Drei Jahre war es im Depot, jetzt ist Ernst Ludwig Kirchners berühmtes Gemälde „Potsdamer Platz“ wieder aufgetaucht. Zwar nicht über der Erde, aber für alle zugänglich im Bauch der Neuen Nationalgalerie. Das zwei Meter hohe Ölbild von 1914 wirkt größer als in der Erinnerung, denn diesmal hängt es als Solitär an einer mittigen Wand gleich am Eingang der neuen Ausstellung „Ruin und Rausch“, die am Wochenende eröffnet wird.

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Damit entführen die Kuratorinnen Uta Caspary und Irina Hiebert Grun direkt in die Welt von „Babylon Berlin“, die Zeit zwischen 1910 und 1930, als Berlin zu den größten und am schnellsten gewachsenen Millionenstädten der Welt gehörte, mit all den Gegensätzen, die damit einhergingen: Glanz, Dynamik, Aufbruch und Emanzipation auf der einen Seite, Elend, Armut, Radikalisierung und Kriegsschrecken auf der anderen.

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Zwei elegante Damen, die für den heutigen Blick nicht als Kokotten – wie damals in Berlin die Prostituierten hießen – zu identifizieren sind, posieren auf hohen Stöckelschuhen auf einer Verkehrsinsel am Potsdamer Platz. Auf den Krieg verweist der schwarze Schleier, den eine der beiden trägt und den Kirchner erst nach 1914 hinzugefügt hat. Einerseits Mode, weil sich die Frauen mit den Soldaten solidarisierten, andererseits bittere Realität, weil sich verarmte Kriegswitwen prostituieren mussten. Die beiden schauen in verschiedene Richtungen und wirken wie Ausstellungsstücke auf einem Drehteller: käufliche Ware. Die Gesichter sind hinter einer blasiert-arroganten Maske verborgen, die sie aber nicht vollkommen entindividualisiert. Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling und ihre Schwester Gerda, beide arbeiteten damals als Nachtclubtänzerinnen, standen Modell.

Der Bahnhof ist zentral im Hintergrund zu erkennen, links das Haus Potsdam mit dem Piccadilly Café, rechts das Bierhaus Siechen. Alle drei Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Weitere Menschen, uniform in Blau und Rosa gekleidet, schleichen, deutlich zurückgesetzt, an Hauseingängen entlang oder huschen zackig über die Straßen. Wie die Damen im Vordergrund begegnen sie sich nicht wirklich, sondern rauschen aneinander vorbei. Sie stehen symbolisch für die Anonymität der Großstadt.

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Nur der Verkehr im sonst umtosten chaotischen Zentrum der Stadt scheint stillzustehen. Die Uhr am Bahnhof zeigt auf die Zwölf, der Himmel ist schwarz, Mitternacht. Unterwegs sind nur mehr lichtscheue Gestalten. Der spitze Winkel im Vordergrund sticht aggressiv in die Stadt, der Boden ist grün, als wäre er krank.

Das Gemälde war lange Zeit in Privatbesitz, seit 1988 ist es in der Neuen Nationalgalerie, 1999 wurde es angekauft. Zuletzt war es ein zentrales Werk der Überblicksschau „Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945“. Es gehört zu einer Serie von „Straßenszenen“, die zwischen 1913 und 1914 entstanden. Die Nationalgalerie besitzt insgesamt 17 Gemälde des Expressionisten. Es wären mehr, wenn der Nationalsozialismus Kirchner nicht aussortiert hätte. Er starb 1938 in der Schweiz durch Selbstmord.