Dass deutsche Geschichte mindestens so spannend ist, wie die Erfolgsserie „Game of Thrones“, beweist die Historikerin Gunilla Budde mit ihrem neuen Buch „Die deutsche Geschichte“. Das Werk richtet sich an ein Publikum von 12 bis 102 Jahren, wie sie sagt. Es soll „den Mangel an Gesamtüberblicken zur deutschen Geschichte beheben“. Es ist ein Bedarf, den die Professorin für Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Oldenburg auch bei Studierenden feststellt. Budde hebt besonders die sozialgeschichtliche Komponente hervor, rückt den Alltag der Menschen in den Fokus, anstatt sich nur auf Eliten zu konzentrieren. Außerdem beleuchtet sie einzelne Sternstunden und Wendepunkte der Deutschen.

Besonders an dem Buch, das sich zum Standardwerk für Geschichte mausern könnte, sind nicht nur die Illustrationen von Street-Art-Künstlerin Greta von Richthofen, sondern auch Betrachtungen zur jüngsten Geschichte und ein Ausblick auf die Zukunft. Denn „Geschichte passiert nicht einfach. Sie wird von uns allen gemacht“, so das Credo der Historikerin. Wie Gunilla Budde es schafft, einen packenden „Rundumschlag“ zur Geschichte zu schreiben, ohne bei trockenen Zahlen und Fakten stehenzubleiben? Beim Treffen im Deutschlandmuseum in Mitte sprach die Morgenpost mit der 66-Jährigen, die 16 Jahre lang in Berlin gelebt hat. Noch heute hat die Oldenburgerin „mehr als einen Koffer in Berlin“, wie sie sagt.
Germanen siegen bei der Hermannsschlacht über die Römer
Wir steigen mit der Varusschlacht inmitten des neblig inszenierten Teutoburger Waldes im Deutschlandmuseum in das Gespräch mit Gunilla Budde ein. Bereits als Fünfjährige war die Historikerin mit ihrem Vater zum Herrmannsdenkmal spaziert und konnte sich der Faszination der Geschichte nicht entziehen. Warum sollte uns genau diese Schlacht immer noch interessieren? „Die Germanen wurden vom Geschichtsschreiber Tacitus in den höchsten Tönen als Vorbild gelobt. Wie bodenständig und treu die doch sind, und auch, dass sie wirklich gute Kämpfer sind. Sie dienten als mahnendes Vorbild, als Warnung vor den römischen Ausschweifungen.“

Hermann der Cherusker stand den Römern nahe und erhielt von ihnen den Spitznamen „Varus“ (dt. für O-Beine). Doch dann kam die für die Römer vernichtende Schlacht. Herrmann vereinte mehrere kleine Germanenstämme hinter sich, die die Römer wegen ihrer Arroganz hassten. Was ist danach passiert? „Nach der Varusschlacht hatten die Römer richtig Angst vor den Germanen“, fasst Budde zusammen. „Sie waren eingeschüchtert von den dichten Wäldern und dem Wetter. Und zogen einen 550 Kilometer langen Grenzwall hoch, den Limes, um sich vor den Germanen zu schützen.“
Lieblingsepoche? „Vielleicht die 20er-Jahre“
Gunilla Budde hat als Sozialhistorikerin Hunderte Biografien gelesen und Quellen ausgewertet. Eine Epoche, die sie stark fasziniert, sind die 1920er-Jahre, wie sie verrät. Woran das liegt? „Es war eine Umbruchzeit. Nach dem verlorenen Weltkrieg musste man ja wieder neu anfangen.“ Außerdem habe sie auch privat eine ganz eigene Beziehung dazu: „weil ich die Liebesbriefe meiner Großeltern habe, die sich 1923 kennenlernten. Die haben sich geschrieben wie die Weltmeister. Er war Assistenzarzt in Breslau und Jena, sie lebte in der Gegend um Herford auf einem Rittergut.“ War es ein Zeitalter, in dem Frauen sich neu erfanden? „Ja, Frauen durften plötzlich arbeiten, boxen, Autofahren, alleine ins Café gehen und wählen. Sie mussten nicht mehr unbedingt heiraten.“

Waren alle Kapitel ihres Geschichtsbuches einfach zu schreiben? „Mit dem Thema Auschwitz habe ich mich schwergetan“, gibt sie zu. Sie habe sich sehr viel mit ihren Nichten und Neffen darüber unterhalten: „Wie intensiv oder wie drastisch darf ich das eigentlich schreiben, wenn das ja auch kleinere oder jüngere Leser lesen sollten?“
Drittes Reich: Schlaglichter neu beleuchtet
Im Buch geht der wilde Ritt durch die deutsche Geschichte weiter: Hitlers Machtergreifung, Bücherverbrennung, die Olympischen Spiele, Rassengesetze, Stalingrad. Eines der Schlaglichter der NS-Zeit wirft Gunilla Budde auf das Thema Euthanasie. In einer Villa in der Tiergartenstraße 4 organisierten die Nazis den Mord an geschätzt 300.000 Patientinnen und Patienten von Heil- und Pflegeanstalten. Von der Villa existiert heute nur noch eine große Gedenktafel direkt an der Philharmonie. „Die Lieblingstante des Malers Gerhard Richter war eines der Opfer. Den Mord an ihr hat er sein Leben lang nie verwunden.“

Auch die Olympischen Spiele 1936 in Berlin greift Gunilla Budde auf. Um in diese Zeit einzutauchen, mutete sie sich einige Filme von Leni Riefenstahl zu. Dass Riefenstahl bis zum Schluss behauptet hat, dass Propaganda ihr ganz fremd gewesen wäre, ist für die Historikerin unfassbar. Ein ähnlicher Fall sei Winifred Wagner gewesen. „Sie hat Adolf Hitler unterstützt und sich später damit gebrüstet, dass sie den Schwiegereltern von Thomas Mann bei der Emigration geholfen hat. Es ist aber nicht wirklich quellenmäßig belegt.“

Im Buch schreibt Gunilla Budde über Olympia 1936: „Berlin vibrierte im Festfieber. 4000 Athleten aus 49 Ländern waren angereist, beobachtet von 1200 Journalisten aus aller Welt.“ Dass nicht ein Deutscher, sondern ein amerikanischer Athlet, noch dazu ein Schwarzer, zum Star der Spiele avancierte, missfiel den Nazis natürlich. „Das alles zeigte der Olympia-Film von Riefenstahl nicht. Auch nicht die Szene, die sich am Rande des Weitsprungwettbewerbs zutrug: Der Deutsche Luz Long und der Amerikaner Jesse Owens umarmten sich freundschaftlich, im Olympia-Dorf hatten sie sich angefreundet.“
„Corona war eine heftige Zäsur in der deutschen Geschichte“
Gunilla Budde pflügt im Buch weiter durch die deutsche Geschichte. Auch die Corona-Pandemie, die erst fünf Jahre her ist, greift sie auf: „Das war eine heftige Zäsur in der deutschen Geschichte, natürlich auch in der weltweiten Geschichte.“ Sie habe insbesondere die Schülerinnen und Schüler, die Jugendlichen bedauert, die „wirklich zwei Jahre ihres Lebens verloren haben. Alles, was man normalerweise in dem Alter gemacht hätte, durften sie nicht. Großeltern und Lehrer sah man nur auf dem Laptop. Das war schon eine tragische Zeit, finde ich.“
Historiker sind heute wichtiger denn je.
Gunilla Budde, Professorin für Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Oldenburg
Gunilla Budde ist eine Leseratte und wusste bereits mit fünf Jahren, welchen Beruf sie ergreifen will. In Zeiten von Fake News und Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es neue Herausforderungen. Die Autorin warnt vor blindem Vertrauen in digitale Tools und betont, warum die kritische Arbeit von Historikern heute wichtiger ist denn je. Die Geschichtswissenschaftlerin möchte die Technologie nicht generell verteufeln. In vielen gesellschaftlichen Bereichen könne KI eine sehr große Hilfe sein.
Geht es jedoch um die Geschichtsschreibung, hauptsächlich um Nischen- und Regionalgeschichte oder um Themen, die im Netz noch kaum verbreitet sind, versagen die Algorithmen bisher. Besonders drastisch zeige sich das bei der wissenschaftlichen Belegpflicht. „Bei automatisierten Texten stimmt oft keine einzige Fußnote“, ist ihre Erfahrung. Die KI greife zwar auf reale Autorennamen zurück, die im jeweiligen Themenfeld gearbeitet haben, erfinde dazu jedoch frei Buchtitel und unmögliche Erscheinungsjahre. „Das wird sicherlich noch anders werden“, vermutet Budde mit Blick auf die Zukunft.
„Das Gefährliche an KI: Alles klingt gut“
Das eigentliche Problem sei die professionelle Aufmachung der fehlerhaften KI-Texte. Die Technologie verbreite unheimlich viel Halbwissen, das durch stilistische Eleganz kaschiert werde. „Das Gefährliche daran ist, dass es alles gut klingt“, warnt Budde. Zudem fehle der KI das grundlegende Fundament des historischen Handwerks: das richtige Arbeiten mit Originalquellen. Sie sind das Fundament, an dem sich die Wissenschaft festmachen kann.

Budde betont, dass auch reale Quellen niemals ungeprüft übernommen werden dürfen. Man müsse stets hinterfragen, wer wann, wo, für wen und auch gegen wen geschrieben hat. Erst durch eine große Quellenvielfalt und den präzisen Abgleich der Zeugnisse untereinander entsteht ein verlässliches Bild der Vergangenheit. Gerade wegen dieser komplexen Einordnung zieht die Historikerin ein klares Fazit: „Historikerinnen und Historiker sind heute wichtiger denn je.“ Dank ihrer Quellenarbeit stehen sie, anders als die halluzinierende KI, „nicht im luftleeren Raum“.



