Die Stadt Karabasch, in der Oblast Tscheljabinsk im Ural gelegen, hat es zu einem etwas zweifelhaften Ruf gebracht. Das seit 1910 betriebene Kupferwerk setzte im Lauf der Jahrzehnte große Mengen Schwefeldioxid, Staub, Arsen und Schwermetalle frei. Die Fassaden der Häuser verfärbten sich, Schlackenhalden türmten sich auf, die Gewässer leuchteten manchmal orange. Im Internet kursierte in der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder die Behauptung, bei Karabasch handele es sich um den schmutzigsten Ort der Welt, weshalb sogar Influencer aufkreuzten, um beim angeblichen Härtetest ihre Reichweite zu steigern.
Pawel Talankin kann darüber nur lächeln. Das ändert ja nichts daran, dass dies sein Heimatort ist, dass hier Familie und Freunde von ihm leben, dass er diesen Ort liebt. Hier arbeitet er an der Schule Nr. 1, wo er als Videograf den Alltag mit den Schülerinnen und Schülern filmt. Sein Büro ist ein beliebter Treffpunkt der jungen Leute, und es wird in diesem außergewöhnlichen Dokumentarfilm schnell klar, wie locker und ungezwungen ihr Leben ist, wie gern sie mit dem beliebten Lehrer herumalbern oder ihm von ihren alltäglichen Problemen erzählen. Oder auch mal einen losen Spruch über den russischen Präsidenten raushauen. Bis es vorbei ist damit. Bis zum 24. Februar 2022.
Plötzlich wird aus Unterricht militärische Indoktrination
Der russische Großangriff auf die Ukraine und der seither eskalierte Krieg, der bis heute andauert, verändern alles – auch in einem Provinznest wie Karabasch. Und Pawel Talankin ist ganz nah dabei, mit seiner Kamera. Die Lehrerinnen und Lehrer bekommen den Auftrag, die russische Kriegsführung zu rechtfertigen. Und so heißt es im Geschichtsunterricht nun, die Ukraine werde von Nationalsozialisten beherrscht und müsse gerettet werden. Vom dekadenten Westen ist die Rede, der die falsche Seite unterstütze. Schnell ist auf den Fluren auch der Gleichschritt der Kinder zu hören. In Trainingslagern werden Jugendliche an Waffen und militärische Übungen herangeführt.
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Talankin kann nicht glauben, wie schnell aus seiner vertrauten Umgebung mit „patriotischer Erziehung“ ein Vorfeld der Kriegsertüchtigung wird. Über das Internet nimmt er Kontakt zum amerikanisch-dänischen Filmemacher David Borenstein auf, dem er Teile des Materials verschlüsselt übertragen kann. Borenstein erkennt den Wert dieser Aufnahmen und vor allem Talankins erzählerisches Talent. So entsteht über den Zeitraum von fast zwei Jahren ein umfangreiches Archiv, das die Militarisierung einer Gesellschaft dokumentiert. Und nicht nur das: Auch die Einberufung ehemaliger Schüler an die Front muss Talankin miterleben. Und die Trauerschreie der Mütter hören, als aus der Ukraine der Tod ihrer Kinder gemeldet wird.
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Als Talankin im Sommer 2024 merkt, dass er beschattet wird, tritt er mit weiteren Datenträgern die Flucht nach Europa an. Der Film „Ein Nobody gegen Putin“, der diese Geschichte so lakonisch und eindringlich erzählt, ist zu Recht im März bei den Oscars als bester langer Dokumentarfilm ausgezeichnet worden. Wer das eiskalte Klima im Russland der Gegenwart spüren will, muss ihn sich ansehen.
Ab Donnerstag im Kino.





