Die Künstlerin Ayşe Erkmen erweitert seit Mittwoch mit einer dauerhaften Installation an der Fassade die „Unendliche Ausstellung“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart. Das Projekt „no time/no flower“ der 77-Jährigen war bereits einmal 2008 temporär in roter Farbe realisiert worden. Jetzt sind die Zickzack-Linien über der Uhr am östlichen und über der Schmuckrosette am westlichen Turm des Gebäudes wieder zurück. Diesmal in goldschimmerndem Edelstahl und für immer. Erkmen ist dem Haus seit über 20 Jahren verbunden. Die Künstlerin aus Istanbul kam 1993 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin und hat seither zwei Wohnsitze.

Erkmen sagte bei der Präsentation des Werkes, dass sie gerne in Dialog mit einem Ort trete anstatt ihre Kunst in die sogenannten „White Cubes“ einzufügen. Laut Direktor Till Fellrath überschreibt „zeitgenössische Kunst nun die Geschichte des Ortes“, der einmal ein Bahnhof war und jetzt ein Museum ist. Das Werk stärke zudem die Verbindung zwischen dem Museum und der Geschichte des Ortes: „Das 1846 eröffnete Haus ist ein wichtiger Ort, um über deutsche Geschichte zu reflektieren. In der Aufbruchsstimmung der Industrialisierung wurde es für eine Bahnlinie zwischen Berlin und Hamburg gebaut. Im Dritten Reich wurde hier Kunst verbrannt.“
„Unendliche Ausstellung“ zum Selbsterkunden
Die „Unendliche Ausstellung“ vereint jetzt 23 Kunstwerke, Interventionen und Skulpturen, die nicht nur im Museum, sondern auch im Stadtraum frei zugänglich sind. Die Werke der Sammlung können auf einer Mikrosite mit Online-Map selbstständig erkundet werden. Manche ragen „in den Garten und den Stadtraum hinein“, so Fellrath. So wird ein niederschwelliges Angebot für Besucher geschaffen, das Kunst und Ortsgeschichte verbindet. Zu dem Rundgang zählen die ikonische Lichtinstallation von Dan Flavin aus dem Jahr 1996 ebenso wie der ehemalige Grenzübergang Invalidenstraße.

Ein Werk ist das Rondell vor dem Museumsgebäude mit dem Titel „Das Recht auf Faulheit“ von John Knight. Es besteht aus Buchsbäumen, für die sich der Künstler ausdrücklich das Recht erbeten hat, wild wuchern zu dürfen. Nur die Rahmenhecke darf vom Museum beschnitten werden. Weitere Beispiele sind das „Emotionale Denkmal“ von Hans Peter Adamski oder „Das fehlende Haus“ von Christian Boltanski in der Großen Hamburger Straße. Die Installation erinnert seit 2025 mit 24 Repliken von Original-Schildern an die Bewohnerinnen und Bewohner eines im Krieg zerstörten Hauses in Mitte.

Das Projekt ist Teil des Jubiläumsprogramms des Museums. 2026 feiert das Museum sein 30-jähriges Bestehen mit einem Programm, das den Bogen von der Geschichte des Ortes bis in die Zukunft spannt: Acht Sonderausstellungen, eine neue Sammlungspräsentation sowie Performances und Konzerte tragen das Museum weit in den Stadtraum hinaus. Höhepunkt ist das Jubiläumswochenende vom 14. bis 15. November, zu dem eine internationale Konferenz zur Zukunft zeitgenössischer Sammlungsmuseen stattfindet und das Haus für 30 Stunden durchgehend bei freiem Eintritt geöffnet ist.

Museumsgebäude: Der lange Dornröschenschlaf
Der Hamburger Bahnhof in Berlin ist der einzige erhaltene Kopfbahnhof der Hauptstadt aus der Frühzeit der Eisenbahn und blickt auf eine faszinierende Geschichte zurück. Eröffnet im Jahr 1846 als Endpunkt der Bahnstrecke nach Hamburg, galt das spätklassizistische Gebäude schnell als technisches Meisterwerk. Doch der Erfolg währte kurz: Nach nur 38 Jahren war der Bahnhof dem boomenden Verkehr der Metropole nicht mehr gewachsen und wurde 1884 für den Personenverkehr geschlossen.

Seine Rettung folgte 1906, als der Bau zum Verkehrs- und Bau-Museum umgewandelt wurde und legendäre Exponate beherbergte. Nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg versank das Gebäude jahrzehntelang im Dornröschenschlaf direkt im West-Berliner Grenzgebiet. Die spektakuläre Wiedergeburt glückte 1996: Nach einer aufwendigen Sanierung zog die Kunst ein. Heute ist der Hamburger Bahnhof als Nationalgalerie der Gegenwart eines der weltweit wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst.



