Metropolis“, der nach seiner Uraufführung grandios gefloppt und erst über Jahrzehnte zu dem Klassiker schlechthin gereift ist. Wenn nun also „Cloud Atlas“ in den USA eher enttäuschend angelaufen ist, hat das gar nichts zu heißen. Zu sehr lassen wir uns bereits von dem schlichten Denken der großen Hollywoodstudios leiten, das nur noch auf die ganz schnellen Einspielergebnisse guckt und Filme nur noch als Fast good versteht, als Ware, die sich sofort auszuzahlen hat, nicht als Kunst mit Langzeitwirkung.

„Cloud Atlas“ ist keine solche Schnellware. Gut möglich, dass er auch an den deutschen Kinokassen enttäuschen wird. Weil er schwierig ist. Weil er einen hochkonzentrierten Zuschauer verlangt. Aber, diese These wagen wir jetzt mal mutig, dieser Film wird bleiben. Er wird reifen wie ein guter Wein. Weil er eben nicht so ein Fließbandprodukt ist, dass nur die Massen ins Kino ziehen soll. Sondern ein klares Antiprogramm läuft wider all die Blockbuster und Fortsetzungen und Remakes und Comicadaptionen.

Das Hollywoodstudio sprang ab

„Cloud Atlas“ ist der mutigste und stärkste Film des Jahres. Und Berlin darf sich glücklich schätzen, dass er, obwohl er in jeder einzelnen seiner 174 Minuten so aussieht, eben kein Hollywoodfilm ist, sondern ein Berlin-Film. Gedreht zu großen Teilen in Babelsberg, produziert aber in Tiergarten, wo der X Verleih, nachdem ein namhaftes Hollywoodstudio absprang, das 100-Millionen-Dollar-Projekt mit lauter kleinen und Kleinst-Geldgebern im Alleingang wuppte.

Der Zuschauer, um auch das gleich vorauszuschicken, wird erst mal recht verwirrt sein. Denn es sind sechs Filme in einem, die er da serviert bekommt. Und nicht etwa ein Gang nach dem anderen, alles kommt gleichzeitig. Wer die Buchvorlage, David Mitchells Bestseller „Wolkenatlas“, nicht gelesen hat, ist da erst mal aufgeschmissen. Darf sich aber nach einiger Grundorientierung ein Puzzle zusammenbauen. Das ist schon mal ein ganz anderer Kinogenuss, den es vielleicht seit Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ nicht mehr gegeben hat: selber aktiv gefordert sein, den Film zusammenzusetzen.

Sechs Gänge auf einmal serviert

Mitchells Roman war ein interessantes Experiment. Sechs Geschichten, die alle nach der Hälfte abbrechen und am Ende wieder aufgenommen werden, so dass man sich zwiebelartig ins Innere hineinlesen muss. Es gibt eine Seefahrergeschichte von 1849, ein Komponistendrama aus dem Jahr 1936, ein Verschwörungskrimi um die Atomlobby 1973. Eine Posse über einen Mann, der 2012 aus einem Altersheim fliehen will. Eine Science-fiction über eine geklonte Kellnerin, die anno 2144 die zu reinem Konsum degenerierte Welt wachrüttelt. Und eine Postapokalypse anno 2346, in dem sich Menschen wieder ganz archaisch gegen Kannibalenstämme zur Wehr setzen müssen.

Passt alles gar nicht zusammen. Und wird auch nur über ein Muttermal lose verbunden, als Zeichen einer möglichen Reinkarnation. Letztlich erzählte das Buch auf seinen 672 Seiten vor allem eins: Seht, was ich alles kann! Unterschiedlichste Zeiten, Sprachstile, ja Erzählformen: Briefroman, Tagebuch, Verhör, Lagerfeuergeschichte. Aber wo ist der Sinn? Der findet sich erst im Film. Tom Tykwer hat das Buch geliebt, die Wachowski-Geschwister in Chicago auch. Und weil die drei sich seit langem kosmisch verbunden fühlen und immer schon von einem gemeinsamen Film träumten, sahen sie die Chance in eben diesem Buch. Weil sie darin ihre eigene Geschichte wiederfanden: Gemeinsamkeiten, Verbindungen über Kontinente und Geschlechter hinweg.

Tykwers Dreier mit den Wachowskis

Es ist nicht ohne Ironie, dass Tykwers letzter Film „3“ hieß. Denn eine Dreiecksgeschichte ganz anderer Art stand ihm danach bevor: Lana und Andy Wachowskis sind für vier Jahre nach Berlin gezogen und haben hier mit ihrem deutschen Bruder (so nennen sie ihn wirklich) an ihrem Projekt gefeilt. Dabei legten sie die einzelnen Erzählungen mit ihren jeweiligen Stilen folgerichtig als Genrefilme an: Abenteuerepos, Historiendrama, Krimi, Komödie, Science-fiction, Fantasy. Tykwer hat die ersten drei Episoden gedreht, die Wachowskis die anderen. Zu dritt aber haben sie all das gedrehte Material kunstvoll in eine einzige große Parallelmontage verwoben. Und woran es dem Buch fehlt, den Sinnzusammenhang, das stellen sie in Permanenz her. Immer wieder werden die Figuren vor ähnliche Konflikte gestellt, ähnlichen Verlockungen ausgesetzt. Es gilt, Courage zu zeigen, über sich selbst hinauszuwachsen, etwas fürs Gemeinwohl zu tun

Jeder Star unter diversen Masken

Die schönste Idee dabei: Das Regie-Trio lässt seine Stars Halle Berry, Tom Hanks, Hugh Grant und Susan Sarandon in allen Episoden auftauchen. Und es gehört zum großen Kinospaß dazu, sie unter ihren teils grotesken Masken zu erraten (Halle Berry etwa als jüdische Deutsche, Hugo Weaving als Krankenhausschwester). Hugh Grant oder Weaving sind dabei immer wieder das personifizierte Böse, Berry und die Koreanerin Donna Bae immer Hoffnungsträger. Tom Hanks aber macht eine echte Entwicklung durch, vom Oberschurken im ersten bis zum Weltenretter im letzten Teil. Die Stars spielen, dass es eine Lust ist. So gegen den Strich hat man Hanks, Berry und Grant noch nie besetzt. Kein Wunder, dass sie alle mitgemacht haben bei dieser Produktion, die sie auf Monate nach Berlin zwang.

Tykwer und die Wachowskis aber gingen in ihrer Grundvernetzung weit über das Buch hinaus. Man kann auch Bezüge zu ihren anderen Filmen erkennen. „Matrix“ trifft „Parfum“. Alles, so ihr Credo, ist verbunden. Und das wird zu großer Kinomagie. Eine Augenweide. Ein Meilenstein. Jetzt muss sich der Zuschauer nur noch darauf einlassen. Er wird reichlich belohnt.