„Vielleicht ist er ja morgen wieder da.“ Ganz lapidar steht er da, dieser Satz. Mila und Sascha sind seit sechs Jahren zusammen. Nichts zählt für sie außer ihrer Liebe. Aber eines Abends kommt Sascha nicht nach Hause. Obwohl Mila deutlich seine Schritte im Treppenhaus gehört hat und seine Nähe spürt. „Das erste Mal, dass er so spät kommt, ohne anzurufen? Ein erstes Mal gibt es immer“, tröstet sie ihre Patentante Brigitte, die in der Wohnung unter ihr wohnt: „Das hat nichts zu bedeuten. Oder habt ihr endlich einmal gestritten?“ Nein, das haben sie nie getan.
Dinge, die längst verschwunden waren, tauchen wieder auf
Auch am nächsten Morgen steht ihr Mann nicht vor der Tür. Dafür aber die Polizei. Weil in der Firma, bei der Sascha als Buchhalter angestellt war, eine beträchtliche Summe Geldes fehlt. Sollte er es beiseite geschafft haben und untergetaucht sein? Auf eine der Vanuatu-Inseln, von denen er immer geträumt (und die er gegoogelt) hat? Mila versteht die Welt nicht mehr. Aber dann stößt sie auf geheimnisvolle Zeichen. Dinge, die längst verschwunden waren und plötzlich wieder auftauchen.
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Dann träumt sie, Sascha läge gefesselt und geknebelt in einem Wohnwagen. Und erinnert sich an einen Urlaub auf einem Campingplatz. Und als sie aufwacht, liegt auf ihrem Schreibtisch der schreckliche Hut, den Sascha damals getragen und den sie gleich danach entsorgt hat. Ist Sascha gar entführt worden? Und gibt seiner Frau Hinweise? Schon die immer verständnisvolle Patentante runzelt da die Stirn. Erst recht die Polizei. Und vor allem der kühle Staatsanwalt, der Mila bald vorführen lässt. Und sie sogar als Komplizin verdächtigt und argwöhnt, sie könne bald ebenfalls untertauchen und ihrem Mann in die Südsee folgen. Doch wenn ihr keiner glaubt, dann muss Mila eben auf eigene Faust die Zeichen deuten. Und tut es dann auch, erst recht, als es keinen Zweifel mehr gibt, dass Sascha nicht mehr am Leben ist.

Donnerstag
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Martin Suters Roman „Ein und Alles“ ist ein Krimi, wenn auch ein sehr ungewöhnlicher. Und ein Liebesroman. Buchstäblich über den Tod hinaus. Mit dem tröstlichen Unterton, dass der Gestorbene trotzdem noch da ist. Und Zeichen gibt. Das ist dann auch mal eine SMS, die auf dem Handydisplay erscheint und dann wieder verschwindet. Und natürlich kann der Leser das als esoterischen Quatsch abtun. Was ja auch die Polizei tut. Aber als erzählerisches Mittel eignet es sich dennoch ganz gut. Man darf bei dieser Geistergeschichte auch, muss vielleicht sogar, an den Hollywoodfilm „Ghost – Nachricht von Sam“ denken. Wo ebenfalls ein Toter seiner großen Liebe Zeichen aus dem Jenseits gibt. Der Roman hätte auch „Nachricht von Sascha“ heißen können.
Dazu muss man wissen, dass die Frau des Bestsellerautors, Margrith Nay Suter, vor dreieinhalb Jahren gestorben ist, nach fast 50 Jahren Ehe. Für den Witwer aber ist es, als sei sie nicht gestorben. Ihre Sachen hat er nicht weggeräumt, wie er in einem Interview bekannte: Die Kleider, die Schuhe – alles sei noch da. „Vielleicht ist er“, der geliebte Mensch, „morgen wieder da.“ Dieser Satz bekommt so eine ganz andere Bedeutung.
Der Schweizer betreibt mit seinem jüngsten Roman vielleicht auch ein wenig Trauerarbeit. Aber das Buch ist weit entfernt von Nabelschau und persönlicher Betroffenheit. Suter wäre nicht Suter, wenn er daraus nicht einen Stoff fürs große Publikum aufbereiten könnte. Mit dem Übersinnlichen als Motor für einen Thriller. „Ein und Alles“ ist ein echter Pageturner. Auch wenn man nicht an solche Zeichen glauben mag, will man doch wissen, was es damit auf sich hat. Und wohin das führen mag. Eine esoterische Schnitzeljagd.
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Auch wenn ihr erst mal keiner glaubt, ein paar Unterstützer findet die Protagonistin doch. Da ist die Patentante, die immer patente Ratschläge parat hat. Da ist eine Polizistin, Feldweibel Vontobel (wobei dieser Schweizer Dienstgrad in Bezug auf eine Frau immer ein wenig befremdlich anmutet), die an Ahnungen glaubt und ein „Bauchgefühl“ hat. Und da ist vor allem ein Professor, der sich von der Welt zurückgezogen hat – auf ebenjenen Campingplatz. Denn alle halten ihn für abgedriftet – weil er daran glaubt, dass wir kein Bewusstsein haben, sondern dass das Bewusstsein uns hat.
Das ist ein Satz von Federico Faggin. Der war mal Computerpionier in Kalifornien. Ohne ihn, meint Suter, wäre das Silicon Valley nur ein Valley geblieben. Doch Faggin wandte sich schließlich von den Bits und Bytes ab und der Erforschung des Bewusstseins zu. Suter erlebte ihn im Sommer 2025 auf einem Vortrag. Und „von seinem Denken“, so bekennt der 78-Jährige im Nachwort, „geht dieser Roman aus.“ Der Buchtitel ist denn auch nicht nur eine Umschreibung für den liebsten Menschen, sondern auch das Fazit dieser Lehre: dass es ein Ein und ein Alles gibt. Den Roman hat Suter seiner großen Inspiration gewidmet. „Für Federico Faggin“, heißt es gleich auf der ersten Seite, aber auch: „Im Andenken an Margrith und Toni“. Also an Suters Frau und ihren gemeinsamen Adoptivsohn, der 2009 mit nur drei Jahren auf tragische Weise ums Leben kam.

Gekonnt und gewitzt zwingt Suter seine Leserschaft in die Perspektive der Protagonistin. Nie weiß man mehr als sie. Und wie ihr schwirrt einem der Kopf, wenn über das Unterbewusstsein philosophiert und das noch mit ein bisschen Quantenphysik unterfüttert wird. Wie sie weiß man die seltsamen Zeichen nicht recht zu deuten und will doch an sie glauben. Vor allem will man natürlich daran glauben, dass ein geliebter Mensch mit dem Tod nicht ganz gegangen und verloren ist, sondern immer noch irgendwie da sein könnte. In dem Sinne könnte der Roman sogar als Seelentröster in einer Trauerzeit wirken, in der man sonst eher keine Krimis lesen sollte.







