"Mehr Inbrunst bitte!"

Der Autor Zaimoglu fordert Mut zum Reaktionären

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Elmar Krekeler

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Einst war er der Bürgerschreck der deutschen Literaturszene, inzwischen schreibt Feridun Zaimoglu über Elfen und Gnome. Mit Morgenpost Online sprach der Schriftsteller über deutsche Romantik, fehlendes Pathos im Wahlkampf und die Moderne, die ihn mal gern haben kann.

Hätte man ihm vor zwanzig Jahren seinen neuen Roman "Hinterland" in die Hand gedrückt, mit der Bemerkung, er habe das geschrieben, Feridun Zaimoglu hätte einen für verrückt erklärt. "Hinterland" hat mit der wütenden "Kanaksprak"-Literatur nichts mehr zu tun, mit der Zaimoglu bekannt wurde. Der siebte Roman des 1964 im türkischen Bolu geborenen und seit 1965 in Deutschland lebenden Kieler Schriftstellers ist ein transeuropäisches Liebeswirrwarr, ein Geschichtengeflecht, ein Märchenwald, ein Trostbuch.

Morgenpost Online : Warum haben Sie ihrem neuen Roman eigentlich einen englischen Titel gegeben?

Zaimoglu : Hinterland ist im Englischen, das wusste ich auch nicht, das hat mir ein befreundeter Leutnant gesagt, das ruhige Land hinter der Front. Das hat mir gefallen. Vorne wird geschossen, hinten, so heißt die große Illusion, da geht es ruhig zu. Da sind die Zivilisten.

Morgenpost Online : Friedlich und ruhig geht's in Ihrem Hinterland aber gerade nicht zu.

Zaimoglu : Natürlich nicht. Gleich am Anfang heißt es ja: Das Hinterland ist eine Illusion. Die Figuren sind Träumer, Verwirrte, Verdrängte, Versprengte. Sie ziehen sich zurück. Das Hinterland ist ein Rückzugsgebiet. Da werden sie seltsame Geschichten verwickelt. Ohne jede Absicht. Und driften ab.

Morgenpost Online : Bei Ihrem Roman "Leyla" gab es eine Urszene. Sie saßen in einem Café, und eine alte Türkin schlurfte vorbei. Gab es so etwas bei "Hinterland"?

Zaimoglu : Keine Urszene, eher ein Urzustand. Dazu muss ich mal kurz die Maske fallen lassen. Ich war mal für ein paar Monate sehr traurig, so melancholisch angeweht. Ich saß im Zug, starrte aus dem Fenster und kam aus dem blinden Starren nicht mehr heraus. Und aus dieser Urphase, aus dieser "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin"-Stimmung heraus machte ich mich ans Werk.

Morgenpost Online : Sehr deutsch. Überhaupt romantelt es gewaltig in "Hinterland". Alraunenverkäufer gab es schon bei Ihnen. Jetzt wird man von Erdfräulein, Gnömchen, Elfen geradezu überrollt. Wo kommen die alle her?

Zaimoglu : Deutscher magischer Realismus! Es wurde hier in Deutschland immer so getan, als wäre der magische Realismus von Gabriel Garcia Marquez erfunden worden. Das war Ignoranz. Das war der bewusste Wille, all das, was die schönen deutschen Volkserzählugen geschaffen hat, auszuklammern. Mich hat man schon als "deutschnationalen Multikulturellen" tituliert, weil ich auf die schönen alten Geschichten hingewiesen habe. Es gibt den deutschen magischen Realismus, es gab ihn überall, wo die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, betrübt waren, in der vormodernen Zeit. Meine Inspiration als Geschichtenerzähler kommt nicht aus dem Orient, sondern aus dem Deutschen - die Abschweifung, das Barocke, all das, von dem die Moderne uns abgeschnitten hat. Die Moderne kann mich gerne haben. Die Moderne ist die Verachtung gegenüber dem, was man nicht versteht. Was man nicht versteht, wird für alt erklärt. Die Moderne verniedlicht, womit die Menschen früher sich umgeben glaubten.

Morgenpost Online : Nun haben Sie es ja mit der Wiederbelebung der deutschen Romantik auch leichter als ich.

Zaimoglu : Man muss den Willen, den Mut zum Reaktionären haben.

Morgenpost Online : Soviel Mut braucht es nicht mehr. Die Romantik ist in. Aus Sehnsucht nach der Vormoderne?

Zaimoglu : Weil man sich abgeschnitten fühlt von einer Tradition, an dessen Stelle ein nie endendes Kammergeschwätz des kopflosen Zivilisten gesetzt wurde. Und das ist langweilig. Aber die Schreiber haben das gespürt, wollten nicht auf die Pracht, die Möglichkeiten der deutschen Sprache verzichten. Man möchte doch auf diesen Reichtum nicht verzichten. Da ist vielmehr Reichtum als in der Moderne.

Morgenpost Online : Ähnlich wie Ihre Figuren in "Hinterland" sind Sie ständig unterwegs. Warum? Haben Sie eine kalte Wohnung?

Zaimoglu : Bitte! Ich habe endlich eine funktionierende Nachtspeicherheizung. Ich bin - wenn ich nicht am Schreibtisch sitze - auf einer unendlichen Lesetour. Und ich brauche das.

Morgenpost Online : Auch zur Inspiration?

Zaimoglu : Eher zum Kulissensammeln. In Stimmung komme ich, wenn ich vor der Bäckerei Feddersen in Kiel sitze, auf die Kreuzung gucke, auf den Südfriedhof zur Rechten und das Steakhaus. Und ich denke, was will mir das jetzt sagen (brüllendes Gelächter).

Morgenpost Online : Täte der deutschen Politik nicht ein bisschen von Ihrer literarischen Gegenaufklärung gut?

Zaimoglu : Halleluja, ja! Mehr Mut. Mehr Inbrunst. Mehr Pathos. Ich meine damit nicht gnadenlosen Populismus. Das wird ja gern verwechselt. Es geht doch anders. Angela Merkel sitzt da. Und man schaut sie an. Und es teilt sich nichts mit. Aber das geht mir nicht nur mit Merkel so.

Morgenpost Online : Ist das ein Spiegel unseres Landes oder ein Zerrspiegel?

Zaimoglu : Deswegen bin ich ja so sauer. Es ist so reich, es passiert so viel in Deutschland. Es bewegt sich. Aber oben bewegt sich gar nichts. Bei den Problemen, die es ja gibt. Die Leute sind ja verunsichert, es gibt den Afghanistankrieg, es gibt Jobabbau, nur weggeschminkt. Politiker sind nur Visagisten. Angestellte eines Nagelstudios.

Morgenpost Online : Nun haben Sie mal gesagt: "Kurt Beck ist mein Mann." Auch so ein Visagist? Wer ist jetzt Ihr Mann?

Zaimoglu: Kurt Beck gefiel mir, weil er von allen als chancenlos angesehen wurde. Ich habe große Sympathie für Menschen, die das Siegen nicht gelernt haben. Beck stand da, und man sah es ihm an, dass er dachte: "Herrgottnochmal, ich möchte hier weg." Ich werde zur Wahl gehen. Ich wähle die Grünen.

Morgenpost Online : Aber warum? Doch nicht wegen Cem Özdemirs Koteletten?

Zaimoglu : Ich hab' sie immer gewählt. (Pause) Ich wähle sie halt.