Ein Mann fängt Schmetterlinge in der Nacht, junge Menschen tanzen zu Techno-Musik. Sirenenalarm lässt ein Neugeborenes mit großen Augen in die Welt schauen, die Kiewer Teatralna Metro Station wird zum überfüllten Übernachtungslager. Eine ganz normale Sommernacht in der Ukraine. 40 Filmschaffende und Hunderte Bürger fangen das Leben in dem vom Krieg gezeichneten Land in einer Julinacht 2025 splitterartig ein und schaffen so ein kollektives Porträt eines zerrissenen Landes.
Ukrainian Film Festival Berlin: Krieg und Humor prägen das Programm
„The Illusion of a Quiet Night“ eröffnet am Mittwoch das 7. Ukrainian Film Festival Berlin, das bis Sonntag mit neun Filmen im Hauptprogramm sowie Kurzfilmen, Retrospektiven und Sonderprogrammen in elf Kinos zu sehen ist. Der Titel des Openers passt: Es scheint, als hätte man sich im fünften Kriegsjahr mit Larmoyanz und Lakonie an das Leid gewöhnt. Eine ruhige Nacht bleibt eben eine Illusion, und es gilt, dem Horror der Luftschläge mit Humor zu begegnen.

Nur so lassen sich die Witze des Schichtleiters eines Wärmekraftwerks in Kurachowe 15 Kilometer vor der Front in „The Last Prometheus of Donbas“ erklären. Zwischen zerstörten Pipelines, Löchern im Dach und ständigen Einschlägen erzählt Anton Shtukas beeindruckender Dokumentarfilm vom Überlebenswillen der Arbeiter, die zwischen Patriotismus („Wir produzieren Strom für das Wohl des Volkes“) und Verzweiflung („Weder Deutsche noch Sowjets haben je eine solche Zerstörung verursacht“) schwanken.
Jeder Krieg verursacht Fluchtbewegungen, und in zwei Beiträgen geht es dabei ins innere und äußere Exil. „Silent Flood“ porträtiert eine religiöse Gemeinde in der Westukraine. Der größte Feind war hier immer der Fluss Dnister, der alle zehn bis zwölf Jahre über die Ufer tritt und somit das Leben der „Mützenträger“ zwischen Handpflug und Pferdefuhrwerk, Abendessen bei Kerzenlicht und tiefer Religiosität störte. Doch die Minensucher zeigen am Ende dieses sehr poetischen und stillen Films von Dmytro Sukholytkyi-Sobchuk die aktuelle tödliche Gefahr der Zivilisation.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Krieg die Fiktion gestorben ist. Im Spielfilm „To The Victory!“ entführt uns Regisseur Valentyn Vasyanovych in ein Nachkriegskiew, vor dessen Manhattan-artiger Hochhauskulisse er selbst in der Rolle des Regisseurs Roman mit Schauspieler Vlad (Vladlen Odudenko) über ein Filmprojekt diskutiert.
Ukrainian Film Festival Berlin zeigt Eskapismus im Kriegsalltag
Purer Eskapismus in einer Welt, in der der Krieg Familien zerrissen hat und auch Romans Frau und Tochter lieber im sicheren Wiener Exil bleiben wollen. Der Frieden ist hier vielleicht aber auch nur eine Regisseursidee, denn in diesem Film im Film weiß man nie, ob nicht am Ende einer Szene wieder jemand „Cut!“ sagt. In der Ukraine ist der doppelte Boden eben allgegenwärtig.
7. Ukrainian Film Festival Berlin (UFFB) 2026, 14.–18. Oktober, in den Kinos Cinestar Kino in der Kulturbrauerei, Kino im Zeiss-Großplanetarium, Acud Kino, Sputnik Kino, Il Kino, City Kino Wedding, Filmkunst 66, Kino & Bar in der Königsstadt, Kino Zukunft, Sinema Transtopia, Cosima Filmtheater. Infos unter https://uffberlin.de/. Eintritt: 12–15 Euro.



