Darauf muss man erst mal kommen: Eine Liebesgeschichte, die sich in der amerikanischen Provinz abspielt, ihren Ausgang aber in der deutschen Kapitulation nimmt. Es ist Mai 1945, Präsident Truman verkündet die lang ersehnte Nachricht im Radio. Und eine junge Frau, die in den Straßen wahrnimmt, dass sich überall Leute vor Radios zusammenrotten, geht in das nächstbeste Geschäft, einen Eisenwarenladen, fragt nach dem Radio. Hört die Rede des Präsidenten zusammen mit dem Verkäufer. Und küsst ihn daraufhin. Mitten im allgemeinen Friedenstaumel. Der Beginn einer sonderbaren Beziehung.
Eine heimliche Liebesaffäre, die eine Kettenreaktion auslöst
Es sind zwei Außenseiter, die sich da nicht gesucht und doch gefunden haben. Beide glauben, sie seien mit einem Makel behaftet. Bei Cal Jenkins ist dieser ganz sichtbar. Von Geburt an hat er ein verkürztes Bein. Nur fünf Zentimeter weniger. Und doch bedeuten sie die Welt. Als sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor alle Gleichaltrigen freiwillig zum Kriegsdienst melden, ist er der Einzige, der als untauglich ausgemustert wird und zurückbleiben muss. Es ist seine Rettung. Denn sein Freund aus Schulzeiten, der Einzige, der ihn nicht wegen seines Hinkebeins verspottet hat und ihm sagte, er sei einzigartig, stirbt als einer der Ersten im Krieg. Dennoch würde Cal am liebsten in eine andere Stadt ziehen. Und vorgeben, sein Hinken käme von einer Kriegsverletzung.
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Bei Margaret Salt ist der Makel verborgener. Sie ist, was niemand weiß, in einem Waisenhaus aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie gleich nach der Geburt weggegeben und sich nie nach ihr erkundigt. Auch aus Pflegefamilien kam sie immer wieder ins Heim zurück. Deshalb fühlt Margaret sich als eine Ungewollte. Und gibt niemandem ihre Vergangenheit preis. Auch dem Mann nicht, den sie schließlich heiratet. Der ein perfekter Ehemann ist. Nur nicht im Bett. Was sie wieder auf sich bezieht. Nun aber ist der Gatte seit Jahren im Krieg. Und da ist diese Radiomeldung, die alles verändert. Und dieser Fremde, den sie einfach küsst. Und der den Kuss erwidert: „Bis Truman aufhörte zu sprechen.“
Zwei Paare, die sich immer mehr entfremden
Das ist der Ausgangspunkt von Patrick Ryans Roman „Buckeye“. Und der Kuss löst eine Kettenreaktion aus. Doch erst mal springt der Erzähler zurück, erzählt die Vorgeschichte. Erst die von Cal, der allein mit seinem Vater aufwuchs, der nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg mehr als eigen wurde. Und dann die von Margaret, die nach dem Waisenhaus ihr Glück in der Großstadt sucht, aber dann mit ihrem Mann Felix in die Provinz ziehen muss. Dann weitet sich der Roman, erzählt von zwei Ehen, die, getreu Tolstois berühmtem ersten Satz aus „Anna Karenina“, jede auf ihre eigene Art unglücklich ist.
Die von Margaret, weil ihr Mann Felix eigentlich Männer liebt, sich das aber nicht eingestehen kann. Und deshalb vor ihr flieht und sich freiwillig zum Militärdienst meldet. Aber auch die von Cal. Denn seine Frau Becky hat das zweite Gesicht. Kann mit Toten kommunizieren. Was Cal nicht ernst nehmen kann. Ganz im Gegensatz zu fremden Menschen, die immer öfter im Haus sind, um Kontakt zu im Krieg gefallenen Angehörigen zu suchen. Die Gabe entfremdet das Paar.
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Und da kommt dann diese attraktive Frau in den Laden, mit der eine ungeahnte Leidenschaft beginnt. Die Beziehung hält nicht lange. Denn bald kehrt Felix, nach drei Jahren Abwesenheit, schwer verwundet zurück. Und die Liebenden beenden ihre Affäre. Aber dann wird Margaret schwanger, was Felix immer, sie aber nie gewollt hat. Auch ihr Kind wird ein ungewolltes. Weil die Mutter früh ahnt, dass nicht Felix der Vater ist.
Die Geschichte eines Doppelpaares, das sich zum Dreierpaar auswächst
Die Handlung spielt in einer fiktiven Kleinstadt, die für viele ähnliche Ortschaften steht und mit der man sich entsprechend überall identifizieren kann. Der Name des Städtchens ist sprechend: Bonhomie, vom französischen „Bonhomme“ kommend, meint Gutmütigkeit, aber auch im ambivalenten Sinne, weil sie auch als oberflächlich, als Fassade wirken kann. Und so sind alle hier Bonhommes, gute Menschen. Und doch ambivalente Charaktere. Ryan lässt sich viel Zeit mit seiner Erzählung. Zeichnet seine vier Figuren alle warmherzig und nachvollziehbar. Auch wenn sie ihre Fehler haben.
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Und immer mehr weitet sich die Geschichte. Um Jahre, die das Geschehene nicht vergessen machen. Felix ist depressiv, weil er im Krieg doch mal eine Liebe zu einem Mann erfahren durfte, diese aber früh verloren hat. Er will sich nicht therapieren lassen, sucht dann aber doch Hilfe. Und das ausgerechnet bei Becky, über die er Kontakt mit seinem toten Geliebten aufnehmen will. Nicht ahnend, dass deren Mann der Vater seines Sohnes Tom ist. Und dann freundet sich Tom auch noch mit Spike an, dem Sohn der Jenkins‘. Und man fragt sich genauso bang wie Margaret, wann die Bombe platzen wird. Und ob die Jungs je erfahren werden, dass sie Halbbrüder sind.
Der Roman endet dann 1976, mit der 200-Jahrfeier der USA.

Patrick Ryan, 1966 in Washington geboren, schreibt darüber, als habe er es selbst miterlebt. In einem früheren Roman, „Saints of Augustine“, ging es um die Freundschaft zweier Teenager, von denen einer schwul ist und einer nicht. In „Buckeye“, seinem ersten Buch, das auch auf Deutsch erscheint, variiert und erweitert er das zu einer großen Doppelfamiliensaga, die zugleich ein großes Werk über das eigene Land ist und nicht zufällig 1976, mit der 200-Jahrfeier der USA, endet. Ein Buch, das von einem ersehnten, aber auch einem verlorenen Amerika handelt. In den USA stieg der 650-Seiten-Wälzer deshalb gleich in die Bestsellerliste der „New York Times“ ein.
Dass Margaret im Waisenhaus aufwächst und dort Dickens liest, erinnert an John Irving, vor allem an dessen „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Ebenso, dass eine heimliche Liebschaft jäh beendet werden muss, als ein traumatisierter Soldat heimkehrt. Ist Ryan damit ein neuer Irving? Irving hat zuletzt selbst Stammleser enttäuscht. Und ein Vergleich bloß wegen einiger thematischer Überschneidungen bringt niemandem etwas. Und doch ist „Buckeye“ ein ganz großer, packender Lesestoff, den man nicht aus der Hand legen will. Was auch mal eine Stärke von Irving war.

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Ein Americana-Roman, der von kleinen und großen Verletzungen erzählt, von privaten und gesellschaftlichen Wunden. Vor allem aber von Menschen, die alle liebenswert sind und sich doch nie ganz offenbaren können. Lange ist der Leser der Einzige, der all die Geheimnisse kennt. Damit der einzige Komplize des Autors. Aber auch so etwas wie Becky: ein Medium zwischen den Seelen. Eine ganz einmalige Leseerfahrung.








