Heute einen Hit schreiben! Immer wieder setzt sich der Möchtegern-Rapper Toni (Anton Schneider) hin, um endlich den Song zu schreiben, der ihn bekannt machen soll. Aber immer wieder kommt ihm in der Serie „Kacken an der Havel“ – Running Gag – etwas dazwischen. Etwa der wahrlich absurde Tod seiner Mutter. Deshalb muss er zurück in sein Heimatdorf in Brandenburg, das am, pardon, Arsch der Heide liegt und auch noch sehr lautmalerisch Kacken heißt. Netz gibt es hier keins, eine Zukunft auch nicht. Vor 14 Jahren ist er von hier geflohen, um im fernen Berlin sein Glück zu machen.

Ein Loser muss zurück zu jenen, die er einst verlassen hat

Jetzt kehrt er als Loser zurück. Die Nachricht vom Tod der Mutter erreicht ihn ausgerechnet bei einer Amateur-Rap-Battle. Das bringt ihn erst mal aus dem Konzept, aber dann rappt er spontan all seinen Schmerz und seine Verwirrung aus sich raus. Die Managerin (Taneshia Abt) eines großen Berliner Musik-Labels kriegt das mit. Folgt ihm und knattert dann mit einem Hubschrauber mitten in die stille Einöde hinein. Und fordert Toni dringlich auf, ihr bald ein paar Songs in Berlin zu unterbreiten.

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Das Problem ist nur: Toni hat schon viele Songs angefangen, aber noch keinen zu Ende gebracht. Jetzt, unter diesem Zeitdruck, kriegt er erst mal eine Schreibblockade. Dann ist da noch seine schräge Familie, die ihn ständig ablenkt. Seine Schwester Nancy (Jördis Triebel) etwa, die patente Polizistin des winzigen Orts. Oder Johnny Carrera (Dimitrij Schaad), der zweite Mann seiner Mutter, der jünger ist als Toni selbst und wie eine Klette an ihm hängt. Da ist aber vor allem ein 14-Jähriger namens Charly (Sky Arndt), der behauptet, Tonis Sohn zu sein. Und Vaterpflichten einklagt, zumal die Mutti gerade abgehauen ist.

Hier wird mit Lust das Mittelmaß deutscher Komödien durchgerüttelt

Heute einen Hit schreiben! Das mögen sich auch die Brüder Schaad gesagt haben: Dimitrij Schaad, der Schaubühnen-Mime, der auch im Kino („Die Känguru-Chroniken“) und in Netflix-Serien („Kleo“) erfolgreich ist. Und sein Bruder, der Regisseur Alex Schaad. Gemeinsam haben sie den schönen Kinofilm „Aus meiner Haut“ entwickelt, eine Body-Switch-Komödie über Geschlechter- und Rollenbilder. Die wurde 2022 sogar von den Filmfestspielen Venedig eingeladen. Aber in den heimischen Kinos ist sie leider eher durchgefallen. Das kratzt am Ego. Deshalb haben die beiden Brüder wohl die Variante „Something totally different“ gewählt. Um mal richtig auf die Kacke zu hauen. Und die auch gleich schön zotig in den Titel zu hieven. Immer wieder wird das Ortsschild ins Bild gerückt. Der Fäkalname allein reicht nicht. Da muss auch noch ein Vogelschiss drauf fallen.

Bewundernswerte Selbstironie: Veronica Ferres als diktatorische Bürgermeisterin. © COURTESY OF NETFLIX | Anika Molnár

Es gibt natürlich keine echte Gemeinde dieses Namens in Brandenburg. Wer würde schon in einem Ort mit diesem Namen wohnen wollen? Alles fiktiv, alles Spaß in dieser Provinzposse. Der Ort ist so klein, dass das Polizeirevier zugleich ein Kosmetiksalon ist. Hier fliegen Tumbleweeds, also Steppenläufer, durchs Bild. Wie im amerikanischen Western. Und wie in Leander Haußmanns „Sonnenallee“, der auch schon mal vom Wilden Osten erzählte. Hier sprechen die Steppenläufer aber sogar. Und die Erzählerin (Runa Grainer) der neunteiligen Serie ist – ein Entenküken namens Tupac, dessen Mutti Toni bei einem seiner vielen Fluchtversuche aus der öden Provinz überfährt.

Der Rapper Fatoni spielt hier eine Comicversion seiner selbst

Das animierte Federvieh erinnert wiederum an Rainer Matsutamis Filmkomödie „Nur über meine Leiche“ aus dem Jahr 1995. Da ging es um eine sprechende Pute. Auch Matsutami hat damals mit Lust das Mittelmaß deutscher Filmkomödien durchgeschüttelt. Die Schaads tun es nun vereint nach: Mit dem einen vor und dem anderen hinter der Kamera, beide haben die Serie entwickelt und die Drehbücher geschrieben. Wie schon bei den Kurzfilmen „Endling“ und „Invention of Trust“, für den Alex Schaad 2016 den Studenten-Oscar in Gold gewann. Und wie in „Aus meiner Haut“, ihrem ersten gemeinsamen Langfilm.

Kacken an der Havel
Spielt immer schön drüber: Dimitrij Schaad als Stiefvater Rocky Carrera. © Netflix | Anika Mólnar

Man hätte sich vorstellen können, dass Dimitrij Schaad auch gleich die Hauptrolle spielt. Aber nein, er begnügt sich mit dem Sidekick des klammernden Stiefvaters. Den Möchtegern-Rapper spielt Anton Schmidt, der unter dem Titel Fatoni tatsächlich ein erfolgreicher Rapper ist und mit diesem Toni eine Art Comicversion seiner selbst gibt. In der Fantasiestadt Kacken tummeln sich Stars wie Jördis Triebel, Vincent Redetzki als ehemals bester Freund Tonis, Ruth Reinecke, die als Mutti gleich stirbt, aber dann allen, noch ein Running Gag, immer mal wieder als Geist erscheint. Weitere Schwestern von Toni spielen die Zwillinge Sophia und Jana Münster, die man aus drei „Hanni und Nanni“-Filmen kennt. Und alle spielen immer schön drüber.

Nicht Stringenz ist hier angesagt, sondern: über die Stränge schlagen

Zudem gibt es illustre, schräge Gastauftritte von Schauspielkollegen Marc Hosemann, Matthias Brandt und Edin Hasanovic. Aber auch von Rappern wie Nura, Romano oder Danger Dan. Den Vogel schießt aber Veronica Ferres ab, die hier ebenfalls eine Comicversion ihrer selbst gibt: als Veronica Ferres, die in Wacken die diktatorische Bürgermeisterin ist, die hier von allen Plakaten lächelt, wegen der es in der Schule Veronica-Ferres-Kunde gibt und Kinder in der Schule Ferres-Treueparolen schwingen wie früher bei den Pionieren. Während sie selbst höchst eigennützige Ziele verfolgt. Hut ab, so viel Selbstironie kriegt nicht jeder hin.

Sky Arndt als Tonis verheimlichter Sohn Charly. © Netflix | Anika Mólnar

Ja, die Schaads sind mal ganz aus ihrer Haut gefahren. Und haben eine Comedy-Serie auf alles und jedes gemacht. Der Neunteiler platzt schier vor lauter Gags, auf Bild- wie auf Tonebene. Ein bissel Streaming-Kritik ist sogar auch dabei. Die eingeflogene Musikmanagerin erklärt einmal harsch, warum sie immer so kurz angebunden ist: „Meine Aufmerksamkeitsspanne ist durch Streamingdienste stark gestört“. Wozu dann auch der markante „Tudum“-Erkennungston von Netflix erklingt. Jener Plattform, die diese Serie produziert hat. Und damit auch Selbstironie zeigt.

Doch so grandios die Serie auch beginnt: Dieses Niveau hält sie auf Dauer nicht ganz durch. Die Teile zerfransen ein wenig, ein, zwei Folgen weniger hätten es vielleicht auch getan. Aber nicht Stringenz ist hier angesagt, sondern eben über die Stränge schlagen. Und das tun alle Beteiligten mit großer Lust und Hingabe.


„Kacken an der Havel“: Neun Folgen à 35 min., auf Netflix.