Es ist keine Seltenheit, dass das Tipi am Kanzleramt platzvoll ist. Aber dieser Anblick ist doch ungewohnt: weil das Zelt einmal voller Jugendlicher ist. Hier wird bis 25. September das Berlin-Musical „Cabaret“ gespielt. Aber mal nicht abends für Erwachsene. Sondern gleich morgens für Schüler. Gleich zwölf Klassen von Mitte bis Potsdam haben sich am Montagmorgen hier mit einigen Lehrern eingefunden. Um die berühmte Geschichte vom Briten Clifford Bradshaw zu erleben, den es ins Berlin der Weimarer Republik verschlägt und in das schillernde Nachtleben der Stadt, wo er bald die Sängerin Sally Bowles kennen und lieben lernt. Aber auch erleben muss, wie die Goldenen 20er-Jahre einer anderen, bedrohlichen Ära weichen, in der die Nazis aufmarschieren und Juden und Andersdenkende und -fühlende diskriminieren.

Ein Luxus, den sich das Tipi leistet: Rechnen tut sich das nicht

Seit 22 Jahren läuft die Erfolgsproduktion bereits. Doch während man das Stück anfangs noch als nostalgisch-unterhaltsame Zeitreise mit Ohrwürmern wie „Mein Herr“ oder „Money, Money“ verstand, wurde es im Laufe der Jahre durch den Rechtsruck in der Gesellschaft immer aktueller. Der Anfang des Jahres verstorbene Tipi-Gründer Holger Klotzbach hat trotzig verkündet: „Wir spielen das Stück so lange, bis es seine historische Relevanz verloren hat.“ Sein Nachfolger und Witwer Eric Schmidt-Mohan führt das in diesem Sinne weiter.

Und bereits im dritten Jahr wird die Show nun auch für Schulklassen angeboten. Als Diskussionsanreiz für den Geschichtsunterricht. Es ist ein Luxus, den sich das Tipi da leistet. Denn für ein Schülerticket werden nur 7,50 Euro verlangt, ein Bruchteil des abendlichen Entgelts. Was sich keinesfalls rechnet. Aber hier will man ein pädagogisches Zeichen setzen. Und natürlich will man die Jugend damit auch an Kultur heranführen und Theatergänger der Zukunft gewinnen. Der fetzige Berlin-Stoff ist dafür wohl auch geeigneter als so manche Klassikerinszenierung in geweihteren Musentempeln.

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Anfangs hat das noch was von Happening, von Schulausflug und Unterrichtsausfall. Und in dem Spiegelzelt dürften die wenigsten der Oberschüler aus den zehnten Klassen schon gewesen sein. „Cabaret“ ist zwar auch als Film ein Klassiker, aber auch der dürfte dieser Generation kaum bekannt sein. Von daher wissen viele gar nicht so genau, was sie da erwartet. Und sind auch erst mal ein bisschen geniert über die Anzüglichkeiten, wenn der Conférencier da mit seinen frivolen und nur spärlich bekleideten Girls zum Cabaret im KitKatKlub einlädt, oder lachen das pubertär weg. Dabei, wir haben den Vergleich, werden die Anzüglichkeiten eigens ein bisschen zurückgefahren. Aber deftig ist es schon noch. Auch ein paar Lehrkörper wirken da ein bisschen überrumpelt. Das ist auch ein großes Thema in der Pause, in der dann wie zur Hofpause die Schulbrote ausgepackt werden.

Nach der Vorstellung wollen die Schüler Fotos mit den Darstellern

Aber danach ist die Stimmung eine ganz andere. Weil jetzt die Nazis aufmarschieren und der gemütlich-unterhaltsame Ton bald einem bedrohlichen politischen weicht. Die Sympathieträger beim jungen Publikum sind übrigens, das hat die Erfahrung gezeigt, nicht das junge, moderne Paar Bradshaw und Bowles, sondern das ältere, bürgerliche, die Zimmerwirtin Fräulein Schneider und der Obsthändler Herr Schultz. Umso stiller wird es, wenn deren späte Verlobung wieder gelöst wird, aus Angst, weil Schultz ein Jude ist. Auch wenn dieser optimistisch prophezeit, die Nazis werden vorbeigehen. Das wissen die Schüler aus dem Geschichtsunterricht besser.

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Nach den immerhin drei Stunden gibt es stürmischen Applaus, bei dem die Darsteller gefeiert werden. Und danach bleiben die meisten Zuschauer noch draußen. Und sprechen lebhaft miteinander. Wir stehen neben einem Lehrerkollegium aus der Martin-Buber-Oberschule in Spandau, die gleich mit mehreren Klassen vertreten ist. Und fragen nach, wie sie das fanden. „Ich glaube, das eröffnet neue Sehgewohnheiten“, meint Stephanie Ponndorf.

Die Lehrer sind beeindruckt: „Das ist politisch super aktuell.“

Und ihr Kollege David Engelbrecht führt das weiter aus: „Wir finden das sehr gut, denn wir glauben, dass ohne uns sonst die wenigsten jemals dieses Stück gesehen hätten.“ Allerdings sei die Diskussion darüber ganz wichtig: „Wir lassen das nicht einfach so losgelöst vom Kontext stehen. Wir haben das entsprechend vorbereitet und werden es auch noch mal nachbereiten. Weil viele das mit dem politischen Hintergrund sonst vielleicht nicht 100-prozentig erfassen.“

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Das Tipi stellt dazu sogar eigens Unterrichtsvorlagen zur Verfügung, die von einer Theaterpädagogin erstellt wurden. Ein Service, der auch gut angenommen wird. Und Birgit Weigert, ebenfalls von der Buber-Schule, ergänzt: „Das ist politisch einfach super aktuell. Gerade beim letzten Lied habe ich an die AfD in Sachsen-Anhalt gedacht. Da wurde mir schon ein bisschen anders.“ Die Schüler hätten in einer ersten Reaktion gemeint, der erste Teil habe ein paar Längen. „Aber sie fanden es trotzdem interessant, die Musik fanden sie auch toll. Und die Sprache. Das hat mich überrascht, das ist sehr bemerkenswert.“

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Die Schüler stehen währenddessen in Trauben um die Darsteller. Denn die kommen nach der Vorstellung, noch im Kostüm, ins Foyer. Weil viele Schüler ihnen Fragen stellen möchten und sich auch mit ihnen fotografieren lassen wollen. Worauf sich der Cast gern einlässt. Wie ist das für die Schauspieler, vor einem jungen Publikum zu spielen? „Das ist jedes Mal ganz anders“, findet Florian Stanek, der den Conférencier spielt. „Heute waren sie zum Teil aufmerksamer als die Erwachsenen abends. Man hatte auf der Bühne das Gefühl, sie kriegen alles mit.“

„Man merkt das auch, wenn wir hinterher rauskommen“, bestätigt Linda Rietdorff, die die Sally Bowles gibt. „Wie sie auf uns zukommen und uns ansprechen – es gibt ein ganz großes Bedürfnis, darüber zu reden.“ Stanek findet das total beglückend. „Und gerade bei der aktuellen politischen Entwicklung ist es auch hochwichtig zu zeigen, wie schnell sich eine Gesellschaft in eine solche Richtung entwickeln kann.“ „Und wenn Schüler sich hier mit Charakteren identifizieren und emotional mitgehen“, so Rietdorff, „ist das etwas ganz anderes, als wenn man darüber im Geschichtsbuch liest.“

Auch an den nächsten beiden Montagen wird es noch mal Schulvorstellungen im Tipi geben. Und auch im kommenden Jahr sollen sie wieder angeboten werden.