Ganz schön vermessen, dem Berliner den Berliner erklären zu wollen. Noch dazu, wenn man selbst kein echter, sondern nur ein zugereister ist. Aber das ist ja schon die erste Frage: Wer darf sich Berliner nennen? Und will man überhaupt einer sein? So beginnt der Kabarettist Karsten Kaie sein Programm „Berliner werden in 60 Minuten...“. Und nähert sich auf unterhaltsame Weise diesem fremden, ruppigen Wesen, das seiner Stadt stets nur in Hassliebe zugetan ist. Aber wehe, jemand von außen meckert über sie!
Sprech-Training von „Wat willste“ bis „Haste Tomatn uff die Oogen“
Kaie operiert stets zwischen Kabarett, Comedy und Schauspiel. Und weiß als längster aller „Caveman“-Darsteller, wie man sein Publikum im Solo erobert. Ganz interaktiv und konspirativ bezieht er die Zuschauer ein. Wer im Saal ist denn Berliner? Damit steckt er schon mal sein Terrain ab. Fragt dann, woher sie kommen, und improvisiert auf die Zurufe mit kleinen Gags über die Stadtteile. Dann handelt er den Urschleim im Schnelldurchlauf ab. Etwa dass Berlin auf Sumpf gebaut ist, was keine Metapher, sondern Geologie sei. „Brl“ komme aus dem Slawischen und meine „Schlamm“, das Suffix -in bezeichne einen Ort. Oder dass Berlin die einzige Weltstadt sei, die nicht von innen nach außen, sondern durch die große Eingemeindung 1920 von außen nach innen gewachsen sei. Das mache natürlich was mit einem.
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Wie wird man aber ein Berliner – selbst wenn man schon einer ist? Dafür hat sich Kaie ein paar Übungen überlegt, die er mit dem willigen Publikum durchexerziert. Etwa das Berliner „Wa?“ zu trainieren, so monoton wie möglich, dann auch „Wat willste?“, um sich schließlich die Steigerung zu „Haste Tomatn uff die Oogen, oder wat?“, mit Fäkalsuffix. Die komplexe Berliner Grammatik erklärt er am Beispiel von „mit ohne alles“. Und münzt seine Beobachtung, der Berliner sei ein Meister der Verkürzung, in eine kleine Rede, in der er bestimmte Buchstaben konsequent weglässt. Nur auf den Berliner Verkehr kann er nicht weiter eingehen: Das würde jede Stunde sprengen.

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Die vergnügliche Stunde ist ein Novum: Ein solch kurzes Comedy-Format am Tage kennt man eher aus dem englischsprachigen Raum. Kaie will es nun auch in Berlin etablieren. Und hat sich dafür das Renaissance Theater auserwählt, das wiederum sein Programm auf den Nachmittag erweitern will. An einem Samstag pro Monat tritt Kaie hier auf. Und hat bei seiner zweiten Vorstellung schon mehr Zuschauer als das Stück am Abend. Ohne eigenes Bühnenbild, vor dem Eisernen Vorhang, der natürlich prima zum Geschichtsabriss der Stadt passt.
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Kaie bekennt Farbe. Und trägt ein Berlin-Shirt. Er animiert nicht nur zum Mitmachen, er gibt auch einen Talkabend mit Berliner Typen, bei dem er blitzschnell in die unterschiedlichsten Rollen springt und nebenbei Markus Lanz parodiert. Und am Ende singt er ein Loblied auf Berlin als Hauptstadt von Multikulti, in allen möglichen Sprachen. Die Abschlussübung lautet übrigens „Ich bin ein Berlina“, schön mit a hinten sprechen. Ja, das kann jeder. Test bestanden. Fehlt eigentlich nur noch ein Zertifikat am Ende, das man mit nach Hause nehmen kann.
Renaissance Theater, Knesebeckstr. 100. Nächste Termine: 14.11., 19.12., je 15 Uhr.







