Kein hölzernes Tischchen, keine nostalgische Leselampe, kein Papierrascheln beim Umblättern von Buchseiten – nach dem üppigen Vorspann auf der Großleinwand zu Soundtrack-Gefiedel und Frank Sinatras „New York, New York“ ist schnell klar, dass dies hier keine übliche Autorenlesung wird. Schriftsteller Frank Schätzing, durch seinen Überraschungserfolg „Der Schwarm“ zu Weltruhm gelangt, hat keineswegs die Absicht, sich vor sein Publikum im prallvollen Admiralspalast zu setzen und einige Kapitel seines neuen Bestsellers „Limit“ vorzulesen. Er liest freilich schon einige kurze Passagen, aber dabei schlendert er lässig in Jeans, Pulli und Cowboyboots über die Bühne und hält kein Buch in Händen – sein 1320 Seiten dicker Wälzer wäre dafür wohl auch etwas schwer -, sondern ein handliches E-Book. Immerhin: eine Leselampe hat er dann doch drangeklippt.
Frank Schätzing ist nicht auf Lesereise. Er ist auf „Limit Live“-Tournee. Und präsentiert sein Buch als höchst unterhaltsame Mixtur aus „Willi will’s wissen“, „Space Night“ und Popkonzert, mit Filmen, Musikvideo und selbst geschaffener Musik, die den ganzen Abend konsequent untermalt. Er erfindet die Autorenlesung sozusagen neu, nachdem er sich ein stückweit in das erste Kapitel von „Limit“ vorgearbeitet hat. Jenen Öko-Thriller, für den er eine Welt im Jahr 2025 erfunden hat, in der die beiden einzigen Weltmächte USA und China auf dem Mond um die Energie der Zukunft, Helium 3, ringen. Und in dem ein finsterer Schurke auf dem Weg zum Mond sein Unwesen treibt, während auf der Erde ein Internet-Detektiv und eine chinesische Dissidentin blutige Auseinandersetzungen mit einem Berufskiller ausfechten.
Aber so sehr geht es gar nicht um das Buch. „Limit“ ist sozusagen nur die Grundlage für eine verplauderte Nummernrevue, für ein stilles Spektakel, für die Selbstinszenierung eines Geschichtenerzählers, der sich auf der Bühne wohl fühlt wie ein Rocksänger kurz vor den Zugaben. Schon bald legt er das E-Book beiseite und erzählt munter drauf los wie ein Hirschhausen der Science-Fiction, demonstriert als eine Art Stand-Up-Comedian die Halbwertzeit von Zukunftsprognosen („Maschinen, die schwerer als Luft sind, können nicht fliegen“) und sagt mit einem Lächeln: „Glauben und vertrauen sie niemandem, der Ihnen das Jahr 2025 erklären will“. Das Ganze reichert er mit bartwuchsreichen Witzen aus der untersten Etage des Komödiantenkellers an. Aber egal, da versucht einer, sein Buch einmal auf andere Weise ans Publikum zu bringen. Und er ist auf dem richtigen Weg.
Auf der bühnenfüllenden Leinwand wird eine Nachrichtensendung aus dem Jahr 2025 eingespielt. Die Nachrichtensprecherin berichtet von Ereignissen, die für „Limit“ von Bedeutung sind. Wir erfahren aber auch, dass Bundeskanzler zu Guttenberg und US-Präsident Schwarzenegger zum Gedankenaustausch zusammengetroffen sind, der 121 Jahre alte Schauspieler und Sänger Johannes Heesters im neuen Vilsmaier-Film „Methusalem“ mitwirkt und der 1. FC Köln seit Jahren auf Platz 1 der Bundesligatabelle steht. Während der Wetterbericht einen Ausflug zur holländischen Seenplatte oder zur dänischen Inselgruppe vorschlägt.
Highlight der Show ist der Auftritt von Jan Josef Liefers auf der weißen Leinwand als Romandetektiv Owen Jericho, der sich erst mit seinem Schöpfer und Erfinder auf der Bühne kabbelt („Ich hab’ zwischendurch schon überlegt, ob ich in den neuen Roman von Dan Brown abhaue“), dann aber gemeinsam mit ihm und der inzwischen auch auf der Leinwand aufgetauchten Dissidentin Yoyo, gespielt von Milena Karas, eine weitere Passage des Buches liest. Ein technisch versierter, virtueller Varieté-Trick.
Mit „Limit Live“ wird Frank Schätzing die geschätzen Routinen der literarischen Lesung nicht aus den Angeln heben. Tischchen, Lämpchen und Papier wird es noch eine ganze Weile geben. Aber der 52-Jährige Erzähler bietet eine Alternative, die das geschriebene Wort mit verspieltem Witz und fundiertem Wissen ins Rampenlicht transportiert. Gegen Ende gibt’s noch einmal Frank Sinatra. Zu „Fly Me To The Moon“ lässt Schätzing sein Publikum über spektakuläre Schwarzweißbilder der Mondoberfläche schweben. Und mit etwas Fantasie entdeckt man auch jene Stellen, an denen der Roman spielt. Der Applaus ist langanhaltend. Nur wenige haben den Admiralspalast schon vorzeitig verlassen.





