Manchmal braucht es den Blick von außen, um das Besondere im Alltäglichen zu erkennen. In den 80er-Jahren hat man in West-Berlin die Insellage hingenommen. Man lebte mit, teils sogar an der Mauer, versuchte aber, so gut es ging, sie zu ignorieren. Ging höchstens mal mit Besuch zu den Hochständen, um in den Ost-Teil „rüberzuschauen“ – und auf den Todesstreifen dazwischen. Ansonsten verdrängte man, dass man in einem goldenen Käfig lebte. Nicht so die schottische Schauspielerin Tilda Swinton. Sie radelte im Sommer 1988 einmal an der gesamten Mauer entlang, 155 Kilometer. Und die Britin Cynthia Beatt filmte sie dabei. Sie machten die Teilung der Stadt buchstäblich erfahrbar. Das sollte schon bald ein Dokument sein. Denn nur ein Jahr später fiel die Mauer.
Zwei Mal 155 Kilometer per Rad. Und doch ist alles ganz anders
Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls machten die beiden dieselbe Tour noch einmal. Und mussten oft suchen, wo die Mauer gewesen sein soll. Der halbstündige Film „Cycling the Frame“ von 1988 und der Einstünder „The Invisible Frame“ von 2009 sind besonders anschaulich im Doppel und Direktvergleich. Und als Double-Feature laufen sie nun auch in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost und der Zoo Palast gemeinsam an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigen.
Im ersten Film radelt Tilda Swinton, damals noch weithin unbekannt, anfangs von der Siegessäule aus aufs Brandenburger Tor zu, biegt dann nach links ab und fährt, man könnte an Walter Kollos Couplet denken, „immer an der Wand lang“. Bewusst gegen den Uhrzeigersinn. Sie kommt dabei an vielen verwaisten Brachen vorbei, die niemand nutzen will, an Straßen, die abrupt enden, Brücken, über die man nicht hinüberkann, und stillgelegten Gleisen, die verwittern. Und sie wundert sich über die West-Berliner, die das Mauer-Monstrum so beharrlich ausblenden: „als ob man auf einer Insel wohnt und das Meer ignoriert“.
Swinton fährt an bunten Graffitis vorbei, die die Westseite der Mauer verzieren, aber vielleicht auch verschleiern. Sie klettert auf Hochstände, wo Wachtposten sie beobachten, macht ein Foto von ihnen. Oder winkt ihnen kokett beim Vorbeiradeln zu. Immer wieder verweisen Absperrungen und Warnschilder auf das Ende der Sektorengrenze. Manchmal steht die damals 27-Jährige mitten in der freien Natur, die nichts weiß von Ost und West, greift in einem See nach Fischen oder pflückt Blumen auf einer Wiese. Dann wieder schaut sie von einem Stein aus in die Ferne, nach Schönefeld, und deklamiert dabei fast: „O wall, o wall, o pretty wall, it would be funny if you did fall” („O Mauer, Mauer, schöne Mauer, wie wär‘ es komisch, wenn du fielest“). Und in Kreuzberg streichelt sie zärtlich über einen kleinen Spruch auf dem Beton: „Berlin wird mauerfrei.“ Beides wirkt im Rückblick wie eine Beschwörung, eine Prophezeiung.
Immer wieder muss Tilda Swinton fragen: Wo ist die Mauer hin?
Wie anders 21 Jahre später, als Tilda Swinton dieselbe Strecke noch einmal abfährt! Wieder beginnt sie am Brandenburger Tor, wieder biegt sie nach links. Aber schon hier ist alles anders, ist der Pariser Platz völlig verbaut. Es ist wie ein Film-Remake, bei dem nun aber der zweite Hauptdarsteller fehlt. Die Radlerin orientiert sich an dem neuen Mauerstreifen, der nun eingelassen ist, nur leider nicht einheitlich. Trotzdem weiß sie oft nicht, wo die Mauer stand. „Wo ist sie hin?“, fragt sie. Oder: „Wo bin ich nur? Bin ich im Osten? Bin ich im Westen?“ Und, viel wichtiger: „Spielt es eine Rolle?“ Ja, denn hier ist jeder Meter Geschichte.

Auf den einstigen Brachen stehen nun Luxusneubauten, an der Spree ein komplett neues Regierungsviertel, die Stadt ist weit in die Peripherie hinausgewachsen. Auch sonst ist viel passiert: Statt der grobkörnigen Aufnahmen des SFB-Teams gibt es nun scharfe Digitalbilder, die Kamera ist handlicher geworden, fährt nun viel öfter mit, statt nur zu schwenken. Und auch die Radlerin ist eine andere: Aus dem Schauspielnachwuchs, damals noch mit langen, wallenden roten Haaren, ist längst ein Star geworden, jetzt mit blondierter stylisher Kurzhaarfrisur, der erst ein Jahr zuvor ein Oscar gewann. Und auf der Straße auch erkannt wird.
Bei der zweiten Tour kann Swinton auch durchs Brandenburger Tor radeln
Denn das ist die größte Veränderung: Sie ist nicht mehr allein an der Mauer. Hier pilgern touristische Massen hin, um Geschichte zu erspüren. An Hotspots wie dem Checkpoint Charlie oder der East Side Gallery. Oder den wenigen erhaltenen, aber musealen Mauerstreifen an der Bernauer Straße. Der Mauerweg ist inzwischen zum Radweg ausgebaut, wo überall Tafeln an die Mauertoten erinnern. Am Ende kann die 48-Jährige diesmal durchs Brandenburger Tour hindurchradeln. Alles offen: Das ist wie ein Triumph. Sie aber bringt das ins Grübeln: „Als diese Mauer hier stand, schien sie noch unsichtbarer als jetzt. Sie zieht meine Aufmerksamkeit auf sich wie nie zuvor. Man kann förmlich die Brutalität spüren, in der sie gebaut wurde.“ Erneut ist der Blick von außen ein ganz anderes Empfinden als das der meisten Berliner.

Regie führte bei beiden Filmen Cynthia Beatt. Die britische Künstlerin kam 1975 für die Berlinale erstmals nach Berlin, lernte dort Filmemacher wie Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim kennen. Und entschied sich, hierherzuziehen. Sie wohnte am damaligen Niemandsland am Potsdamer Platz, wo sonst keiner wohnen wollte, zwischen lauter Ruinen wie dem Haus Vaterland und dem geschlossenen Esplanade. Von der obersten Etage aus hatte sie einen Blick auf den leeren Platz, den Reichstag und die Wachtposten hinter der Mauer. An den Anblick konnte sie sich nie gewöhnen. Hat auch viele Super-8-Aufnahmen gemacht. Und radelte oft an der Mauer entlang.
Der RBB weiß gar nicht, welchen Film-Schatz er da besitzt
1986 lernte sie dann, auch auf der Berlinale, Tilda Swinton kennen. Die stellte hier ihren allerersten Film vor, „Caravaggio“ von Derek Jarman, den Beatt schon aus London kannte. Er machte die beiden bekannt. Und sie wurden Freundinnen. Beatt sprach mit Swinton bald auch über ein Filmprojekt, „Heart of Light“. Dann fragte der damalige Berliner Fernsehsender SFB sie an, ob sie nicht einen Beitrag für die Reihe „Blicke von außen“ machen wolle. Beatt wollte. Und begeisterte auch Swinton dafür.

Der SFB scheint nie erkannt zu haben, welches Juwel er da besaß. Auch der Rechtsnachfolger RBB fand das wohl nicht dokumentarisch genug. Cynthia Beatt wollte schon zum Zehnjährigen des Mauerfalls einen Folgefilm drehen. Doch das gelang erst zehn Jahre später, diesmal selbst produziert, mit Unterstützung von 3sat. Diesmal war es schwierig, die Freundin auf den Sattel zu bekommen. Weil Swinton inzwischen so gefragt war. Aber 2009 war sie Jurypräsidentin der Berlinale. War seit langer Zeit erstmals wieder für länger in „ihrer Stadt“, in der für sie einst alles begann. Jetzt aber erkannte sie viele Ecken nicht wieder. Und trat deshalb gern wieder in die Pedale. Mit dem Rad gegen das Rad der Zeit.
Ironie der Geschichte: Der erste Film, über den Beatt und Swinton Mitte der 80er sprachen, ist erst jetzt fertig geworden: „Heart of Light – Eleven Songs for Fiji“ ist ein dreistündiges Experimental-Epos über die Fidschi-Inseln, wo Beatt einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte. Er kommt am 1. Oktober ins Kino. Doch mitten in der Tour zu ihrem jüngsten Film nimmt sich die 76-Jährige Zeit, um das Radler-Doppel im Zoo Palast zu präsentieren.
Zoo Palast, 6.10., 20 Uhr in Anwesenheit der Regisseurin Cynthia Beatt. Tickets gibt es hier.



