Wohin zieht es einen Menschen, der große Teile der Welt bereits Schritt für Schritt für sich entdeckt hat? Wenn Tausende Kilometer amerikanischer Wildnis in den Wanderschuhen stecken, man die wichtigsten Pfade Europas erwandert hat und sich auf den uralten historischen Pilgerwegen zwischen Polen und Spanien fast schon zu Hause fühlt – was bleibt dann noch?
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Als die Wahlberlinerin Christine Thürmer, nach eigenen Angaben die meistgewanderte Frau der Welt, auf der Suche nach neuen Abenteuern den Blick über die Weltkarte schweifen ließ, muss es wohl wieder da gewesen sein: dieses vertraute, unruhige Herzklopfen, das jeder Weltenbummler kennt, wenn die Sehnsucht nach Neuland und unbekannten Wegen überhand nimmt.

Christine Thürmer hat eine Antwort gefunden. Sie liegt im Osten: in Asien. In ihrem Buch „Hiking Asia“ nimmt sie ihre Leserinnen und Leser mit auf zwölf außergewöhnliche Wandertouren durch unbekanntes Terrain.
Das 285 Seiten starke Buch ist kein gewöhnlicher Wanderführer, der mit detaillierten Wegbeschreibungen zum Nachwandern einlädt. Wer konkrete Informationen zu Routen, Etappen oder Wegverhältnissen sucht, wird hier vermutlich nicht fündig. Auch die üblichen Instagram-Fotos fehlen. Nur im Buchinneren sind Fotos zu finden. Nicht als Hauptmerkmal, sondern wohltuend als bescheidene Unterstützung zu den vielen interessanten Gedankengängen der Autorin.

Der höchste Berg Südkoreas ist der erloschene Vulkan Hallasan. Er liegt auf der Insel Jeju-do. 400 Meter misst der Durchmesser des Kraters.
Das Buch handelt vom Aufbruch in fremdes, unbekanntes Terrain und von den Selbstzweifeln, die angesichts geografischer und klimatischer Herausforderungen entstehen. Es erzählt aber auch vom Scheitern. Selbstkritisch stellt Christine Thürmer ihre eigene Erfahrung infrage, als sie sich zur falschen Jahreszeit auf den 1000 Kilometer langen Tōkai-Shizen-Hodō-Trail in Japan begibt. Neben Blutegeln machen ihr tropische Temperaturen und heftige Schweißausbrüche zu schaffen. Erst als sie mit den eigentlichen Gefahren des Trails konfrontiert wird, Erdrutschen und unterspülten Wegen, erkennt sie, dass das eigene Leben wichtiger ist als der Erfolg, einen Wanderweg unbedingt bis zum Ende zu bewältigen.

Einen Weg abzubrechen, das beschreibt sie sehr nachdrücklich, bedeutet deshalb keine Niederlage. Es ist vielmehr die nüchterne Erkenntnis, dass es vielleicht beim nächsten Mal gelingen könnte, die komplette Strecke zu bewältigen.
Christine Thürmer nimmt die Leser mit auf Wanderschaft. Man kann sich bildlich das Baum-Mikado auf dem Tōkai-Shizen-Hodō vorstellen, wo ein Taifun eine gewaltige Schneise durch den Wald geschlagen hat. Auch das erfrischende Bad in einem traditionellen Onsen, einer Thermalquelle, die in Japan an fast jeder Ecke aus dem Erdboden sprudelt, kann man buchstäblich spüren. Thürmer schreibt am Ende des Buches, dass sie noch nie so sauber wandernd unterwegs gewesen sei. Thru-Hiker, Weitwanderer, wissen, was das bedeutet.

Ein Bambuswald auf dem Raknus Selu Trail in Taiwan.
Die landschaftlich und kulturell wichtigen Informationen sind gut im Text versteckt. Die Buchautorin ist unter anderem auf dem Michinoku Coastal Trail in Japan, dem Raknus Selu Trail in Taiwan und dem Seoul Trail in Südkorea unterwegs.
Beeindruckend ist ihre Beschreibung des Michinoku Coastal Trails, der sich über eine Länge von 1000 Kilometern an der Ostküste Japans entlangzieht, in Hachinohe startet und in Soma endet. Er ist wahrscheinlich der weltweit erste und einzige Wanderweg, der sich ganz gezielt mit Naturkatastrophen auseinandersetzt.

Der letzte Tsunami fegte 2011 mit verheerenden Folgen über die Küste hinweg. Er hinterließ eine verwüstete Landschaft, zerstörte die Infrastruktur und forderte unzählige Opfer in der Bevölkerung des dünn besiedelten Gebiets. Und so wandert Christine Thürmer nicht nur über ein endlos langes, schützendes Betonband, sondern auch vorbei an zahllosen Gedenkstätten und Schreinen, die an die Katastrophe erinnern.

Auch die Wandertour auf dem rund 200 Kilometer langen Fukushima Coastal Trail verdient Aufmerksamkeit. Der Weg führt um das 2011 zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi herum. Der Reaktorunfall infolge eines Tsunamis löste seinerzeit weltweit heftige Diskussionen über den Betrieb von Atomkraftwerken aus.

Der Fukushima Coastal Trail führt am ehemaligen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi vorbei. Der Betonwall am Ufer des Pazifiks soll die Menschen vor gefährlichen Tsunamis schützen.
„Totgesagte leben länger“, lautet ein altes Sprichwort. In Fukushima hat sich längst wieder Leben angesiedelt, wie die Buchautorin staunend feststellen muss. „Ich hatte ein riesiges, verwildertes Sperrgebiet erwartet. Stattdessen stoße ich auf eine idyllische Landschaft“, schreibt sie.
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Dennoch sei die Katastrophe von damals im Wanderalltag allgegenwärtig, allein schon durch die zahlreichen Geigerzähler, die rund um den abgeschalteten Atommeiler am Wegesrand installiert sind, schreibt sie. Dabei hält sie mit ihrer Begeisterung für den Lebenswillen der Menschen in dieser Region nicht zurück und räumt gleichzeitig mit unseren mediengeprägten Vorstellungen von der Situation vor Ort auf.

Besonders inspirierend ist die Beschreibung der Wandertour auf dem Seoul Trail, einem 157 Kilometer langen Fernwanderweg, der sich einmal komplett um Südkoreas Hauptstadt Seoul schlängelt. „Ich habe gesehen, wie der Wanderweg der Zukunft aussehen wird“, erzählt Christine Thürmer. Dazu gehören beleuchtete Wegweiser und Druckluftstationen zum Säubern der Wanderschuhe, denn in Südkorea ist es verpönt, mit schmutzigen Schuhen in eine U-Bahn zu steigen. Hinzu kommen Barfußtrails, Fußwaschanlagen für geschundene Wanderfüße und eine Toilettendichte, die ihresgleichen auf der Welt sucht.

Zwei Wanderer blicken vom Berg Inwangsan auf die Millionenmetropole Seoul. Auf einer Länge von 157 Kilometer schlängelt sich der Fernwanderweg Soeul Trail um dieHauptstadt von Südkorea.
„Hiking Asia“ ist mehr als ein gewöhnlicher Reise- oder Wanderbericht. Christine Thürmer erzählt von der Faszination des Aufbruchs, von unerwarteten Herausforderungen und von der Erkenntnis, dass Umkehren manchmal vernünftiger ist als Weitergehen. Gerade ihre selbstkritische und zugleich humorvolle Art macht das Buch glaubwürdig und unterhaltsam. Die Leserinnen und Leser erfahren nicht nur viel über außergewöhnliche Wanderwege in Japan, Taiwan und Südkorea, sondern erhalten auch Einblicke in Landschaften, Kulturen und die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Wer detaillierte Routenbeschreibungen sucht, wird möglicherweise enttäuscht sein. Wer sich jedoch auf persönliche Geschichten, fremde Welten und die Philosophie des Weitwanderns einlässt, findet in „Hiking Asia“ eine inspirierende und unterhaltsame Lektüre.

Der Tōkai-Shizen-Hodō Trail führt nicht auf den Fuji hinauf. Allerdings bietet er Wanderern immer wieder spektakuläre Aussichten auf den heiligen Berg der Japaner.




