Er hat unglaubliche Kräfte, aber das Gemüt eines Kleinkindes. Und wenn er mal wieder zur Polizei muss – was öfter geschieht, es gibt dort eine dicke Akte über ihn, wegen allerlei Delikte –, dann feixt er nur: „Aber machen könnt Ihr mir nüscht. Paragraf eenunfuffzig. Ich bin ja verrückt!“ Mario Adorf spielte das mit großer Intensität. Und mit Berliner Schnauze. Als sei er in der Stadt groß geworden.

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Der Serienmörder Bruno Lüdke im Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ war für den Schauspieler 1957 die erste Kinohauptrolle. Sie sollte ihm zum Durchbruch verhelfen. Und blieb eine seiner besten Darstellungen. Am 8. April ist der Schauspieler im Alter von 95 Jahren gestorben. Die Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt, zeigt ihm zu Ehren nun noch einmal seinen ersten großen Erfolg. Und Torsten Musial, der in der Berliner Akademie der Künste Adorfs Vorlass, den dieser der AdK 2012 übergeben hatte, aufgearbeitet hat, wird über den Schauspieler sprechen. Und was er der Stadt vermacht hat.

Ein Nazifilm ohne Klischees, gedreht von einem Remigranten

„Nachts, wenn der Teufel kam“ war ein Ausnahmefilm im deutschen Nachkriegskino. Der erste wirkliche Anti-Nazifilm, der Versuch, die jüngste deutsche Vergangenheit ohne jede Schönfärberei zu zeigen, gedreht von einem jüdischen Exilanten, der einst vor Hitler geflohen war. Der dann in Hollywood eine große Karriere gemacht und dort den Film Noir mit Meisterwerken wie „Die Wendeltreppe“ geprägt hat. Und nun zurückgekehrt war und mit den Mitteln des Noir-Films ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte aufarbeitete.

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Es ist die Geschichte eines Berliner Serienmörders, der über 80 Frauen ermordet hat. Bis ein Kommissar ein wiederkehrendes Moment erkennt und dem Kutscher Lüdke, von allen nur „der doofe Bruno“ genannt, auf die Spur kommt. Es ist aber auch die Geschichte eines Landes, in dem die wahren Mörder an der Macht sind. In der ein skrupelloser SS-Gruppenführer den Fall Lüdke propagandistisch ausschlachten will, um das Eugenik-Gesetz der Nazis zu rechtfertigen – und selbst damit zu profilieren. Bis er von oberster Stelle zurückgepfiffen wird, weil es peinlich für den NS-Staat wäre, dass ein Serienmörder seit 1933, seit der Machtübernahme der Nazis, unerkannt sein Unwesen trieb. Stattdessen wird ein unschuldiges Bauernopfer verurteilt, der wahre Täter heimlich liquidiert, und der Kommissar, der die Wahrheit ans Licht brachte, an die Ostfront, in den sicheren Tod, geschickt.

Der Serienmörder ist nur ein kleines Rädchen zwischen den Massenmördern

Ein düsteres Drama, das Siodmak denn auch Noir-typisch mit langen Schatten und harten Schwarzweißkontrasten inszenierte. Dafür gab es keine Schwarzweiß-Zeichnung in den Figuren, wie sie in den anderen Nazi-Dramen des 50er-Jahre-Kinos nur allzu gängig war. Dafür aber lauter Grauzonen: Der SS-Mann (Hannes Messemer) ist keinesfalls so mächtig, wie er es die anderen glauben lässt, der Parteifunktionär (Werner Peters), der schließlich geopfert wird, bloß ein schmieriger Schwächling. Selbst der aufrechte Kommissar, der sich von den Nazis distanziert, ist nicht ganz gefeit gegen die Vorzüge von Privilegien und Kollaboration. Der Serienmörder ist in diesem Schattenspiel nur ein kleines Rädchen zwischen den Massenmördern in der Politik.

Nachts wenn der Teufel kam
Regisseur Robert Siodmak (l.) mit seinem Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten. © picture alliance/United Archives | Kindermann

Robert Siodmak war Mitte der 50er-Jahre nach Europa zurückgekehrt. Und gab mit „Die Ratten“ 1955 ein spektakuläres Comeback. Sein ambitioniertes „Teufel“-Projekt besetzte er mit Stars wie Messemer, Holm und Annemarie Düringer. Für die eigentliche Hauptrolle aber setzte er auf einen Schauspieler, der sich im Kino in ersten Nebenrollen eingeprägt hat. Siodmak kannte ihn aber nicht dadurch. Er hatte ihn schon bei seinem Bühnendebüt erlebt, 1954 in „Meuterei auf der Caine“ in den Münchner Kammerspielen.

Viele glaubten nach dem Film, Adorf sei ein gebürtiger Berliner

„Mario Adorf hatte kein Wort zu sprechen“, erinnerte sich der Regisseur in seinen Memoiren „Zwischen Berlin und Hollywood“: „Er saß auf der rechten Bühnenseite als Stenograf und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit. Das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität, dass er mir – und wahrscheinlich nicht nur mir allein – auffiel und ich mich bereits damals entschloss, ihn eines Tages zu besetzen.“

Für „Nachts, wenn der Teufel kam“ engagierte er ihn dann vom Fleck weg. Adorf tat dann alles, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Blondierte sich das Haar, um auszusehen wie Lüdke. Und las sich alles über diesen Fall an. Werner Jörg Lüddecke hat sein Drehbuch nur auf einer Artikelserie über den „größten Massenmord der deutschen Kriminalgeschichte“ aufgebaut, die 1956 in der „Münchner Illustrierten“ erschien, ohne selbst weiter zu recherchieren. Adorf dagegen studierte auch die originalen Polizeiakten, die ihm aus Ost-Berlin zugespielt wurden. Und eine Tonaufnahme von Lübkes Stimme, um dessen Tonfall zu imitieren – und den Berliner Jargon.

Nachts wenn der Teufel kam
Der Kommissar (Claus Holm, r.) und der SS-Oberst (Hannes Messemer). © picture alliance/United Archives | Kindermann

Viele glaubten danach, Adorf sei Berliner, dabei war er davor erst einmal in der Stadt gewesen, für ein Gastspiel der Kammerspiele. Seinen Lüdke legte Adorf bewusst nicht als einen Mörder, sondern als einen Kranken an. Und überraschte Siodmak immer wieder mit Detailwissen und Ideen, die man einbauen könnte. So entstand diese unheimliche und unheimlich gute Performance eher am Drehbuch vorbei, durch Adorfs Improvisationen und Siodmaks Unterstützung.

Der Erfolg war überwältigend. Was umso überraschender war, weil „Opas Kino“, wie Kritiker den 50er-Jahre-Film einmal geißeln sollten, selten brisante Stoffe aufarbeitete, und erst recht nicht derart realistisch. Aber der „Teufel“ machte Kasse. Und Preise. Beim Deutschen Filmpreis 1958, der damals noch Bundesfilmpreis hieß, sahnte der Film gleich zehn Trophäen ab. Darunter die Goldene Schale für den besten Film, aber auch den Sonderpreis für den „besten Spielfilm mit besonderem staatspolitischem Gehalt“. Weiter gab es Filmbänder für Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, gleich drei Schauspielauszeichnungen. Das Filmband in Gold für den besten Nachwuchsdarsteller ging an Mario Adorf. Und noch im selben Jahr wurde der Film für den Auslands-Oscar nominiert.

Stolperstein für Bruno Lüdke
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) und Mario Adorf, Schauspieler, legen nach der Verlegung eines Stolpersteins für NS-Opfer Bruno Lüdke Blumen nieder.© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen

Ein Triumph, der Adorfs Karriere beflügelte. Und auf den der Schauspieler lange stolz war. Bis eine langjährige Forschung ergab, dass Lüdke keineswegs ein Täter war, sondern ein Opfer, das von den Nazis zur Bestie stilisiert wurde. Was auch in der jungen Bundesrepublik weiter kolportiert und in der „Münchner Illustrirten“ sensationslüstern aufgebauscht wurde, ohne die Fakten zu überprüfen. Auch der Drehbuchautor Lüddecke hatte das nicht getan. Dass Adorf unwissentlich an dieser falschen Legende mitgewirkt hatte, hat ihn getroffen.

„Darauf kann ich nicht stolz sein“, bekannte er uns noch zu seinem 90. Geburtstag: „Ich habe einen Menschen, der wirklich gelebt hat, zu einem ganz schlimmen Bild verholfen. Das geht mir sehr nach. Heute sehe ich nicht mehr, ob ich das toll gespielt habe, ich sehe nur noch diesen armen Kerl.“ Adorf nutzte seine Popularität aber, um eine öffentliche Rehabilitation zu erreichen. Hat mit angeregt, Bruno Lüdke als NS-Opfer einen Stolperstein in Köpenick zu widmen. Und hat diesen im August 2021 zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeweiht.

Zoo Palast, 2. Juni, 20 Uhr, in Anwesenheit von Dr. Torsten Musial von der Akademie der Künste. Tickets gibt es hier.