Gerade als ich der Kellnerin vom „Fischers Fritz“ erkläre, warum ich in das Restaurant möchte und dabei den Namen „Diane Kruger“ erwähne, steht sie plötzlich vor mir: Diane Kruger. „Oh! Da sind Sie ja“, sagt sie. „Kommen Sie doch mit rein.“ Schade, denke ich, gestern waren wir schon einmal beim Du. Sie läuft vor mir in das Sterne-Restaurant und führt mich zu ihrem Tisch, wo ihre Assistentin Abi sitzt. Ganz hinten, links, am Fenster. Abi gibt mir die Brille, die ich in Dianes Auto vergessen hatte. Doch bevor ich überhaupt etwas sagen kann, bringt ein Kellner einen dritten Stuhl an den Tisch. Als ob ich der Gast sei, auf den die beiden gewartet hätten.

Aber wir sind eben schon wieder beim Sie. Ich lehne ab, bedanke mich noch einmal bei „Frau Kruger“. Ich erkläre, dass ich ohne Brille keine Untertitel erkennen kann. „Filme auf der Berlinale – ohne Untertitel eine Katastrophe.“ Was man eben so redet. Ich verabschiede mich höflich und bin raus aus „Fischers Fritz“ und damit auch aus Hollywood. Dabei ist es gar nicht lange her, dass ich drin war. Vor einem Tag erst saß ich mit Diane Kruger, „unserem Star in der Film-Traum-Fabrik“, in ihrem Auto.

Das war so: Wir hatten uns auf ihrem Innenhof verabredet. In der Nähe der Yorckstraße, dort, wo Kreuzberg wie Charlottenburg aussieht. Alles strahlt hier heller als sonst, der weiße Schnee hat sich in glänzendes Eis verwandelt. Wir staksen vorsichtig aufeinander zu. Schon allein dadurch hat unser erstes Treffen etwas ganz Bodenständiges, im Gegensatz zum späteren Wiedersehen im „Fischers Fritz“.

Zu glatt: lieber mit dem Auto

Diane Kruger ist gut gelaunt, hat lange geschlafen, wie sie sagt, bis 12Uhr mittags. Sie dreht gerade einen Film mit US-Star Liam Neeson. Viele Szenen spielen in Berlin: in Heckeshorn am Wannsee, im Club Tresor in Kreuzberg und in der S-Bahn-Station Friedrichstraße. Gestern war sie bis drei Uhr nachts unterwegs. Wir einigen uns schnell, dass wir keine Lust auf einen Spaziergang zu Fuß haben. Ich erzähle von der katastrophalen Streusandsituation in Berlin. Abi und Diane wissen davon nichts. Diane muss in einer Stunde im „Hotel de Rome“ sein und schlägt vor, dass wir dort noch einen Tee gemeinsam trinken. Sie sagt: „Wir nehmen mein Auto.“ Das Wort „Auto“ klingt bei Diane ein bisschen französisch. Oder wie sehr, sehr elegant gesprochenes Deutsch. Ihr Wagen ist ein Smart ED, ein Elektroauto, das es derzeit nur 100Mal in Deutschland gibt. Erst ab dem Jahr 2012 soll es in Serie gehen. Jeden Abend schließt sie den kleinen grünen Wagen an eine normale Steckdose an. „Das perfekte Stadtauto“, sagt Diane.

Leise summt der Wagen, als sie ihn startet. Kein Motorengeräusch, als sie in die Yorckstraße einbiegt. Sie erzählt von ihrem neuen Kiez rund um die Bergmannstraße. Sie mag die kleinen Restaurants, den Viktoriapark. Sie lebt in der Wohnung von Quentin Tarantino, dem Regisseur ihres letzten Films „Inglorious Basterds“. Sie nennt ihn Quentin und versteht sich noch immer gut mit ihm. Außerdem mag sie seine Wohnung. „Sie ist groß genug, dass ich Freunde einladen kann“, sagt sie und erzählt von ihren großen Dinnerpartys in Paris.

Gerade zur Adventszeit hatte sie dort wieder Freunde zu Gast. Sie kochte Rotkohl und Klöße – beides für Franzosen eher ungewohnte Speisen, es kam auch nicht gut an. Hier in Berlin hatte sie bisher noch keine Gelegenheit gehabt, Freunde einzuladen. Hat sie denn Freunde in der Stadt? Sie zögert. Sie war bisher nur im Winter in Berlin. Jetzt ist es das dritte Mal, diesmal bleibt sie aber fast drei Monate. Damit ist sie eine Neu-Berlinerin. Aber Freunde? Nein, ihre wirklichen Freunde, sagt sie, wohnen alle entweder in New York oder in Paris.

Mitten im Gespräch über ihre Vergangenheit ertönt plötzlich eine andere weibliche Stimme im Auto. Im Film könnte man sagen, sie spricht aus dem Off: „In 100 Metern bitte links abbiegen.“ Wir müssen beide lachen. „Ich fahre zum ersten Mal mit einem Auto regelmäßig in Berlin.“ Sie möge das aber viel mehr, weil sie sich frei bewegen könne. Von Fans erkannt werde sie ohnehin meist nur, wenn sie sich „zurechtmache“, sagt sie. Das tue sie aber nur selten. Die Berliner Clubszene interessiere sie nicht so sehr. Lieber verbringe sie einen ruhigen Abend zu Hause. So wie gestern. Vielleicht, weil sie beim Dreh immer von Menschen umgeben ist. „Ich kann gut mit mir allein sein.“

Geboren und aufgewachsen ist Diane bei ihrer Mutter und ihrem Bruder „in dem kleinen Dorf Algermissen bei Hildesheim bei Hannover“. So hat sie es bei der Dankesrede für die Goldene Kamera vor zwei Wochen formuliert – das war kurz bevor sie sich bei ihrer Mutter bedankte. Sie hatte ihre Tochter mit 16 Jahren nach Paris gehen lassen. Dieses Vertrauen war letztlich der Start ihrer Karriere. Sie begann zu modeln, zog nach New York, veränderte ihren Nachnamen und drehte mit 25 Jahren ihren ersten Kinofilm. Wenn sie diesen Lebenslauf kurz zusammenfasst, klingt das ein wenig wie eine Einbahnstraße, die Richtung ist klar vorgegeben. Doch sie sagt: „Man macht Karriere, weil man das Glück hat, dass andere Menschen etwas in einem sehen.“

Diane Kruger folgt der Offstimme in die Wilhelmstraße. Sie erzählt, dass sie das „Kreuzberger Du“ mag. Ihr Bäcker an der nächsten Ecke habe sie vom ersten Tag an geduzt. „Und eigentlich können wir uns auch duzen“, sagt sie. In diesem Moment nehme ich auch meine Brille ab, denn irgendwie stört sie plötzlich. Ich lege sie auf die Ablage vor mir. Aus dem Off: „In 1,2 Kilometern bitte rechts abbiegen.“

Wir reden über das, was sie jetzt noch mit Deutschland verbindet. Da gibt es die regelmäßigen Telefonate mit ihrer Mutter und deren Pakete. „Sie schickt mir immer noch Kaffee.“ Dianes Lieblingsbuch ist Patrick Süßkinds „Das Parfüm“, sie hat es allen Freunden geschenkt. Und dann ist da noch ihr Großvater. Der brachte sie mit Filmen in Berührung. Zusammen haben sie wohl 25 Mal „Die Feuerzangenbowle“ gesehen. „Als Heinz Rühmann starb, habe ich sofort meinen Großvater angerufen“, sagt sie, „und wir haben zusammen geweint.“

Ich muss daran denken, wie es aussieht, wenn sie weint. Gesehen haben das schon viele, besonders oft in „Troja“, ihrer ersten großen Hollywood-Rolle. Sie war Helena, Königin von Sparta, Prinzessin von Troja, die schönste Frau der Welt. Ihretwegen zieht eine Flotte in den Krieg. Ihr Liebhaber im Film heißt ausgerechnet so wie ihre zweite Heimat: Paris. Orlando Bloom spielt ihn, und als er in den Kampf zieht, will Diane ihn zurückhalten. Sie sagt: „Ich habe Angst davor, dass du mit dem Schiff wegfährst und niemals zurückkommst.“ Dann werden ihre Augen nass. Die Kamera rückt ganz dicht an sie heran und zeigt: Diane Kruger trauert.

Für Diane Kruger sind das Momente, in denen sie sehr verwundbar ist, sagt sie. Dabei benutzt sie nicht das Wort „verwundbar“, sondern das englische „vulnerable“, als ob das ihren Zustand besser beschreibt. Vielleicht ist das auch so. „Weißt du,“, sagt Diane, „in solchen Momenten vergesse ich die Kamera, die Zuschauer sehen mich da also in einem wirklich schwachen Moment, wissen aber nicht, wo ich bei mir hingehe, welche Stelle ich bei mir finden muss, um diese Regung für die Kamera zu erzeugen.“

Plötzlich ruft sie laut „Come on!“ dem Fahrer vor ihr zu. In diesem Augenblick befielt ihr die Offstimme, in die Behrenstraße abzubiegen. Alles wird kurze Zeit sehr hektisch. Wahrscheinlich ist in diesem Moment meine Untertitel-Brille heruntergefallen. Mir fällt die Berlinale ein, bei der sie vor zwei Jahren selber in der Jury saß. Es sei „fantastisch“ gewesen, sagt sie. Ob sie dieses Jahr über den roten Teppich laufe, wisse sie noch nicht. Denn ausgerechnet in dieser Woche ist auch Josh da. „Josh“ ist Joshua Jackson, ihr kanadischer Freund, ebenfalls ein erfolgreicher Schauspieler. Kleine Welt. Vielleicht unterscheiden sich Hollywood und das Dorf Algermissen am Ende gar nicht so sehr.

Wir fahren in die Tiefgarage am Bebelplatz, und für einen Moment ist es wieder still im Auto. Diane parkt das Steckdosenauto auf dem Frauenparkplatz. Noch ein kurzes, letztes Summen, und wir steigen aus. „Sie haben ihr Ziel erreicht“, sagt die Stimme. Dabei bin ich noch lange nicht so weit. Ich habe zum Beispiel noch nicht herausgefunden, wohin sie denn gehen musste, als sie als Helena um ihren Geliebten Paris weinte.

Im „Hotel de Rome“ spielt eine junge Pianistin auf einem Flügel getragene Musik und verbreitet intime Stimmung. Perfekt, um private Fragen zu stellen. Ihre Assistentin Abi sitzt am Nebentisch, sie versteht kein Deutsch.

Diane bestellt Apfelkuchen („Ich liebe Apfelkuchen“) mit etwas Sahne. „Wahrscheinlich würde ich sehr zunehmen, wenn ich hier mehrere Monate wohnen würde“, sagt sie. Wir reden über ihre nächsten Reisepläne. Anfang März muss sie noch einmal nach Los Angeles. Die Oscars. Dort trifft sie ihre Kollegen wieder: Harvey Keitel, Nicolas Cage, Ed Harris, Joseph Fiennes – und auch Brad und Orlando. Sie mag nicht, dass viele Menschen Hollywood-Schauspieler so kultig behandeln. „Du darfst dir das nicht so glamourös vorstellen“, sagt sie. „Das wäre ein totales Klischee.“ Sie selbst wolle auch nicht immer wieder in eine Schublade gesteckt werden. Letztlich seien es alle nur Menschen. Man sieht sich manchmal bei großen Anlässen und kennt sich eben. „Einige würde ich nie anrufen wollen, mit anderen bleibe ich ‚in touch'.“ So wie mit Sandra Bullock, mit der sie bei den Golden Globes über ihre deutschen Wurzeln gesprochen hat. Auf Deutsch.

Negative Erfahrung – ein Glück

Aber gab es für sie einen Moment, mit dem diese Tür zu dieser Welt aufgestoßen wurde? Sie überlegt kurz und sagt: „Ja, es gab da einen Freund, der mein Herz so gebrochen hat, dass mein Leben total umgekrempelt wurde.“ Sie war damals noch neu in Paris. Noch sehr jung. Der Schmerz sei aber so stark gewesen, dass sie gezwungen gewesen sei, ihr Leben fundamental zu ändern. Ich sage ihr, dass ich noch keine solch stark negativen Erfahrungen hatte. Sie: „Ich hatte schon mehrere.“ In diesem Moment, vielleicht nur für wenige Sekunden, sitzt Helena aus „Troja“ vor mir. In Großaufnahme, sozusagen. Eine schöne, aber sehr traurige Frau. Heute sagt sie über diese Zeit: „Da fällt man tief, aber man kann auch über sich hinauswachsen. Diese negative Erfahrung war für mich auch ein Glück.“

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Abi und Diane stehen auf und verabschieden sich. Mit Kuss auf die Wange, wie das eben so üblich ist. Ich setze mich wieder und werde plötzlich ganz ruhig. Irgendwie habe ich das Gefühl, etwas verloren oder vergessen zu haben.

Hätte ich sie noch mehr nach Marlene Dietrich fragen sollen? Schließlich war sie der erste große deutsche Star in Hollywood, und gerade jetzt, während der Berlinale, wird ihr Stern enthüllt. Auf dem „Boulevard der Stars“. Eine Kopie von Los Angeles mitten am Potsdamer Platz. Übrigens genau der Ort, an dem Dianes Film „Troja“ seine Weltpremiere hatte.

Ich sitze noch eine Weile und höre der Pianistin zu. Sie spielt erst ein langsames Stück von Rachmaninoff. Dann gelingt ihr eine Überleitung zu „Smile“, einem alten Charlie-Chaplin-Hit. Er handelt davon, dass man immer lächeln soll, auch wenn einem gerade das Herz bricht. Diane Kruger muss auch traurig sein können, wenn es ihr eigentlich ganz gut geht. Ich gehe zu der Musikerin und frage, wonach sie ihre Lieder auswählt. Sie sagt, als sie Diane Kruger dort sitzen sah, hat sie sich für diesen Filmmusikklassiker entschieden. Als ich auf ihre Noten blicken will, erschrecke ich kurz. Wo ist meine Brille? Diane!