Kinofilm

Warum Tom Tykwer sich an „Cloud Atlas“ wagte

Der deutsche Regisseur im Interview mit Lana und Andy Wachowski über ihr gemeinsames Mammutprojekt „Cloud Atlas“.

Foto: X Verleih/Jay Maidment

Es ist der mutigste, ungewöhnlichste und stärkste Film des Jahres: „Cloud Atlas“. Dabei war die Romanvorlage eigentlich unverfilmbar. Und kein großes Studio wollte das finanzieren.

Die Entstehung des Filmes ist mindestens so spannend wie dessen Handlung. Vier Jahre lang haben Tom Tykwer und seine Kollegen Lana (ehemals Larry) und Andy Wachowski dafür gekämpft.

„Cloud Atlas“, mit 100 Millionen Dollar der teuerste deutsche Film aller Zeiten, feiert am heutigen Montag Europapremiere in Berlin. Morgenpost Online hat das Macher-Trio vorab im Concorde-Hotel gesprochen.

Morgenpost Online: Wie lange kennen Sie sich eigentlich schon?

Andy Wachowski: Das muss während der Postproduktion von „Matrix: Revoutions“ und „Reloaded“ gewesen sein. Wir hatten das Gefühl, Tom sendet uns geheime Signale in seinen Filmen. Wir ahnten, dass wir einen unbekannten Bruder in Berlin hatten. Wir haben uns über Bekannte Nachrichten zukommen lassen. Und dann kam Tom nach Los Angeles, um am Soundtrack für „Matrix: Revolutions“ mitzuarbeiten.

Lana Wachowski: Und so begann die Liebesaffäre.

Tom Tykwer: Ja, man muss es wirklich eine Liebesgeschichte nennen. Wir fühlen uns wirklich tief miteiander verbunden. Wir haben dieselbe Vorstellung von Kino, wir ticken da ganz ähnlich. Und wir reagieren auch ganz ähnlich in gewissen Situationen. Das findest du nur ganz selten im Leben. Und wenn, dann heiratest du. So ist das auch bei uns.

Morgenpost Online: Eine Ehe zu dritt.

Tom Tykwer: Wir kennen uns seit zehn Jahren und haben die letzten vier Jahre fast ausschließlich miteinander verbracht.

Morgenpost Online: „Lola rennt“ und „Matrix“ kamen im selben Sommer 1999 heraus. Filme, die beide die Kinolandschaft verändert haben. Verbindet das, schweißt das zusammen?

Tom Tykwer: Unbedingt. Wir haben uns ja auch zu dieser Zeit entdeckt. Über unsere Filme. Da waren so elementare Töne drin, die irgendwie die gleiche Prägung hatten. Die Typen von Chicago und der Typ aus Wuppertal, da ist irgendwas Kosmisches passiert. Da waren so viele versteckte Botschaften. Dinge, die wir ähnlich sehen, die wir ähnlich machen sollten. Die wurden vom europäischen Kino geprägt wie ich vom amerikanischen. Unsere Wurzeln, das mag jetzt pathetisch klingen, wurden eins.

Morgenpost Online: Und der gemeinsame Film musste dann ein Roman sein, der eigentlich unverfilmbar ist. Als klare Herausforderung?

Andy Wachowski: Es geht in David Mitchells Roman auch um Erzählformen. Sechs Erzählungen aus verschiedenen Jahrhunderten, in verschiedenen Schreibstilent. Und doch hält alle etwas zusammen – über Länder, Kontinente hinweg. Das war unsere Geschichte, irgendwie. Das entsprach unserer Art, Filme zu erzählen.

Lana Wachowski: Tom ist nicht nur ein europäischer Filmemacher, und wir sind nicht nur amerikanische. Er widersteht solchen Kategorisierungen, wir auch. Das Buch geht genau darüber, Gegensätze zu überwinden, länder-, rassen-, geschlechterübergreifend. Es geht um Transzendenz. Und dass wir alle miteinander verbunden sind.

Tom Tykwer: Das Buch hat uns alle gefesselt. Wir wollten all unsere Energien dazu bringen, das umzusetzen. Wir drei lieben dieselben Filme. Filme, die etwas gewagt haben, die uns zu Kinosüchtigen gemacht haben. Die innovativ und anders waren. GEnau das sollte „Cloud Atlas“ auch sein.

Morgenpost Online: Den Film zu finanzieren, war ein Desaster. Gab es einen Punkt, an dem Sie nicht mehr glaubten, dass es noch weiterginge?

Andy Wachowski: Einen? Das war die ganze Zeit so! Vier Tage, bevor die Produktion losgehen sollte, hatten wir noch mal ein Loch in der Finanzierung. Wir fühlten eine Vorbestimmung, den Film zu machen. Bei den Finanziers gab es ein solches Gefühl nicht.

Tom Tykwer: Am Tag, als wir zu Tom Hanks gingen und ihn gewinnen konnten, ist uns das Warner Studio abgesprungen. Wie peinlich war das.

Lana Wachowski: Der Film existiert nur, weil wir so fürs Kino brennen. Und weil die Schauspieler auch daran glaubten und für einen Bruchteil ihrer üblichen Gage gearbeitet haben. Wir haben vier Jahre lang an dem Projekt gearbeitet, ohne je Geld dafür bekommen zu haben. Wenn wir Pech haben, springt auch am Ende nichts dabei raus für uns. Aber dafür haben wir diese Erfahrung gemacht, haben diese Liebe erfahren. Und Kunst geschaffen. Und zwar eigentlich wie Amateure. Wir machten das...

Tom Tykwer: … weil das unser Antrieb ist, zu existieren. U Es hat geholfen, dass wir uns zu dritt waren. So war es auch einfacher, wieder und wieder Sponsoren zu überzeugen. Allein hätten wir vielleicht alle längst hingeschmissen.

Morgenpost Online: War es zumindest einfacher, die Schauspieler zu überzeugen?

Andy Wachowski: Ja. Dass die daran glaubten und mitmachen wollten, das hat uns getragen. Das hat uns bestärkt. Tom Hanks wollte von Anfang an dabei sein.

Tom Tykwer: Das war wie eine Wiedergeburt. Er sagte, wie immer der Deal ist, ich bin dabei, wann fangen wir an? Wenn dir gerade die Tür von Produzenten zugeschlagen wurde, ist das, als ob du plötzlich wieder Muskeln kriegt, um weiter zu kämpfen.

Morgenpost Online: Sie haben den Film gleichzeitig in Babelsberg und auf Mallorca gedreht. Was war das für eine bombastische Logistik, das zu koordinieren.

Andy Wachowski: Das war eigentlich einfach. Bis zum dritten Drehtag, als Halle Berry sich den Fuß gebrochen hat und wir den Drehplan in der Pfeife rauchen konnten. Aber das ganze Projekt war so aufwändig: so viele Settings, so viele Darsteller...

Lana Wachowski: Das wären 120 Drehtage gewesen. So konnten wir es in der halben Zeit schaffen.

Tom Tykwer: Wir haben vier Jahre daran gesessen, haben das Drehbuch zusammen entwickelt. Wir haben ganz schön lang daran gearbeitet, die Gelder zusammenzubekommen. Und die Schauspieler. Da war der Drehplan nicht mehr das Schlimmste. Wir hätten natürlich gerne alle Szenen zu dritt gedreht, aber das ging einfach nicht.

Lana Wachowski: Manchmal kamen die Schauspieler durch eine Tür und landeten vom 19. Jahrhundert im 25. Wir aber hatten das die ganze Zeit, über Skype waren wir ständig miteinander verbunden. .

Andy Wachowski: Das alles wäre nie möglich gewesen ohne die Großzügigkeit unserer Schauspieler.

Morgenpost Online: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, jeden Schauspieler mehrfach zu besetzen?

Andy Wachowski: Alles in diesem Buch ist miteinander verbunden und verwoben. Wir haben das in lauter Einzelteile zerlegt, auf dem Teppich ausgebreitet und lauter Verbindungen zu den anderen Episoden gezogen. Und so kamen wir darauf: Warum lassen wir nicht jeden Schauspieler in mehrere Rollen schlüpfen, um das zu unterstreichen?

Morgenpost Online: Lana und Andy Wachowski, Sie haben seit einem Jahrzehnt keine Interviews gegeben. Warum nicht? Und warum jetzt doch wieder?

Andy Wachowski: Wir sind jetzt zu dritt. Tom hat die Presse eingeladen. Und wir fühlten die Verantwortung, ihn dabei unterstützen zu müssen. Das ist nicht leicht für uns. Wir lieben unsere Anonymität.

Morgenpost Online: Hat das auch mit ihrer Geschlechtsumwandlung zu tun, LanaM?

Lana Wachowski: Nein, das war ja schon lange vorher. Wir haben uns nach „Matrix“ zusichern lassen, dass uns das erspart bleibt. Wenn man uns vor die Wahl gestellt hätte, die Anonymität aufzugeben, um weiter Filme zu drehen, dann hätten wir wohl das Filmemachen aufgegeben. Das hat man dann letztlich respektiert.

Morgenpost Online: Herr Tykwer, nach all den internationalen Erfolgen: Könnten Sie sich vorstellen, nach Amerika zu gehen?

Tom Tykwer: Nö. Wieso? Als ich „The International“ drehte, eine reine Hollywoodproduktion, habe ich drei Wochen in Hollywood verbracht. Höchstens. Man muss nicht dort sein, um Filme für die Studios zu drehen. Im Gegenteil: Sie drehen ja ganz viel woanders. Ich bin gern in Berlin, ich gehöre auch hierher. Das wird immer meine Scholle sein. Eine so inspirierende Stadt. Warum die Kultur verlassen? Und kommen Sie mir bloß nicht mit Hollywood. Über die beiden habe ich allerdings Chicago schätzen gelernt.

Morgenpost Online: Wir fragen auch mal umgekehrt: Sie, Lana und Andy, haben jetzt Ihren vierten Film in Babelsberg gedreht. Könnten Sie sich vorstellen, hierher zu ziehen?

Lana Wachowski: Aber wir haben die letzten vier Jahre doch schon hier gelebt! Wir lieben die Stadt. Ich werde auch von hier aus die US-Wahlen verfolgen. Aber wenn es weniger um die Orte geht als um den Geist, sind sich Chicago und Berlin sehr ähnlich. In L.A. gibt es nur Shopping Mall, da geht es immer nur darum, zu kaufen. Wohingegen Berlin und Chicago Plätze jenseits des Kommerzes bieten.

Tom Tykwer: Es ist unglaublich, wenn man etwa Tiergarten mit dem Michigan-See vergleicht.

Lana Wachowski: Genau. Hier findest du alle Klassen und Rassen, alle nehmen diesen Platz an und machen ihn zu dem ihren. Das findest du schon nicht mehr in Manhattan und schon gar nicht in Los Angeles. Hollywood ist etwas, woran wir alle drei niemals interessiert sind.

Andy Wachowski: In Hollywood werden Produkte hergestellt. Mehr nicht. Und immer wieder dieselben Produkte. Genau das, von dem sie glauben, dass das Publikum es will. Wie langweilig.

Lana Wachowski: James Bond ist so ein Beispiel. Immer wieder das Gleiche, mit kleinen Änderungen. Und wenn mal ein paar Änderungen mehr kommen, reden alle schon von Neustart. Ach seht, der neue Q, wie witzig!

Morgenpost Online: Sie können doch nicht über den neuen Q lästern. Ben Whishaw, der ihn spielt, ist doch auch einer Ihrer Hauptdarsteller!

Tom Tykwer: Oh, sein Q ist gut. Und wir lieben Ben.

Lana Wachowski: Aber es ist halt die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Nehmen Sie die „Twilight“-Serie. Jetzt kommt auch noch „Der Hobbit“ nach dem „Herrn der Ringe“. Batman, Spiderman… Bei alldem geht es nur noch um Produkte, nicht mehr um Inhalte oder gar Visionen.

Morgenpost Online: Und werden Sie nun auch weiter gemeinsam Filme drehen?

Andy Wachowski: Wir hoffen sehr.

Lana Wachowski: Wir sind dafür gemacht.

Tom Tykwer: Wir müssen das nur mit dem Finanzieren noch besser hinkriegen.