Berlin hat einen Kunstschatz, den viele kaum kennen. Er lagert in Rathäusern, Schlössern und sogar in einem Bärengehege und einer früheren Bedürfnisanstalt. Über ganz Berlin verteilt, in allen Bezirken. Noch bis zum Sonntag rücken die Kommunalen Galerien diese Orte mit der Kunstwoche in den Mittelpunkt. Mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Arbeiten in 44 Ausstellungen in 36 Galerien, und alles ist kostenfrei.

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„Das Netz der Kommunalen Galerien ist über die ganze Stadt verteilt, und alle stehen immer mit einem Bein im Bezirk und mit dem anderen in der Welt“, sagt Karin Scheel. Sie ist Sprecherin der Kommunalen Galerien und leitet die Kommunale Galerie im Schloss Biesdorf.

Schloss Biesdorf zeigt neue Ausstellungen zeitgenössischer Kunst

Schloss Biesdorf (Marzahn-Hellersdorf). Das denkmalgeschützte Schloss liegt im Park und zeigt wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Es hat auch eine Präsentation zur Geschichte und Architektur des Hauses. In der Kunstwoche eröffnen hier gleich zwei Schauen. Die eine ist „On behalf of things, species, voices that disappear. Mexiko-Stadt und Berlin in Resonanz“. Die andere ist „True Stories/Narratives of Absence“ mit Werken von Ellen Kobe. Ellen Kobe beschäftigt sich darin mit Leerstellen in Geschichtserzählungen. Die Eröffnung ist am 11. Oktober um 18 Uhr. (Alt-Biesdorf 55)

„Wir haben dieses Traumhaus mit Park und allem Drum und Dran“, sagt Scheel. „Wir zeigen größtenteils internationale Ausstellungen mit sehr etablierten Positionen. Parallel dazu zeigen wir aber auch Berliner Künstlerinnen und Künstler, die dann vielleicht eine Einzelpräsentation bekommen.“ Das Schloss sei „mittlerweile ein touristischer Hotspot, und das muss man auch bedienen. Manchmal denkt man dann eine Nummer größer.“ Sie erklärt: „Das Haus wurde saniert und die oberen Etagen komplett wieder aufgebaut. Das Betreiberkonzept ist Galerie. Das ist festgeschrieben, und das ist auch schön.“ Kommunale Galerie ist das Schloss seit 2018. Doch es gibt auch ganz ungewohnte Häuser. Hier die ungewöhnlichsten:

Die ungewöhnlichsten Orte für Kunst in Berlin

Alte Feuerwache (Friedrichshain). Die 1884 als Feuerwache errichtete und in den 1990er-Jahren zum Kulturhaus umgebaute Alte Feuerwache ist eine Einrichtung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Der Projektraum im Erdgeschoss zeigt Wechselausstellungen zu bildender Kunst, Fotografie und Soziokultur. Aktuell ist dort „Dear Spaces“ von Detel Aurand, Nicole Wendel und Saskia Wendland zu sehen (bis 15. November 2026). Die Ausstellung verbindet Zeichnung, Malerei und Performance und fragt nach Körper, Material, Bewegung und der Beziehung des Menschen zum Raum. Die Galerie ist im Erdgeschoss der denkmalgeschützten ehemaligen Spritzenwagenhalle untergebracht. Sie hat rund 150 Quadratmeter und wird seit 2003 als Ausstellungsraum bespielt. Das Kulturhaus wurde 1998 eröffnet. Es ist die jüngste der drei Kommunalen Galerien des Bezirks. (Marchlewskistr. 6, 10243 Berlin; Di.–Mi-, 12–19 Uhr, Do.–Fr., 12–20 Uhr, Sa.–So., 14–19 Uhr; www.alte-feuerwache-friedrichshain.de)

Bärenzwinger
Der Bärenzwinger im Köllnischen Park© Steffen Pletl | Steffen Pletl

Bärenzwinger (Mitte). Im Köllnischen Park lebten einst die Berliner Stadtbären. Seit September 2017 ist das ehemalige Gehege erstmals als Kulturstandort zugänglich. Es versteht sich als Plattform für kollaboratives Lernen, Forschen und ortsspezifische kuratorisch-künstlerische Praxis. Dazu gibt es ein Bildungsprogramm für Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Kitagruppen. Aktuell zeigt die Galerie „Furore“ von Nina Paszkowski (bis 14. März 2027). Die prozesshafte Ausstellung widmet sich mit Papier- und Keramikarbeiten dem Verhältnis von Wut und Menschlichkeit am Beispiel der Furien aus der griechischen Mythologie. (Im Köllnischen Park, Rungestraße 30, 10179 Berlin; täglich 10–18 Uhr; www.baerenzwinger.berlin)

Kunstbrücke am Wildenbruch (Neukölln). Wo früher eine historische Toilettenanlage stand, ist heute ein Kulturort. Der Umbau am Weigandufer, Ecke Wildenbruchbrücke, fand 2021 statt. Es gibt vier kleine Ausstellungsräume und eine große Außenkunstwand am Neuköllner Schifffahrtskanal. Aktuell zeigt die Galerie „Unzucht – Kiss the Devil‘s Arse“ von Itchi Fleischer, die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin bzw. des Künstlers (Finissage am 31. Oktober 2026). Anhand der christlichen Ikonografie von Schaf und Ziege hinterfragt die Ausstellung die Zuordnungen von Gut und Böse, mit denen die Kirche historisch Frauen und queere Menschen ausgegrenzt hat. Mit Fotografie, Skulptur und performativen Aktivierungen werden diese Rollen gequeert und die Binarität von Gut und Böse aufgebrochen. (Weigandufer, Ecke Wildenbruchbrücke, 12045 Berlin; April–Oktober, Mi.–So., 12–18 Uhr; www.kunstbruecke-am-wildenbruch.de)

Zitadelle Spandau. Hier liegen gleich drei Galerien: Bastion Kronprinz, ZAK Zentrum für Aktuelle Kunst und Zeughaus. Die Bastion Kronprinz befindet sich im „Kavalier“, einem Kanonenturm von etwa 1700. Dort gibt es seit 2018 interdisziplinäre Ausstellungen an der Schnittstelle von Zeitgeschichte und bildender Kunst. Das ZAK zeigt in der Kunstwoche „Penetração Pacifica – Deutsche in Angola“. Dieses Projekt blickt auf die deutsche Kolonialgeschichte. Das ZAK ist in der 2016 neu eröffneten, sanierten Alten Kaserne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts untergebracht. Es hat rund 2500 Quadratmeter auf zwei Etagen und ist eine der größten Kommunalen Galerien Berlins. Das Zeughaus ist ein Gebäude von 1854 im Stil der Schinkel-Schule. Im Erdgeschoss ist das Stadtgeschichtliche Museum Spandau. Im Pfeilersaal darüber gibt es auf rund 500 Quadratmetern interdisziplinäre Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im historischen Kontext. (Am Juliusturm 64, 13599 Berlin; Fr.–Mi., 10–17 Uhr, Do., 13–20 Uhr; www.zitadelle-berlin.de)

Galerien setzen auf kostenlose Kunst und neue Vermittlungsformate

Galerien-Sprecherin Scheel verspricht sich von der Bündelung in der Kunstwoche viel: „Wenn man die Orte konzentriert bewirbt und in einem anderen Kontext präsentiert, erreicht man mehr Publikum und vielleicht auch anderes Publikum.“ Jede Galerie arbeitet nach eigenen Regeln, einige Grundsätze teilen aber alle. „Wir sind in die Bezirksverwaltungen eingebunden. Was uns eint, ist die Förderung professioneller Kunst, und zwar ausschließlich von professionell arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern“, sagt Scheel. „Bei allen Galerien gibt es den Konsens: Der Eintritt ist grundsätzlich kostenlos. Auch alle anderen Kunstangebote, die wir veranstalten, sind kostenlos.“ Vermittlung ist den Häusern wichtig. „Man muss nicht den Menschen irgendetwas vor die Füße knallen und sagen: ‚Kommt damit mal klar.‘ Das reicht nicht. Man muss darüber sprechen.“ Die Galerien bieten Führungen und Workshops für Schulklassen und Familien.

Ob das Programm langfristig so bunt bleibt, ist fraglich, erklärt Scheel. „Der finanzielle Background der Kommunalen Galerien ist immer der jeweilige Bezirk. Das liegt komplett in Bezirkshand. Die Ausstellungsvergütung kommt dagegen vom Senat. Dieser Fonds wurde 2025 komplett gestrichen. Das war für uns eine absolute Katastrophe, nachdem wir ihn jahrelang erkämpft hatten.“

Für 2026/27 ist das Geld zurück, aber gekürzt. Die Kunstwoche wird aus dem Ausstellungsfonds Kommunale Galerien der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt unterstützt. Reicht das Senatsgeld nicht, muss der Bezirk kofinanzieren. „Und wenn dort kein Geld mehr ist, bedeutet das unterm Strich eine Reduktion der Angebote, also weniger Ausstellungen und weniger Künstlerinnen und Künstler. Das geht eindeutig zulasten der Ausstellungsarbeit und wird auch sichtbar.“

Das detaillierte Programm steht auf www.kgberlin.net.