„Polaris“ heißt das Projekt, das Regisseur Jan-Christoph Gockel zusammen mit dem Dokumentarfilmer Lion Bischof und den Schauspielern Julia Gräfner und Wolfram Koch entwickelt hat. Es ist in großen Teilen in der Antarktis entstanden, wird am 16. Mai bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt und ist ab dem 5. Juni am Deutschen Theater zu sehen.

Herr Koch, wie lange waren Sie in der Antarktis?

Wolfram Koch: Die ganze Reise dauerte etwa dreieinhalb Wochen. Es war lange Zeit unklar, ob es überhaupt klappen würde. Wir haben uns beim Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven um eine Förderung beworben. Einmal im Jahr gibt es hier für Nicht-Wissenschaftler:innen die Möglichkeit, diese Reise mit ihrer Unterstützung anzutreten. Als die Zusage kam, war ich erst fassungslos. Dann habe ich gefragt: Wann geht’s los? Die Antarktis ist wie ein fremder Planet, man kommt eigentlich nicht dorthin. Ich habe mich unheimlich gefreut.

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Wie kann die Idee zustande?

Ausgangspunkt ist ein Kriminalfall, der vor knapp zehn Jahren auf der russischen Bellinghausen-Station passiert ist. Da konnten sich zwei Techniker nicht besonders gut leiden, und der eine hat dem anderen immer das Ende von Büchern verraten. Beide waren sogenannte „Überwinterer“, lebten also viele Monate am Stück auf der Station. Weil die Zündschnur in dieser Zeit des Aufeinanderhockens sehr kurz wird, hat der eine dem anderen ein Messer ins Herz gerammt. Aber der hat überlebt. Er ist schnell auf‘s Flugfeld gegangen, konnte gerettet werden und lebt mittlerweile in St. Petersburg.

Und der Täter?

Der ist mit fünf Monaten Gefängnis davongekommen. Jan-Christoph Gockel hat jemanden gefunden, der die beiden in Russland ausfindig machen konnte. Auf den Interviews basieren Teile der Inszenierung. Julia Gräfner und ich haben versucht, diese beiden in unserer Version der Geschichte zu spielen. Julia Gräfner ist neu auf der Station und spoilert. Ich bin ein Veteran und morde.

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Es ist aber nicht nur die Geschichte eines Lagerkollers. Sie haben in der Antarktis auch selbst Theater gespielt.

Man muss das ein wenig sortieren. Die Überwinterer, also die Personen, die für fast 14 Monate auf der Station sein werden, waren zunächst hier in Berlin, weil sie sich unter anderem bei einem Neurologen der Charité regelmäßigen Checks unterziehen müssen. Das ist nötig, weil einige Bereiche des Gehirns in der Antarktis schrumpfen. Es gibt dort keine Stressgeräusche, kaum Ablenkung, nur diese weiße Wüste. Da schaltet das Gehirn bestimmte Areale auf Stand-by.

Im Rahmen dieses Besuchs waren die beiden auch bei Ihnen am Deutschen Theater.

Sie haben sich eine Theateraufführung von uns angesehen, „Hospital der Geister“, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie wir arbeiten. Jan-Christoph Gockel hat gefragt, welche Kostüme sie sich für ein Stück in der Antarktis wünschen würden. Die Antworten waren ganz unterschiedlich. Ein Oktopus war zum Beispiel dabei. Jemand wünschte sich ein Baumkostüm, weil er aus der Steiermark kommt und in der Antarktis die Bäume vermisst. Eisbärenkostüme waren auch dabei, was natürlich irre ist, weil es am Südpol keine Eisbären gibt. Auch ein Astronauten-Outfit. Das haben wir alles eingepackt.

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Wie haben Sie sich sonst auf die Reise vorbereitet?

Es gibt einen strengen medizinischen Check: Augen, Ohren, Zähne, alles Mögliche. Vor Ort darf nichts passieren. Wir sind dann von Oslo aus nach Kapstadt geflogen. Von dort dauert es noch einmal sechs Stunden, bis man an der norwegischen Forschungsstation Troll angekommen ist. Um zur Neumayer-Station zu kommen, geht es dann mit Rosinenbombern weiter.

Mit Rosinenbombern?

Baujahr 1943. Die Dinger fliegen da unten noch und kommen gut mit der Witterung klar, weil sie keine Bordelektronik haben, nur Elektrik. In der Luft wird es sehr schnell sehr kalt. Die Flugzeuge landen auch auf Kufen statt auf Rädern. Und dann waren wir in dieser weißen Wüste, die deutlich größer als Europa ist. Allein Deutschland würde da circa 33-mal reinpassen. Gleich nach der Ankunft mussten wir ein Fass Benzin für eine schwedische Expedition an vereinbarten GPS-Koordinaten deponieren. Wir sind dafür vier Stunden durch die Gegend gefahren und haben dann irgendwo in der Pampa das Fass abgestellt. Die Schweden haben das Fass gefunden und mitgenommen, Auftrag erfüllt. Man lernt dort unten sehr schnell, dass der Mensch in der Antarktis eigentlich nichts verloren hat. Es ist toll, dass es die Forschung gibt, aber die Natur ist gewaltig und unfassbar schön und unerklärlich.

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Wie haben Sie das Personal auf der Station erlebt?

Das sind großartige Menschen. Wir wussten: Das ist ein eingespieltes Team, das funktionieren muss. Sie waren zunächst etwas skeptisch, weil Lion Bischof für uns dort filmte und sozusagen immer um uns herum war. Jan‑Christoph Gockel ist aber ein sehr guter Teamarbeiter. Wir haben genau geschaut, wo wir mitmachen können, wo wir nicht stören.

Polaris
Julia Gräfner und Wolfram Koch an der Neumayer-Station. © . | Lion Bischof

Und dann haben Sie zusammen mit der Besatzung ein Stück erarbeitet.

Immer, wenn es die Zeit zuließ, haben wir mit ihnen geprobt, aber das waren nicht wirklich viele Proben. Es war die erste Theateraufführung auf der Neumayer-Station überhaupt. Bei der Premiere sind alle über sich hinausgewachsen, das war ein magischer Moment. Da saßen Wissenschaftler, Techniker, 34 Leute waren verzaubert. Da ging es auf einmal zusammen: Wissenschaft und Kunst.

Was hat Sie an der Antarktis besonders fasziniert?

Die Weite. Es war immer hell. Nachts saß ich stundenlang am Fenster und habe rausgesehen. Die Weite hat mich ruhig gemacht, sehr ruhig. Einmal sind wir mit Schlitten bis fast an die Schelfeiskante gefahren; dort sieht man die Eisberge vorüberziehen. Die schillern in allen Farben, Pinguine hüpfen herum, alle paar Sekunden ändert sich das Licht. Die Antarktis, so fremd sie war, hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. Uns hat – Sie sehen es am Stücktitel – natürlich auch Stanisław Lem interessiert, der in „Solaris“ von Einsamkeit erzählt. Auch von ihm haben wir uns inspirieren lassen.

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Es gibt auch eine politische Dimension.

Die Antarktis ist in gewisser Hinsicht eine Wirklichkeit gewordene Utopie. Ein Kontinent, der keinem Staat gehört; niemand darf dort Rohstoffe abbauen. Der Antarktis-Vertrag besagt, dass dort nur Forschung betrieben werden darf, sonst nichts. Jede Forschungsstation muss bis zur letzten Schraube wieder abbaubar sein. Der anfallende Klärschlamm wird nach Kapstadt ausgeflogen. Uns hat interessiert, wie gut dort noch menschliche Kooperation funktioniert – während auf der anderen Seite der Weltkugel der US-Präsident bizarre Ansprüche auf Grönland erfindet.

Wie bringen Sie Ihre Eindrücke nun auf die Bühne?

Mit einem reinweißen Bühnenbild, auf das auch Bilder und Aufnahmen projiziert werden. Wir können die Erwartungen der Leute an einen Ort, an dem sie nie waren, wahrscheinlich nicht zur Gänze erfüllen. Aber wir können ein Gefühl davon vermitteln und sie mitnehmen auf unsere Reise.

Zack
Wolfram Koch ist am 19. Mai auch in „Zack. Eine Sinfonie“ zu sehen. © . | Astrid Karger

Wenn Sie noch einmal hinfahren würden: Welches Buch würden Sie mitnehmen?

Es gibt da bereits sehr viele Bücher. Es gibt eine Bibliothek in der Station, außerhalb gibt es aber auch „Die Bibliothek im Eis“, die der Künstler Lutz Fritsch vor 15 Jahren dort installiert hat. Die ist großartig. Sie sitzen in einem Container und sehen hinaus ins ewige Eis, und darin stehen 1000 Bücher in Kirschholzregalen mit persönlichen Widmungen der Menschen, die sie gestiftet haben. Wenn ich noch eins hinzufügen sollte, dann wäre es „The Sheltering Sky“ von Paul Bowles.

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Ein Roman, der von einem New Yorker Paar erzählt, das es in die nordafrikanische Wüste verschlägt.

Das passt dort sehr gut.


Am 19. Mai (20 Uhr) ist Wolfram Koch außerdem in „Zack. Eine Sinfonie“ von Daniil Charms zu sehen (Regie: Jakob Fedler). Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Informationen: deutschestheater.de.