„Wat ’n dette?“ Gleich am Anfang dieses sehr schrägen Films stapft Michael Gwisdek am Strandbad Friedrichshagen in den Müggelsee, hält seine Hand ins Wasser, um zu prüfen, wie kalt es ist, zieht sie wieder raus. Doch da ist nur noch ein Stumpf, aus dem fontänenartig Blut spritzt. Dazu aber kein Schock, kein Schmerz, kein Schwanken, nur Gwisdeks stoisches Staunen. Als hätte er Schimmel auf einem Fischbrötchen entdeckt. Wat’n dette? Das durfte sich denn auch der Zuschauer fragen.

Trash vom Feinsten. Und alle machen mit

„Hai-Alarm am Müggelsee“: Schon der Titel dieses Films aus dem Jahr 2013 war ein Lacher, ein Widerspruch in sich, ein Meeresungetüm in seichtem Binnengewässer. Damit sollte aber auch im deutschen Film Hai-Alarm ausgelöst werden. So wollten es Leander Haußmann, der Theater- und Filmregisseur, und Sven Regener, der Elements-of-Crime-Musiker und Romanautor. Der eine hatte schon ein Buch des anderen verfilmt, „Herr Lehmann“. Und bei Konzerten des anderen auch mal Mundharmonika gespielt. Aber „Hai-Alarm“ war ihre erste wirkliche Zusammenarbeit.

Ein Film, den sie zusammen ausheckten, zusammen schrieben und zusammen inszenierten. Wofür sie eigens eine Produktionsfirma namens „Müggelfilm“ gründeten. Dessen Kalkülmodell bestand indes vor allem darin, sich die eigene Gage zu sparen und zu investieren. Befreundete Schauspieler wurden ermutigt, quasi als Co-Produzenten auf Pump miteinzusteigen. Um einfach mal nach Genre und Trash zu machen. Wofür es eine große Lust bei Filmemachern gibt, aber nicht bei den Förderern und Fernsehredaktionen. Deshalb dieser Guerilla-Film, ohne alle Finanzierungsbettelei: als Attacke aufs deutsche Kinowesen wie aufs Zwerchfell.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Kino-Kleinod, mit dem die beiden ein neues Genre gründen wollten: den „Alarm-Film“. Daraus ist nichts geworden, bislang gab es zumindest keinen Nachfolger. Aber das war ja auch maximal ironisch gemeint. Und zumindest diesen Sommer rufen Haußmann/Regener nun noch einmal, 13 Jahre nach Kinostart, den „Hai-Alarm“ aus: am 4. August, in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Film zeigt.

Alles wie beim „Weißen Hai“ – aber wo bleibt das Monster?

Nirgends sind Genreparodien beliebter als in Deutschland, dafür bürgen Schenkelklopfreihen von den „Nackten Kanonen“ bis zu den „Scary Movies“. Nur seltsam, dass es hierzulande kaum derartige Versuche gab. RTL immerhin wagte 2004 mal einen „Hai-Alarm auf Mallorca“, der klar auf Steven Spielbergs Schocker „Der weiße Hai“ von 1975 zielte. Wie dann auch „Hai-Alarm am Müggelsee“.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Alle Protagonisten des Originals sind wieder dabei: der schmierige Bürgermeister, der sich das Geschäft mit dem Sommer nicht vermasseln lassen will, schön feist von Henry Hübchen ausgespielt, der Ortspolizist (Detlev Buck), der die Bevölkerung beruhigen soll, der Fischexperte von der Universität (Tom Schilling) und natürlich der raubeinige Hai-Jäger (Uwe Dag Berlin).

Hai-Alarm am Müggelsee
Kiffen und zudröhnen: So sehen Krisensitzungen bei Haußmann aus. © Creative Pool | X Filme

Nur von einem Hai ist weit und breit nichts zu sehen. Das war auch bei Spielberg so – aber nur, weil das Hai-Modell erst nicht funktionierte. Die Spannung musste anders erzeugt werden, was den Film erst so außergewöhnlich machte. Ganz anders nun im Müggelsee, wo man statt auf Spannung auf Skurrilität setzte.

Anfangs sieht man da noch zwei kleine Jungs, die vor vielen Jahren, noch zu DDR-Zeiten, von einem zwielichtigen Tierhändler statt eines Guppys einen winzigen Zierhaifisch angedreht bekommen, den sie dann jahrelang in der Badewanne halten, bis er zu groß und zu fresslüstern wird und sie ihn im Müggelsee aussetzen. Lauert jetzt, Jahre später, also ein Biest in der Tiefe, als Altlast des untergegangenen Sozialismus, und ruiniert das Plansoll des Badespaßes? Dazu gibt es eine Krisensitzung im Rathaus, wieder wie im „Weißen Hai“.

Viele Haußmann-Stars sind mit Lust dabei

Doch um das Tier geht es dabei kaum. Man hätte, raunte Regener damals, den Film auch „Schneckenalarm am Müggelsee“ nennen können. Das wahre Monster ist hier – die deutsche Bürokratie. Die Krisensitzung, der runde Tisch an eckiger Tafel, darum dreht sich der Film. Behördenwahn, Zerredungs-Unkultur, Autoritätshörigkeit – davon handelt er. Und von absurden Auswüchsen von Städte-Marketing und Tourismus-Werbung.

Dafür gibt es auch eine Figur, die bei Spielberg nicht vorkam, hier aber zur Schlüsselfigur wird: Anna-Maria Hirsch als Marketing-Expertin, die das Männerdrama erfrischend aufmischt, sich aber in Liebesdingen auch einen Stutenbisskampf mit einer Konkurrentin liefern muss.

Hai-Alarm am Müggelsee
Der Ortspolizist (Detlev Buck, r.) und das erste Opfer (Michael Gwisdek). © Creative Pool | X Filme

Anders als im Monsterfilm-Genre wird der Hai-Alarm hier nicht so lang wie möglich rausgezögert, sondern bald mit Lust herbeigeführt. Und dann strömen die Sensationslüsternen in Scharen zum See. Das alljährliche Volksfest wird einfach noch ein zweites Mal gefeiert. Und da sind wir bei einem anderen Haifischgewässer, dem Raubtierkapitalismus, der aus allem Gewinn schröpfen will. Da muss man plötzlich ganz andere Kämpfe ausbaden, wenn man auch am Wannsee Hai-Alarm ausrufen werden will und man sein Revier und sein Alleinstellungsmerkmal verteidigen muss.

Seitenhiebe auch auf die DDR: auf Mauerbau und Maueröffnung

Die „Verschmelzung des Katastrophen- und Actionfilms mit dem Bürokratiedrama“, das sei das „neue Genre Alarmfilm“, propagierte Haußmann. Der dafür viele Weggefährten begeistern konnte. Vor allem aus seinem Erfolgsfilm „Sonnenallee“: Henry Hübchen, der Anfang der 80er-Jahre DDR-Meister im „Brettsegeln“ war und hier zumindest eine Paddelschule eröffnen und anpaddeln darf. Detlev Buck als Ortspolizist, der damit auch seine damalige Rolle als Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei persifliert. Und als Running Gag rennt Katharina Thalbach als „Irre von Friedrichshagen“ durchs Bild, die das Ende der Welt verkündet, aber nicht wegen eines Hais, sondern wegen Günter Jauch.

Mit dabei sind auch Tom Schilling und Benno Fürmann, Darsteller aus anderen Haußmann-Komödien. Und, als Insider-Sidekicks, die Theaterprinzipalen Frank Castorf und Jürgen Flimm, die das Geschehen wie Waldorf und Statler in der Muppet-Show kommentieren, nur nicht in einer Theaterloge, sondern beim Griechen, zum Ouzo.

Hai-Alarm am Müggelsee
Haben sich das ausgedacht und spielen auch selbst mit: Sven Regener (l.) und Leander Haußmann. © Creative Pool | X Filme

Statt eines Hais steht ständig ein Elefant im Raum: der BER

Vor allem tauchen aber Haußmann und Regener selbst immer wieder auf: als Taucher, als Polizisten, als Alt-Punks aus Kreuzberg, die anders als „Herr Lehmann“ auch mal den Weg in den Osten wagen. Beide spielen dabei auch die Filmmusik. Und so werden sie auch als einzige im Vorspann genannt: Mundharmonika: Leander Haußmann. Gitarre: Sven Regener. Sie jammen, spielen und improvisieren musikalisch wie filmisch. Und weiten damit den Punkrock aufs Kino aus. Auch der entstand ja nur, weil Rock zu kommerziell wurde.

Ihr Film ist eine Satire auf Lokalpolitik und Provinzielles, selbst in der Hauptstadt. Mit Seitenhieben auch auf die DDR: Der Pantomime Haußmann baut am Strandbad eine Mauer, als Schutzwall gegen das Haifischgewässer. Und die Aufhebung des Hai-Alarms verkündet Hübchen bei einer Pressekonferenz so stammelnd wie Schabowski die Maueröffnung. Bei alledem aber steht statt eines Hais ständig ein Elefant im Raum.

Hai-Alarm am Müggelsee
Auch Wutbürger sind dabei: Erst wollen sie baden, dann Freiheit für den Hai, dann das Ende des Alarms. © Creative Pool | X Filme

Haußmann, selbst Friedrichshagener, hatte damals vehement gegen den Bau des neuen Großflughafens BER und die festgelegten Flugrouten über den Müggelsee protestiert. Und machte diesen Film auch, um zu zeigen, wie schön friedlich der Müggelsee doch ohne Fluglärm ist. Die vollmundig angekündigte Eröffnung des BER hatte da schon peinlich verschoben werden müssen, auf wie lange, das war bei den Dreharbeiten aber noch gar nicht abzusehen. Da übertraf die Realität jede Satire.

Aber wie Entscheidungsträger verdrängen und verleugnen und Krisensitzungen einberufen, bei denen nichts herauskommt, das ist der eigentliche Film. Und in diesem Sinne ist er ein echtes Zeit-Dokument.

Zoo Palast, 4. August, 20 Uhr in Anwesenheit von Leander Haußmann. Karten gibt es hier.