Er nannte es später „Pubertätsschlamm“ oder „dieses blöde Bild“, als handele es sich um ein ungeliebtes Kind. Und doch verdankte er dem verstörenden Kunstwerk einen großen Teil seiner frühen Bekanntheit. „Die große Nacht im Eimer“ heißt das Ölgemälde mit den Maßen 250 x 150 Zentimeter, das Georg Baselitz 1963 in Berlin präsentierte – in der ersten Ausstellung der Galerie „Werner & Katz“, soeben eröffnet von Michael Werner und Benjamin Katz am Kurfürstendamm. Es zeigte einen seltsam deformierten Jungen mit überdimensionalem Penis, der vor schmutzig verwischtem Hintergrund mit grimmigem Ehrgeiz masturbiert.

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Das war selbst für die weltoffene Kunstklientel West-Berlins jener Zeit etwas viel. Der Skandal, der sich an dem Werk entzündete, wird heute in mehreren Versionen erzählt. In der einen, die in zahllosen Texten über Baselitz und seine Arbeit wiederholt wurde, ließ die Staatsanwaltschaft „Die große Nacht im Eimer“ mitsamt einem weiteren Bild konfiszieren. In der anderen geschah dasselbe, nur ging der Aktion, darauf hat die Kunsthistorikerin Julia Voss hingewiesen, wohl ein gezielt lancierter Artikel aus dem Umfeld der Galerie voraus – der die Behörden überhaupt erst wach werden ließ. Wie auch immer es gewesen sein mag: Es lässt sich kaum bestreiten, dass Georg Baselitz, der sich zeitlebens variantenreich als Rebell im Kunstbetrieb beschrieb, die Mechanismen desselben früh durchschaut hatte und für sich zu nutzen verstand.

Georg Baselitz
Georg Baselitz vor seinem Bild „Die große Nacht im Eimer“, das 1963 in Berlin zu einem Kunst-Skandal führte. © picture alliance / SCHROEWIG/Eva Oertwig | SCHROEWIG/Eva Oertwig

Als die eines Außenseiters kann man seine Karriere jedenfalls kaum beschreiben, auch wenn sie nicht frei war von anfänglichen Startschwierigkeiten. Geboren 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen und später künstlernamensgebenden Deutschbaselitz, begann er 1956 ein Studium der Malerei an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, die er alsbald wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ verlassen musste. In West-Berlin setzte er sein Studium an der Hochschule der bildenden Künste fort. Auf den Skandal vom Kurfürstendamm, der fortan zur Baselitz-Folklore zählte, folgten gut dotierte Stipendien, darunter 1965 in der Villa Romana in Florenz, nach zahlreichen Galeriepräsentationen 1970 die erste Einzelausstellung und 1972 die Teilnahme an der Documenta 5.

Er nahm entschlossen zwischen den Stühlen Platz

Dieser Aufstieg lag natürlich nicht nur am Selbstmarketing oder am geschickten Navigieren in Netzwerken. Mit Baselitz’ Bildern war eine neue Nuance in die deutsche Kunst der Nachkriegszeit gekommen. Während im Osten die verordnete Arbeiterromantik des sozialistischen Realismus Ton angab, galt das Figurative in der Bundesrepublik als ästhetisch verdächtig, die Spielarten des Abstrakten wurden tonangebend. Mit einer Ästhetik des Versehrten, die gern auch den Schmutz des Atelierbodens in die Farbpalette mischte, setzte sich Baselitz entschlossen zwischen die Stühle. Mit ihm betraten die Dämonen des Krieges erneut die Leinwände, in verrenkten Körpern, scharfen Kanten und hässlichen Fratzen.

Georg Baselitz in seinem Atelier in Schloss Derneburg, 2006.
Georg Baselitz in seinem Atelier in Schloss Derneburg, 2006.© Wolfgang Stahr/laif | Wolfgang Stahr/laif

Von pazifistischer Agitation blieb diese Kunst dennoch weit entfernt. Mochten sie auch das Beschädigte thematisieren, so beschäftigten sich seine Bilder doch immer auch mit der Malerei selbst. Die zentrale Zäsur seines künstlerischen Schaffens – die Entscheidung, seine Motive auf den Kopf zu stellen – verdankte sich dem Wunsch, den Blick des Betrachters vom Motiv zu lösen und ihn auf die Darstellung selbst zu lenken. Selbst gegenständliche Malerei war so wieder als Arrangement von Pigmenten auf einer Leinwand erfahrbar: Der Kunstgriff hatte etwas Revolutionäres – auch wenn er über die Jahrzehnte zu einem etwas nervtötenden Markenzeichen werden sollte.

Doch zunächst war er neu und aufregend, und dabei blieb oft unbemerkt, wie tief und gut informiert sich Baselitz auch mit seinen Vorgängern auseinandersetzte, wie er Kunst über Kunst produzierte. Es war kein Zufall, dass Baselitz für das erste dieser Motive das Bild „Wermsdorfer Wald“ wählte, das der sächsische Maler Ferdinand von Rayski 1859 auf die Leinwand gebracht hatte. Sein „Wald auf dem Kopf“ von 1969, heute Bestandteil der Sammlung des Kölner Museums Ludwig, erzählt, wie auch seine strauchelnden Adlerfiguren, von deutschen Sehnsuchtssymbolen – und von seiner Heimat, die er zwar als junger Mann verließ, sie aber nicht ihn.

Donnerstag

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Baselitz wurde zum Exponenten eines Künstlerfürstentums, für das die alte Bundesrepublik noch ein paar Ehrenplätze reservierte und das heute genauso vergangen zu sein scheint wie die große Unterhaltungsshow am Samstagabend. Er kaufte sich 1975 das Schloss Derneburg südlich von Hildesheim, in dessen Schlosspark er 1995 ein großes Ateliergebäude bauen ließ. Seine Auktionserlöse landeten zuverlässig im Millionenbereich, hinter Gerhard Richter avancierte Baselitz zum zweitteuersten deutschen Künstler, der auch Kanzler Gerhard Schröder einen seiner stürzenden Adler zur Verfügung stellte.

Nun ist er, wie die Salzburger Galerie des Ehrenösterreichers am Donnerstag mitteilte, im Alter von 88 Jahren gestorben. Was bleibt, sind nicht nur seine Provokationen, die auch den groben Unfug nicht scheuten (wie etwa die Behauptung, Frauen könnten nicht gut malen), sondern vor allem ein reiches, vielstimmiges Werk. Die rohen Skulpturen, die Baselitz ab den späten 1970er-Jahren mit der Kettensäge aus ganzen Bäumen herauszulösen begann und die sich vor den wilden Formfindungen des Expressionismus verneigten, sind noch heute von einer ungebrochen ansteckenden Energie. Und seine Bilder, die nicht nur düstere Seelenwinkel kartierten, sondern auch zupackend, farbig und zuversichtlich sein konnten: ein faszinierendes Tagebuch des 20. Jahrhunderts.