Stars und Sternchen schritten über den roten Teppich vor dem Kino. Kommende Woche darf der Delphi-Filmpalast den roten Teppich in eigener Sache ausrollen. Denn das Kino wird 60 Jahre alt. Auch sein Erbauer dürfte dann über die Kaisertreppe wandeln: Walter Jonigkeit. Der 1,90-Meter-Hüne ist längst im biblischen Alter, zählt 102 Lenze. Und wacht doch immer noch über "sein" Baby. Einst war das Urgestein Berlins jüngster Kinobetreiber. Das war 1932. Da übernahm der Mann, der das Gewerbe von der Pike auf gelernt hat, die Kamera Unter den Linden. Und machte es zum ersten Programm-Kino der Stadt. Denn Jonigkeit zeigte dort Wiederaufführungen: ältere Filme, die sonst keiner mehr zeigte. Und Originalfassungen. Als zweites Kino kam 1937 die Kurbel hinzu. Beide Häuser wurden im Krieg stark beschädigt; die Kamera brannte ganz aus, die Kurbel war das zweite Kino Berlins, das nach dem Krieg wiedereröffnet wurde.
Ein Film lief oft ein gutes Jahr
Und dann kam das Delphi. 1947 hatte ihn ein Clubkamerad angesprochen: "Hör mal, mein Onkel hat da ein Grundstück in der Nähe vom Zoo, da war früher mal ein Tanzpalast, hast du nicht Interesse, da ein Kino aufzubauen?" Jonigkeit begutachtete das Areal. Dort stand einst der legendäre Tanzpalast, der den Swing zelebriert hatte. Aber auch dieses Haus hat den Krieg nicht überdauert. Immerhin: eine Topadresse neben dem Theater des Westens. Und die Frontseite war von weither sichtbar, auch aus der S-Bahn heraus. Tausende Pendler würden da täglich vorbeifahren und schauen, was gespielt wird. Kostenlose Reklame. Jonigkeit sagte zu.
Kein Honigschlecken zu einer Zeit, da es keine Materialien und nur ungelernte Arbeiter gab. An der Baustelle lief täglich der Bürgermeister vorbei, der Senat war seinerzeit in der Fasanenstraße untergebracht. Eines Tages fragte Ernst Reuter: "Na Junge, wat brauchste denn?" Jonigkeit traute sich: "Wenn Sie mich so fragen - ich brauche alles." Und Reuter half tatsächlich, mit Zement und Steinen.
So kam es, dass am 3. November 1949 das auf lange Zeit größte und technisch modernste Kino der Stadt eröffnet wurde. Mit 1074 Plätzen (rund 400 mehr als heute). Zur Feier des Tages empfingen ein 2,14-Meter-Hüne, zwei Pagen und 13 adrette Platzanweiserinnen. Gezeigt wurde "Lord Nelsons letzte Liebe" mit Laurence Olivier und Vivien Leigh.
Dann kamen die Softsexfilmchen
Das Delphi sollte lange Zeit deutschlandweit unübertroffen sein. Und immer auf dem neuesten Stand. 1952 zeigte es als erstes Kino eine 3-D-Vorführung ohne Pause. 1955 rüstete es auf Cinemascope um und war eines der wenigen Kinos, in denen man 70mm-Filme zeigen konnte. Und alle amerikanischen Großproduktionen jener Zeit wurden hier wie selbstverständlich als Erstaufführungen gezeigt. Das verdankte Jonigkeit seinem Wunder in der Kurbel, wo er zwei Jahre und vier Monate "Vom Winde verweht" gezeigt hatte. Das brachte ihm Einladungen nach Hollywood ein. Und so bekam er alle großen Filme - und Stars, die eigens zu Galapremieren herüberflogen. Oft brauchte Jonigkeit nur einen Film pro Jahr zu buchen. Sein Delphi wurde das Haus der Laufzeitrekorde: "Porgy und Bess" lief 33 Wochen, "Die Brücke am Kwai" 41, "Ben Hur" 50 und "My Fair Lady" 52 Wochen. Davon träumen Kinobetreiber heute nur.
Aber dann kam das Fernsehen. Und das Publikum blieb zu Hause. Gleichzeitig wuchs die Konkurrenz, als sich immer mehr Kinos am Kudamm ansiedelten. Die wurden nach und nach alle zu Schachtelkinos umgerüstet, in denen ein Film vom größten bis in den kleinsten Saal gespielt werden konnte. Das konnte das Delphi nicht bieten. Jonigkeit kam nicht mehr an die großen Erstaufführungen heran.
Solidarisierungwelle der anderen Kinobetreiber
Stattdessen zeigte man hier, wie anderswo auch, die Softsexfilmchen jener Zeit. Den ganzen "Schulreport" rauf und runter. In der Kurbel führte Jonigkeit dafür Geschlechtertrennung ein; nur zur Sicherheit: rechts die Frauen, links die Männer. Im Delphi musste man in einen eigens gegründeten Klub eintreten. Das alles war Jonigkeit peinlich. "Man wagte ja gar nicht mehr zu sagen, dass man ein Kino besaß. Sonst hieß es nur: 'Um Gottes willen.'"
Es war auch die Zeit, in der der Senat das Grundstück erwarb und sich in wilden Baufantasien verlor. Ein Hotel sollte auf dem Grundstück gebaut werden, ein Spielkasino oder ein Revuetheater. Mit Jonigkeit wurden nur noch Halbjahresverträge abgeschlossen. Und schließlich schienen die Zoo-Palast-Betreiber dorthin expandieren zu wollen. Aber dann kam es zu einer einzigartigen Solidarisierungswelle: Am 15. Dezember 1980 blieben alle Berliner Programmkinos aus Protest geschlossen.
In den 80er-Jahren dann die große Wende. Der Kultursenat entdeckt das Delphi wieder. Es wird während der Berlinale zur festen Spielstätte für das Internationale Forum des Jungen Films. Jonigkeit setzt einmal mehr auf Wiederaufführungen. Große Filme auf großer Leinwand. "All about Eve". "Der Leopard". Und "Eins, Zwei, Drei". Billy Wilders Mauerbau-Komödie, über die 1961 keiner hatte lachen können, wird zum Überraschungshit. 43 Wochen Spielzeit, wie früher. Noch heute erinnert daran ein Filmplakat im Foyer des Hauses.
Doppel-Premiere zum Jubiläumstag
1984 kommen auch neue Gesellschafter ins Haus. Claus Boje, der Buck-Produzent, der auch seinen Verleih Delphi tauft. Und Georg Kloster von der Yorck-Kinogruppe. Aber Jonigkeit behält sein Büro. Das Delphi bleibt sein Kind. Und es wird 1987 sogar generalsaniert. Dabei findet man auch Säulen und Zierfiguren des alten Tanzpalastes wieder, die man 40 Jahre zuvor einfach im Vorgarten vergraben hatte. 1999 wird auch die alte Kaisertreppe wiedererrichtet. Das Haus erstrahlt in neuem, altem Glanz. Und setzt vorrangig auf Filme, bei denen andere sich nicht trauen, sie groß zu spielen. Etwa die Kloster-Doku "Die große Stille", in der zwei Stunden lang nicht geredet wird. Oder der Philharmoniker-Film "Rhythm is it!", der am selben Tag ins Kino kommt wie der Bunker-Film "Der Untergang". Das Delphi setzte auf den Rhythm.
In der letzten Dekade hat ein großes Kinosterben eingesetzt, überhaupt eine kulturelle Verödung rund um den Kudamm. Die großen Multiplexe haben es den Programmkino-Machern auch nicht leichter gemacht. Aber das Delphi steht noch immer da wie ein Fels in der Brandung. Es bietet eben keinen dieser sterilen Multiplexräume, die alle gleich aussehen. Das Delphi strahlt Geschichte und Charakter aus. Und selbst zu seinem 60. ist es ganz uneitel und feiert nicht sich selbst, sondern zwei Filme, die erst später ins Kino kommen, hier aber als Vorab-Premieren gezeigt werden: erst Woody Allens neuer Film "Whatever Works" und dann Fatih Akins "Soul Kitchen". Dabei müsste eigentlich nicht deren Titel von der Werbewand prangen, sondern ein abgewandelter Filmtitel in eigener Sache: Delphi is it!





