Sie sind nie zu sehen, aber ständig zu hören. Es brummt von oben, die Menschen schauen immer wieder in den Himmel. Oder beobachten die Flieger vom Balkon aus mit Fernglas. Und ein Lautsprecherwagen wiederholt die Durchsage, Ruhe zu bewahren, es bestehe keine Kriegsgefahr. Der Film „Engel aus Eisen“ aus dem Jahr 1981 spielt 1948, während der Berlin-Blockade durch sowjetische Truppen, auf die die westlichen Alliierten mit einer nie dagewesenen Luftbrücke reagieren.

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Doch nicht darauf fokussiert der Film. Sondern auf die Anarchie eines Sommers im Ausnahmezustand. Als die West-Berliner Polizei mit dem Ablauf der Luftbrücke genug zu tun hatte. Die Strafverfolgung ruht. Und eine Bande junger Krimineller um den erst 17-jährigen Werner Gladow macht sich das zunutze. Schon auf dem Schwarzmarkt drehen sie krumme Dinger. Aber zu ihren großen Untaten werden sie erst angestiftet durch den Justizbeamten Gustav Völpel (Hilmar Thate): jetzt, „wo auch am Himmel der Teufel los ist“.

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Als der Dramatiker Thomas Brasch 1976 mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna in den Westen umsiedelte, wurde er als Dissident und Rebell gegen die DDR gefeiert. Seine Memoiren sollte er schreiben. Seine Geschichte wollte Brasch nie erzählen, eine stattliche Vorauszahlung dafür nahm er trotzdem an. Und verwendete sie zur Überraschung aller für seinen ersten Film. Für den er nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern auch Regie führte. Und das so selbstsicher, als habe er nie etwas anderes getan. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt, ist diese Produktion aus dem Jahr 1981 noch einmal zu entdecken.

Ein Regiedebüt voller starker, expressiver Kinobilder

Seine Geschichte bannt Brasch in starke, expressive, kontrastreiche Schwarzweißaufnahmen. Und knüpfte damit an das Weimarer Kino der 20er-Jahre an. Und an den Film Noir der 40er in Hollywood, der maßgeblich geprägt wurde von deutschen Regisseuren, die vor den Nazis hatten fliehen müssen. Es gibt in „Engel aus Eisen“ keine Stadtansichten, keine Kameratotalen, die eine Orientierung erlauben, nur graue Häuser, Hinterhöfe und Mauern voller Einschusslöcher. Wie nebenbei rücken Trümmerfrauen und Schuttberge ins Bild. Und Schulhöfe werden offen für den Schwarzmarkt genutzt, während die Kinder in der Hofpause spielen.

Engel aus Eisen
Werner Gladow (Ulrich Wesselmann) und seine „Krawattenbande“. © © Deutsche Kinemathek | Vietinghoff Filmproduktion

Die Stadt liegt in Trümmern, die Seelen auch. Gladows Vater verlässt, seit er aus der Kriegsgefangenschaft zurück ist, sein Bett nicht mehr, Gladows Mutter (Karin Baal) verdient Geld, indem sie sich als Medium für die Kriegstoten ausgibt. Die Elterngeneration: keine Vorbilder für die jungen Leute, die im Krieg groß geworden sind. Auch Völpel ist ein Getriebener. Nach dem Krieg war er Scharfrichter. Und hat doch nicht alle richten können, die ihn, wie so viele andere, denunziert und ins KZ gebracht haben. Er begnügt sich nicht, wie Gladow, damit, Banken und Unternehmen auszunehmen. Er will den kleinen Mann treffen, die vielen Mitläufer, die die Nazis erst möglich machten. Eine unheilvolle Allianz. Und auch ein Generationen-Konflikt zwischen einem jungen Rebellen, der sich in Gangsterposen gefällt, und dem alten, zynischen, desillusionierten Henker.

Hauptrolle Berlin
Logo Hauptrolle Berlin für Zeitungsdruck.© BM | bm

Die Gladow-Bande gab es wirklich. Und hat es zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Die Westpolizei feierte sie, wenn sie Volkspolizisten überfiel und deren Waffen raubte. Waren aber machtlos, wenn sie die Bande nur bis an die Sektorengrenze verfolgen konnten. Die Räuber kaschierten sich nicht, sondern trugen markante weiße Krawatten, quasi als Erkennungszeichen. Auch wenn sie im Film mal gestreift, mal gepunktet sind. Und ihr Bandenchef geriert sich als Jung-Capone, den nichts aufhalten kann. Nur sein eigener Größenwahn.

Todesurteile im Berliner Gladow-Prozess
Eine Aufnahme von 1950: Die Gladow-Bande vor Gericht. Dritter von rechts: Werner Gladow.© picture alliance / dpa | dpa

Die Rolle des Völpel besetzte Brasch mit Hilmar Thate, der ebenfalls aus der DDR ausgesiedelt war, Gladows Geliebte Liss Gabler mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach. Auch Anna Thalbach hat hier, gerade mal sieben Jahre alt, einen großen Auftritt. Daneben spielten West-Stars wie Karin Baal, Ilse Pagé und Kurt Raab. Die Neuentdeckung war der Schauspielschüler Ulrich Wessselmann als Gladow, damals gerade 20 Jahre. Die Szene, in der er sich, nur zum Spaß, unter Goedels Fallbeil legt, ist makaber. Erst recht, wenn man weiß, dass er 12 Jahre später Selbstmord beging.

Brasch tritt auch selbst auf: als blinder Leierkastenmann

Brasch besetzte aber auch den Theaterschauspieler und späteren Dramatiker Klaus Pohl als Gangster, und den Theaterregisseur Jürgen Flimm als Westkommissar. Brasch leistete sich auch selbst einen Cameo-Auftritt, als blinder Leierkastenmann. Was für ein Bild: Der Regisseur ein Blinder, der nicht an der Kamera kurbelt, sondern an einer Drehorgel. Eine Musik, die aber immer mal wieder dudelt, wenn der Flugzeuglärm verstummt. Und die grimmige Geschichte zur Moritat macht.

Engel aus Eisen
Eine Art Vater-Sohn-Konflikt: Der Gangster und der Henker. © © Deutsche Kinemathek | Vietinghoff Filmproduktion

Man konnte den Film durchaus interpretieren als Kritik an den Sowjets und als trotzige Selbstbehauptung gegen ihre Blockadepolitik. Man konnte ihn freilich auch als Nestbeschmutzung sehen. Brasch ließ sich nie vereinnahmen, wollte auch im Westen nicht als Opfer der DDR, vom eigenen Vater ins Gefängnis gebracht, vermarktet werden. Und überraschte mit diesem Halbstarkenfilm. Während in einer Montagesequenz mehrere Überfälle der Gladow-Bande aneinandergereiht werden, erschallt dabei, absichtsvoll hallend, Ernst Reuters berühmte Rede „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, wo der damalige Regierende Bürgermeister seine Stadt als „Vorposten der Freiheit“ bezeichnet. Von Freiheit ist hier nichts zu sehen, die Stadt wird nur verkommen und degeneriert gezeigt.

Ein Spiegelbild zu den rebellierenden Punks der Gegenwart

Wiewohl der Film klar im Jahr 1948 spielt, tragen die Schauspieler Kleidung und Frisuren der Gegenwart. Eine bloß historische Geschichte hätte Brasch nicht interessiert. Die kriminelle Nachkriegsjugend der zerrissenen „Frontstadt“ ist hier auch ein Spiegel für die rebellierende Punk-Generation um 1980. „Die Kriminalität“, so meinte Brasch kurz nach dem Film, „ist der urwüchsigste Ausdruck der Auflehnung.“

Katharina Thalbach
Katharina Thalbach und Thomas Brasch 1981 beim Filmfestival Cannes, auf der Pressekonferenz zu ihrem Film.© picture alliance / Sammlung Richter | Sammlung Richter

Sein Kinodebüt war eine Sensation. Wurde 1981 gleich auf die Filmfestspiele von Cannes eingeladen (was deutschen Filmen bekanntlich nicht oft vergönnt ist). Und Brasch wurde beim Bayerischen Filmpreis mit dem mit 50.000 DM dotierten Preis für die Erstlingsregie ausgezeichnet. Bei der Verleihung kam es indes zum Eklat. Weil der Preisträger sich nicht, wie man sich das wohl erhofft hatte, kritisch über die DDR äußerte, sondern sich im Gegenteil ausdrücklich bei der dortigen Filmhochschule für seine Ausbildung bedankte. Den Preis konnte man ihm nicht mehr aberkennen, sein Hotelzimmer musste er danach aber selbst bezahlen.

Im November jährt sich der Tod Thomas Braschs zum 25. Mal. Aus diesem Anlass zeigen wir nun noch einmal diesen Film, mit dem sich der große Dramatiker und Lyriker auch als großer Filmemacher bewies. Der aber leider nur noch drei weitere Filme drehen sollte.


Zoo Palast, 7. April, 20 Uhr in Anwesenheit der Hauptdarstellerin Katharina Thalbach. Karten können Sie hier bestellen.