Die Jury des Friedrich-Luft-Preises hat zehn Theaterinszenierungen aus der Saison 2025/2026 auf ihre Nominierungsliste gesetzt. Wir stellen die Favoriten für den Preis vor, den die Berliner Morgenpost gemeinsam mit Deutschlandfunk Kultur für die beste Inszenierung aus Berlin oder Potsdam verleiht. Die Gewinnerinszenierung wird Ende August verkündet.

Donnerstag

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„Fake Jews“ (Regie: Noam Brusilovsky, Deutsches Theater). Es gibt einen Namen für dieses Phänomen: Vom „Wilkomirski-Syndrom“ ist die Rede, wenn Menschen sich eine jüdische Identität samt entsprechender Opferbiografie zusammenfabulieren. Regisseur und Autor Noam Brusilovsky hat, unter Einbeziehung realer Fälle, einen scharfsinnigen Theaterabend darüber konzipiert. Und zwar als Solo für einen phänomenalen Moritz Kienemann, der sich in der kleinen DT-Box dabei lustvoll vibrierend verausgabt. Der verführt und wütet, argumentiert und lamentiert, spielt neben dem vermeintlich jüdischen Ich-Erzähler dieser Geschichte auch dessen nichtjüdischen Freund David, einen Schauspieler, der auf jüdische Rollen abonniert ist. Ein ebenso gnadenloser wie erhellender Abend.

Der Gesang des Pottwals
„Der Gesang des Pottwals“, Deutsches Theater. © . | Thomas Aurin

„Der Gesang des Pottwals“ (Regie: Heiner Bomhard, Deutsches Theater). Kein Wal in Sicht. Der Regisseur ist außer sich. Ganz abgesehen davon, dass auch der 200-köpfige Chor nebst den Starsolisten fehlt. Stattdessen ist Friedrich Merz da, begleitet von Elon Musk und Jeff Bezos. Das Trio ist nicht weniger größenwahnsinnig als der Regisseur. Nur anders. Die drei planen, das Deutsche Theater abzureißen, um dort ein Verteidigungszentrum für KI-gesteuerte Waffensysteme zu bauen. Um die angeblich wiederentdeckte Puccini-Oper mit dem Wal geht’s dann nicht mehr so sehr, sondern um Widerstand, Rebellion! Auf der Open-Air-Bühne im DT-Hinterhof hat Autor, Regisseur und Komponist Heiner Bomhard eine entfesselte Theaterbetriebs-Satire auf die temporären Bretter gebracht. Als Grande Opera über Kunst und Kommerz, die mit Schalk, Parodie und viel Musik letztlich vor allem auch eine hochunterhaltsame Liebeserklärung ans Theater ist.

Drei Schwestern Berliner Ensemble
„Drei Schwestern“, Berliner Ensemble.© OSTKREUZ | Joerg Brueggemann

„Drei Schwestern“ (Regie: Mateja Koležnik, Berliner Ensemble). Raus aus dem Landhaus, rein in die Kaserne: In Mateja Koležniks Version von Tschechows „Drei Schwestern“ müssen Olga, Mascha und Irina ihr russisches Landleben gegen die graue Tristesse eines fensterlosen, bunkerartigen Militärstützpunkts tauschen. Die Ortsverlegung funktioniert hervorragend: Diese geschlossene Gesellschaft kreist um die eigenen Befindlichkeiten und die Schwestern tanzen als Expertinnen der Verdrängung das Krachen und Rumpeln da draußen einfach weg. Aber gerade vor dem Hintergrund permanent existenter diffuser Bedrohung, die den Abend von der ersten bis zur letzten Minute bedrohlich grundiert, tritt die Notwendigkeit zu handeln und eben nicht wegzuschauen umso klarer und schärfer hervor. Damit dockt der Abend, der zudem mit einem fantastischen Ensemble aufwarten kann, bemerkenswert deutlich an unsere krisengeschüttelte Gegenwart an. So zeitgemäß hat man dieses Stück kaum je gesehen.

K.
„K.“, Berliner Ensemble. © OSTKREUZ | Joerg Brueggemann

„K. Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas ‚Prozess‘“ (Regie: Barrie Kosky, Berliner Ensemble). Nebulös ist die Anklage, und in weißer Unterwäsche schlotternd kann der vermeintliche Delinquent nur mutmaßen: „Jemand musste mich verleumdet haben.“ Musiktheater-Experte Barrie Kosky nimmt Kafkas Roman „Der Prozess“ zum Ausgangspunkt seiner rasant-betörenden jiddischen Revue im Vaudeville-Stil am Berliner Ensemble, die den Menschen Kafka von einer ungewöhnlichen Seite beleuchtet: Berührungspunkte zum Judentum hatte Kafka, der in einer assimilierten Familie aufwuchs, vor allem über das ostjiddische Theater. Kosky nun rückt diesen Aspekt ins Zentrum seiner musikalischen Collage. Mit einer umwerfenden Kathrin Wehlisch in der Hauptrolle, die taumelnd, charmant und verletzlich den Verlorenen gibt, der nach Antworten sucht, zwischen einem verjazzten Bach, tanzenden Chassidim und allerlei Verführungen und Verwirrungen. Das ist tragikomisch und wahnsinnig mitreißend.

Peer Gynt
„Peer Gynt“, Volksbühne.© Volksbühne | Julian Röder

„Peer Gynt“ (Regie: Vegard Vinge/Ida Müller, Volksbühne). Das Totaltheater von Vegard Vinge und Ida Müller ist zurück: total ausufernd, total schrill und irgendwo zwischen Größenwahn und Genialität angesiedelt. Dieses Mal arbeiten sie sich an Ibsens „Peer Gynt“ ab, jener Geschichte also von Peer, dem Taugenichts, dem Herumtreiber, dem Lügner, dem Frauenverführer. Ida Müller hat ihm mit ihren grellen, comichaften Pappkulissen ein eigenes Universum geschaffen, in dem er sein Gift und seine Körpersäfte ganz und gar hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste bei Mama Aase, Irene, Solveig und den anderen verspritzt. Ein achtstündiger Trip in die Abgründe menschlichen Daseins ist das, eine grellbunte Höllenfahrt in Peers dunkle Seele. Radikal, alle Formen sprengend, maximal anstrengend, aber eben auch sehr faszinierend und einzigartig.

Zukunftsmusik
„Zukunftsmusik“, Maxim Gorki Theater.© Maifoto | Ute Langkafel

„Zukunftsmusik“ (Regie: Nurkan Erpulat, Maxim Gorki Theater). Es ist der 11. März 1985, irgendwo in Sibirien. Konstantin Tschernenko, linientreuer Generalsekretär der KPdSU, ist gerade verstorben. Das Radio spielt Trauermusik. Sein Nachfolger wird Michael Gorbatschow. Aufbruch liegt in der Luft. An diesem einen Tag spielt Katerina Poladjans Roman „Zukunftsmusik“, den Nurkan Erpulat als letzte große Ensemble-Premiere vor dem Intendantinnenwechsel im Gorki überzeugend verdichtet zur Uraufführung gebracht hat. In kurzen, skizzenhaften Szenen nimmt er uns mit in die zusammengewürfelte Kommunalka von Warwara, Janka, Maria und den anderen, die sich hier eine Wohnung teilen. Im von Magda Will auf die Bühne gestellten Zimmer-Rondell sehen wir ihnen zu, wie sie sich sehnen, sich sorgen, wie sie lieben und leben. Es ist Erpulats ungemein genauer und feinfühliger Blick auf die Figuren, der diesen Abend so besonders macht und dafür sorgt, dass er so zu Herzen geht.

Der Friedrich-Luft-Preis

Der Friedrich-Luft-Preis, benannt nach dem Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft, wird seit 1992 verliehen, seit 2021 gemeinsam von Deutschlandfunk Kultur und der Berliner Morgenpost. Er zeichnet die beste Berliner oder Potsdamer Theateraufführung der zurückliegenden Spielzeit aus und ist mit 7500 Euro dotiert. Zur Jury gehören Susanne Burkhardt und Hans Dieter Heimendahl (Deutschlandfunk Kultur), Felix Müller (Berliner Morgenpost), die Theaterkritikerinnen Elena Philipp (nachtkritik.de) und Katrin Pauly, die Schauspielerinnen Claudia Wiedemer und Martina Gedeck sowie Ernst Elitz, Gründungsintendant von Deutschlandradio.

Auf allen Vieren
„Auf allen vieren“, Sophiensäle.© Ruhrfestspiele | Mayra Wallraff

„Auf allen vieren“ (Regie: Sabine Auf der Heye und Holle Münster, Sophiensäle). Dass Miranda Julys Midlife-Crisis- und Wechseljahre-Roman „Auf allen vieren“ sich prima auf einer Theaterbühne machen könnte, fanden viele. Den Zuschlag für die deutschsprachigen Bühnenrechte aber bekam keines der großen Häuser, sondern ein freies Kollektiv um die beiden Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster sowie die beiden Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste, die den internationalen Bestseller dann auf der kleinen Bühne der Sophiensäle mit Witz und Verve zur Uraufführung brachten. In bonbonbuntem Ambiente navigiert das Duo Haberlandt/Droste dabei durch die Höhen und Niederungen dieses feministischen Selbstbefreiungstrips. Libido, Lust und Östrogene: Hier wird nichts ausgespart. Und das ist kein bisschen peinlich, sondern herrlich heiter und herzerwärmend.

Lars Eidinger spielt im Stück „Der Geizige“
„Der Geizige“, Schaubühne.© Jens Kalaene/dpa | Jens Kalaene

„Der Geizige“ (Regie: Thomas Ostermeier, Schaubühne). Zwischen Luftballons, Vorführwagen und Wimpelkette: Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier verlegt Molières Komödie über den geizigen Griesgram Harpagon vom Paris des 17. Jahrhunderts in ein Autohaus der Gegenwart. Hat man so auch noch nicht gesehen, funktioniert aber verblüffend gut. Im Zentrum: Lars Eidinger als geldbesessener Patriarch, der seine Angestellten scheucht, seine Familie tyrannisiert und mit seiner Plauze und dem viel zu buschigen Schnauzer von Anfang an als Witzfigur angelegt ist. Eidinger kostet das maximal aus, tänzelt, stolpert, knallt dabei mehrfach zu Boden. Diese Inszenierung und das gesamte Ensemble scheuen den Slapstick nicht, streifen aber auch immer mal wieder tieferliegende Schichten, wie etwa den gärenden Generationenkonflikt. Eine heitere und erstaunlich moderne Mittelstandskomödie ist das geworden, die allerbestens unterhält.

Egal
„Egal“, Schaubühne.© Schaubühne | Gianmarco Bresadola

„Egal“ (Regie: Marius von Mayenburg, Schaubühne). Sie wollten „Avantgarde“ sein, und jetzt provozieren sie sich, stänkern, schmollen und kultivieren das absichtsvolle Missverstehen bis zur Perfektion. Dabei traten sie an, zu beweisen, dass man Berufs- und Familienleben prima organisieren kann, ohne in klassische Geschlechterrollen zu verfallen. Simone macht als Ingenieurin in der Automobilbranche eine Top-Karriere mit Top-Gehalt, Erik schlägt sich als Übersetzer für Literatur durch und kümmert sich um den Nachwuchs. Das ist die Versuchsanordnung in dem raffiniert komponierten Kammerspiel „Egal“ von Marius von Mayenburg. Der Clou: Per Rollentausch wird hier mehrfach die Perspektive gewechselt. Unter von Mayenburgs Regie führen Marie Burchard und Stefan Stern in der kleinen Schaubühnenspielstätte „Ku’damm 156“ das Scheitern des Paares an den eigenen Ansprüchen mit bissigen Wortgefechten der Extraklasse in einer schwindelerregenden Rasanz vor.

Die Seherin
„Die Seherin“, Schaubühne.© Armin Smailovic | Schaubühne

„Die Seherin“ (Regie: Milo Rau, Schaubühne). Das Grauen ist ihr Geschäft: Als Kriegsfotografin jettet sie zu den unmenschlichsten Orten der Welt. Ursina Lardi spielt diese Chronistin des Schreckens als abgeklärte, aber auch innerlich zerrissene Figur. Sie weiß um ihre Obsession, sie kennt die Verführungskraft ihrer Bilder und das mediale Interesse daran: If it bleeds, it leads. Tatsächlich ist in Milo Raus Inszenierung „Die Seherin“ fast gar keine Gewalt zu sehen. Aber es wird viel darüber gesprochen. Auch auf einer dokumentarischen Ebene, denn die zweite zentrale Figur des Abends ist Azad Hassan. Der Lehrer aus dem Nordirak erzählt via Videoeinspielungen, wie ihm IS-Schergen in einem öffentlichen Tribunal die Hand abhackten. Die Mechanismen der öffentlichen Inszenierung von Gewalt werden an diesem Abend sehr klar und präzise aufgezeigt. Ein erschütternder und auch sehr eindringlicher Abend.