Am Anfang ist es noch das Akkordeon. Linda Bierwirth sitzt damit bei einer Bauernversammlung und liefert sich mit ihrem Patenonkel ein musikalisches Duell. Wenig später steht die 19-Jährige zum ersten Mal in einem Technoclub. Der Bass dröhnt, die Körper bewegen sich im gleichen Takt, und Linda sieht aus, als hätte jemand eine Tür zu einem anderen Leben aufgestoßen. Es ist ein hübsch brachialer Zusammenprall zweier Welten, aus dem „München Beats“ zunächst erstaunlich viel Energie gewinnt.
Eine 19-Jährige zieht in die Stadt, entdeckt den Techno und will DJane werden
Der ZDF-Mehrteiler von Regisseurin Mimi Kezele spielt Mitte der Neunziger, als München kurz zu den aufregendsten Technostädten Deutschlands gehörte. Linda (Jule Hermann) hat genug vom elterlichen Hof in Ismaning und der vorgesehenen Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Sie zieht in die Stadt, landet in der Deutschen Eiche, einem legendären Treffpunkt der schwulen Szene, entdeckt das „Ultraschall“ und beschließt: Sie wird DJ.
Gleichzeitig geht ein anderes Kapitel Münchner Geschichte zu Ende. Die Pfanni-Produktion am Ostbahnhof wird 1996 eingestellt. Auf dem ehemaligen Werksgelände entsteht noch im selben Jahr der Kunstpark Ost, zeitweise eines der größten Partyareale Europas. Die Serie macht daraus eine fiktionale Familiengeschichte. Lindas Eltern liefern Kartoffeln an Firmenpatriarch Theo Meinhardt (Tobias Moretti), dessen Sohn Marius (Klaus Steinbacher) lieber Clubs und Ateliers in die alten Hallen holen würde. Dass Linda und Marius sich ineinander verlieben, versteht sich fast von selbst.
Queere Subkultur und bäuerliche Tradition: eine mehr als eigenwillige Kombi
Kartoffeln und Techno, Akkordeon und Turntables, bäuerliche Tradition und queere Subkultur: Die Kombination ist so eigenwillig, dass man dem ZDF allein dafür schon dankbar sein möchte. Doch dazu kommen bald Wirtschaftskrise, Generationenkonflikte, Alkoholismus, ein Coming-out, ein Familiengeheimnis und reichlich Liebesleid. Und große Zeitgeschichte wird so lange auf zwei Familien heruntergebrochen, bis ausgerechnet die anarchische Clubkultur in allzu bekannten Bahnen eines Fernsehmelodrams landet.
Auch interessant
Dabei hätte die Realität genug Stoff hergegeben. DJs wie Monika Kruse und Acid Maria prägten die damalige Szene. „München Beats“ erfindet stattdessen Linda und lässt sie auffallend häufig von Männern lernen, wie das mit dem Auflegen funktioniert. Selbst die Emanzipation kommt hier mit männlicher Gebrauchsanweisung. Vor allem aber redet die Serie besser über Techno, als sie ihn spürbar macht. Da wird erklärt, wie sich beim Tanzen Raum und Zeit auflösen und eine Menge zu einem Körper wird. Die Bilder bleiben dagegen erstaunlich brav. Von Kontrollverlust, Exzess oder auch der Drogenkultur jener Jahre ist wenig zu sehen. Das ZDF lässt die Neunziger raven, aber bitte prime-time-tauglich.
Dass „München Beats“ trotzdem seinen Charme behält, liegt vor allem an Jule Hermann. Sie spielt Linda mit einer Mischung aus Trotz und ungebremster Begeisterungsfähigkeit, die auch unwahrscheinliche Wendungen glaubhaft macht. Wenn sie hinter dem Mischpult begreift, dass sie dort hingehört, besitzt die Serie für einen kurzen Moment genau die Aufbruchseuphorie, von der sie erzählen will.
„München Beats“: ZDF, 26. und 27.8., je 20.15 Uhr als Doppelfolgen.



