Konzert in Berlin

Muse ruft in der O2 World zur Revolution auf

Kürzlich ein Geheimkonzert im Berliner Admiralspalast, am Abend ganz offiziell in der O2 World: Die Brit-Rocker der Band Muse zeigten mit ihrer "The Resistance"-Tour, dass der Größenwahn für sie keine Grenzen kennt. Doch das Publikum hält da nicht immer mit.

Foto: Getty Images

Seit den siebziger Jahren gilt im Rock inoffiziell das Gebot der Zurückhaltung. Das Beispiel der Bands Genesis, Yes oder Emerson Lake & Palmer hatte nachhaltig abgeschreckt, Bombast und fantasievolle Strukturen waren fortan tabu. Viele nachgewachsene Musiker haben es aus Glaubwürdigkeitsgründen tunlichst vermieden, mit ähnlich aufwändigen Mitteln zu protzen. Nur Muse hält sich so gar nicht an das Gebot, erst recht nicht mit der „The Resistance“-Tour, die jetzt in der nicht ausverkauften 02 World Halt machte.

Schnell stellt sich die Frage, ob man eine Muse-Show mit einem konventionellen Begriff wie Rockkonzert beschreiben kann. Es ist nämlich der Bühnenaufbau, der die meiste Zeit ins Auge fällt. Er mutet weit spektakulärer an als die drei Kerle, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten. Sänger und Gitarrist Matt Bellamy, Bassist Chris Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard erscheinen einzeln, eingesperrt im Mittelteil von drei großen Rechtecksäulen, wo sie in einer Art Boxring umrahmt von Chromgeländern spielen. Die beleuchteten Türme lassen sich auf und ab bewegen, dazu kreieren weite, durch die ganze Halle gehende Laserstrahlen eine Atmosphäre wie in der futuristischen Disco.

Rein optisch betrachtet ähnelt es mehr einer Kunstinstallation als einem Auftritt von Musikern. Der Zuhörer erstarrt deshalb manchmal in Ehrfurcht vor lauter Bewunderung über die Finessen der technischen Konstruktion. Beim Oldie „New Born“ ist das mal anders, da verlassen die Mitglieder von Muse ihre Käfige und plötzlich kommt auch Leben ins Publikum. Generell aber bleibt Kommunikation mit den Fans aus. Von Bellamy hört man kein Wort der Animation. Er reagiert nicht auf Zwischenrufe und gibt keine Anekdoten von sich. Muse spielt bloß. Einerseits ist das angenehm, mal eine Band ohne übergroßes Ego zu erleben. Andererseits würde man sich von Leuten, die ein pompöses Drumherum anbieten, schon mehr Bühnenpersönlichkeit wünschen.

In den Songs gibt es durchaus Anhaltspunkte für engagiertes Auftreten. Zu Beginn des Konzerts etwa ruft Matt Bellamy zu Aufstand und Gegenwehr auf. Scheinbar jedenfalls. „Sie werden uns nicht beherrschen, wir werden siegreich sein“, singt der Frontmann. Doch in Wirklichkeit versteht sich Bellamy nicht als politischer Revolutionär, er ist kein Che Guevara. Vielmehr glaubt er, stets von Pathos übermannt, dass man mit zwischenmenschlicher Wärme das Böse in der Welt schon irgendwie besiegen werde. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass diese Botschaft ankommt. Live gehen die Textzeilen im Spektakel unter, wirken sie mehr wie ein geschickt gesetzter Effekt als wie ein mit dem Brustton der Überzeugung dargebotenes Statement.

Dem Trio aus dem britischen Teignmouth hat man ja immer nachgesagt, sich allzu sehr an den Kollegen von Radiohead zu orientieren. Aber das ist längst überholt. Muse schnappt sich inzwischen alles, was aus den letzten Rock-Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts überliefert ist. Ihren Klassiker „New Born“ intoniert die Band mit der Härte von Nirvana. Bei „Undisclosed Desires“ fühlt man sich der elektronischen Klänge wegen an Depeche Mode zu deren Berlin-Zeit erinnert. In „United States Of Eurasia“ verweist man auf die bereits angesprochenen siebziger Jahre, und da besonders auf Queen und ihre Opernsausen. Der Song „Feeling Good“ stammt ursprünglich von der großen Nina Simone. Auch an sie traut sich Bellamy heran, der in diesem Fall am Piano sitzt. Hat es so eine Mischung, zudem noch mit der Wucht des Wahnsinns zelebriert, schon mal gegeben?

Am Ende ist alles gut. Während des Zugabenblocks und insbesondere am Endpunkt „Knights Of Cydonia“ erreicht die Begeisterung in der Halle doch noch ihren Höhepunkt. Es wird kräftiger als sonst geklatscht, wild gesprungen und laut gerufen, bis sich Muse schließlich umgegeben von riesigen Nebelwolken von ihren Fans verabschiedet. Für eine Band, die sonst keine Zurückhaltung kennt, ist das fast schon ein ordinärer Abgang.