Dieser reinweiße, ja fast sterile „Hamlet“, wie ihn die Komische Oper gerade ans Licht der Welt geholt hat, bleibt eine Glaubensfrage. Ja, die ganze Uraufführung ist eine einzige stilisierte Grenzerfahrung. Wir wissen, dass Sterbende kurz vorm Übergang – wohin auch immer – weißes Licht sehen. Gläubige erkennen darin das reine Licht des Jenseits, Wissenschaftler erklären es als das diesseitige Verlöschen des Bioorganismus ähnlich wie es auch beim Ausschalten eines alten Fernsehapparats zu beobachten ist.
Solche Erklärungen genügen einem emphatischen Komponisten wie Christian Jost (Jahrgang 1963) natürlich nicht, der jenseits aller Erklärungsversuche und überlieferten Storys das moralische Erlöschen Hamlets, das Ende des Zweifelns, das Ende der Ängste aufspüren möchte. Intendant Andreas Homoki hat ihm – wie es heißt, mit anfänglich großen Bedenken – die Vertonung eines der populärsten Stoffe der Weltliteratur ermöglicht und die Oper als Regisseur gleich selber auf die Bühne gebracht. Das Auftragswerk ist ein gut zweistündiges Stück in grellem Schwarzweiß geworden.
Lange schon hadert er mit Hamlet
Jost selbst bezeichnet die Oper als sein magnum opus. Womöglich will er daran glauben. Bereits seit Jahrzehnten hadert er mit Shakespeares „Hamlet“-Stoff. Seine handlungsfernere Neudeutung – Dänemark liegt in uns allen – liefert den Beweis, dass Jost ein Künstler ist, der auf ständiger Suche ist und wohl niemals ankommen wird. Einer, der ähnlich wie die große Treppen-Spirale im Einheitsbühnenbild von Wolfgang Gussmann, nach oben strebt und von inneren Zweifeln geplagt stets nach unten ins Dunkle oder besser ins Innere blickt. Die Oper liegt in seinem künstlerischen Werdegang der ständigen Selbstüberschätzung und Selbstüberprüfung – sie knüpft deutlich an die Choroper „Angst“ an. Auch dort ging es um (sportive) Grenzerfahrungen und Selbstüberschätzung.
Die Uraufführung wurde am Ende in der Komischen Oper mit bemerkenswert einhelligem Beifall bedacht. Gerade auch für den Komponisten, dessen „Hamlet“ voraussichtlich kein Publikumsliebling werden dürfte. Aber diese hochartifizielle Übersetzung eines altvertrauten Stoffs verströmt vor allem eines: Menschlichkeit. Es mag ein wenig darüber hinweg trösten, dass Josts Libretto nach Shakespeares englischem Originaltext kein großer Wurf ist. Es gilt nach wie vor die Regel: Komponisten sollen vor allem eines tun – komponieren. Musik ist ihr bestes Medium.
„12 musikdramatische Tableaux“ von jeweils rund zehn Minuten Spielzeit hat Jost hinkomponiert. Es ist schon beglückend, dass wenigstens die menschliche Stimme im Mittelpunkt der Oper des 21. Jahrhunderts erhalten bleibt. Die Titelrolle hat der Komponist der Mezzosopranistin Stella Doufexis, seiner Ehefrau, auf den Leib geschneidert. Sie passt wie angegossen. Frau Doufexis weiß die Facetten des zweifelnden, verqueren Hamlets in allen Stimm(ungs)schwankungen auszusingen. Das Solistenensemble insgesamt veredelt die Uraufführung.
Ein Mann für die Chorkunst
Was sich wieder einmal beweist: Jost hat ein Händchen für die Chorkunst. Es sind die musikalisch atemvollsten Momente, wenn sich etwa im fünften Ophelia (Karolina Andersson) im Frauen-Echo auflöst. Oder wenn sich aus den Tiefen des Treppenraumes ein schwarzer Chor der Geister, der auch die „Hamlet“-Frage „Sein oder Nichtsein“ stellt, heraufwispert. Die ausgefeilte Mehrchörigkeit setzt gleichsam Maßstäbe und wohl auch Grenzen für die Aufführbarkeit der „Hamlet“-Oper an anderen, kleineren Häusern, die nicht über einen so gestaltungsfähigen Chor verfügen. Carl St. Clair hält am Pult die Fäden in der Hand. Zu hören sind feingesponnene Stimmungsbilder, Momentaufnahmen, die das Instrumentarium, vor allem auch das Schlagwerk, auskosten.
"Hamlet" in der Komischen Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel.: (030) 47997400 Termine: 27. Juni; 2., 7., 12. und 19. Juli




