Morgenpost Online: Ein Dirigent und ein TV-Entertainer - das ist schon ein merkwürdiges Gespann?
Alfred Biolek: Wieso? In meinen Sendungen habe ich über Jahrzehnte hinweg versucht, U und E miteinander zu verbinden. Und Christoph Hagel macht nichts anderes. Das ist unsere Verbindung.
Morgenpost Online: Kleine Testfrage: Das wievielte Gebot fordert, nicht deines Nächsten Frau zu begehren?
Christoph Hagel: Das sechste?
Biolek: Sechs, sieben... keine Ahnung.
Morgenpost Online: Aber die Moral spielt doch in Mozarts "Cosi fan tutte" eine große Rolle?
Biolek: Ja, und ich habe mich schon immer geärgert, wenn ich die "Cosi" gesehen habe. Und das war ziemlich oft. Die Oper ist schrecklich frauenverachtend. Aber das hat den Mozart wahrscheinlich nicht gestört.
Hagel: Moment, er hat doch drei Männer auf die Bühne gebracht, die ein sehr übles Frauenbild offenbaren. Das arbeiten wir auch deutlich heraus. In unserer Fassung reden alle im modernen Stil. Die Frauen sprechen auch viel über sich, über Rollenspiele von Frauen in der Gesellschaft. Und wir finden einen Schlusscoup, mit dem die Frauen sich rächen.
Morgenpost Online: Wollen Sie es verraten?
Hagel, Biolek: Nein!
Hagel: Die Frage ist doch, wo finden heute diese Rollenspiele statt? Unsere Antwort lautet: Im Fernsehen, in den Gazetten, mit Stars und Sternchen. Wir haben Mozarts Katz-und-Maus-Spiel ins Fernsehen verlegt.
Morgenpost Online: Ist unser Fernsehen chauvinistisch?
Biolek: Ja, auch. Fernsehen ist alles. Sie bekommen auf Arte und 3Sat die höchste Kultur geboten und auf anderen Sendern den schrecklichsten Trash, die tiefste Unmoral und die schlechteste Qualität.
Morgenpost Online: Was ist jetzt Ihre Rolle? Wir werden doch nicht etwa Ihr spätes Debüt als Opernsänger erleben?
Biolek: Nein, nein. Ich bin der Moderator dieser Fernsehshow.
Morgenpost Online: Spielt Biolek den Biolek?
Biolek: Nein, ich spiele ein wenig die Nachfolge von Linda de Mol.
Morgenpost Online: Wer führt von Ihnen die Regie?
Hagel: Ich!!! Oder?
Biolek: Eindeutig.
Hagel: Wichtiger als die Regie ist, dass wir den Text modernisiert haben und jetzt eine Screwball-Komödie mit Musik von Mozart zeigen. Das ist das eigentlich ästhetisch Experimentelle dieser Produktion. Damit wollen wir mögliche Schwellenängste beim Publikum überwinden. "Die Zauberflöte" ist ein Massenstück, schon immer gewesen, die "Cosi" dagegen aber nicht.
Morgenpost Online: Herr Biolek, wann haben Sie die Oper für sich entdeckt?
Biolek: Schon als Schüler. Ich bin in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und da gab es damals die beste Oper Deutschlands. Später war ich oft in Salzburg, Bayreuth - und in der Staatsoper oder Komischen Oper. Aber ich habe nie selbst Musik gemacht, sondern sie immer nur passiv genossen.
Morgenpost Online: Halten Sie diese neue "Cosi"-Produktion für genießbar?
Biolek: Man wird sie auf eine andere Weise genießen, als wenn man in die Staatsoper geht. Kürzlich habe ich mir in der Komischen Oper die "Armida" angeschaut, mit zwölf nackten jungen Männern auf der Bühne. Die Oper und erst recht das Theater haben sich doch in neue Richtungen entwickelt. Es ist alles ziemlich verrückt geworden.
Morgenpost Online: Ist es ein Verfall?
Biolek: Aber nein. Die Gesellschaft verändert sich ständig - und damit auch die Kultur. Die Entwicklung ist nie nur negativ oder nur positiv.
Hagel: Natürlich ändert sich die Gesellschaft, aber bestimmte Mechanismen sind immer dieselben. Das versuchen wir hier zu zeigen. Es gibt die gleichen Sehnsüchte, Zweifel und Nichterlösungen. Die Mechanismen zwischen Mann und Frau am Hofe Joseph II. sind dieselben wie heute.
Morgenpost Online: Herr Hagel, es ist Ihre zweite Opernproduktion im E-Werk. Vor zwölf Jahren war es Mozarts "Don Giovanni" mit Katharina Thalbach als Regisseurin. Was hat sich im Drumherum verändert?
Hagel: Damals war das hier ein ganz verranzter Technoclub, heute ist es ein hipper Event-Place. Hier finden schicke Galas statt. Aber so ist Mitte geworden.
Morgenpost Online: Hat Ihr Mozart eine Botschaft oder ist es reine Unterhaltung?
Hagel: Das klingt so negativ. Kunst sollte im günstigsten Fall drei Aufgaben gleichzeitig erfüllen: unterhalten, aufklären und ergreifen. Kein Komponist hat diese Ziele so vollendet umgesetzt wie Mozart.
Biolek: Natürlich ist es Unterhaltung. Aber in dem Moment, wenn die Klassik übernimmt, wenn die Musik erklingt, die Sänger beginnen, dann ist es hohe Kunst. Der Text wird auf einmal völlig egal, wenn Mozart erklingt. Da kommen mir sogar Tränen in die Augen.





