• „Das Verlangen“ ist der 97. Fall der Münchner Ermittler Udo Wachtveil und Miroslav Nemec.
  • Sie ermitteln diesmal in einem laufenden Theaterbetrieb – unter Schauspielern und Diven
  • Besetzung, Kritik, Schnellcheck: die wichtigsten Infos zum aktuellen Kult-Krimi.

Sie gehen bald in Rente. Wenn sie als erste „Tatort“-Ermittler die Rekordmarke von 100 Folgen geknackt haben. Aber bis das mit einer Doppelfolge gebührend feiert wird, wird den Münchner Kommissaren schon beim vorletzten Auftritt eine große Bühne bereitet. Und zwar buchstäblich: das Residenztheater, eines der angesagtesten Sprechtheater der Republik, von den Münchnern liebevoll „Resi“ genannt. Eine Schauspielerin ist hier mitten in einer Aufführung von Tschechows „Möwe“ tot zusammengebrochen. Vor dem entsetzten Publikum. Mit einer Überdosis Schmerzmittel im Magen.

Alle waren eifersüchtig. Und mordet man auch für Hauptrollen?

Auftritt von Felix Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), die nun ermitteln müssen, ob das ein Freitod war oder Mord. Sie platzen gleich in eine Krisensitzung des Hauses. Weil die Intendantin bestimmt, dass auch am Tag danach gespielt wird. The Show must go on. Was manche Darsteller despektierlich finden. Da werden die Kommissare gleich Zeuge eines ganz anderen Stücks: Diven und Profilneurotiker auf den Brettern der Welt. Man könnte sagen: Das Krimi-Duo ist bühnen-affin. Vor knapp 30 Jahre ermittelten sie in der Folge „Aida“ schon mal in einer Oper, zwischen lauter Mordsdiven. Jetzt rollt Leitmayr mit den Augen, weil beim Theater ja jeder was mit jedem habe.

Ein altbackenes Klischee, das das Drehbuch aber ironisch übernimmt: Die Tote, Nora (Giulia Goldammer), ein Fernsehsternchen, das wegen seines Renommees erst kürzlich an die Bühne verpflichtet wurde, hatte was mit ihrem Kollegen Carl (Lukas T. Sperber), davor aber mit dem älteren Schauspieler Johannes (Robert Kuchenbuch), der dafür dem Star des Hauses, Gina (Ursina Lardi), den Laufpass gab, dann aber selbst abserviert wurde. Mitten in einer Probe, vor den Kollegen.

Tatort Verlangen
TDie Kommissare verhören die Schauspieler. © ARD | BR

Regisseur Akim (Thiemo Strutzenberger) wiederum hat auch was mit Carl. Genug Eifersucht und Mordmotive also. Und dann ist da noch die Nachwuchsdarstellerin Lara (Stephanie Schönfeldt), die eigentlich für Nora einspringen sollte. Ob man für Hauptrollen auch tötet?

Donnerstag

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Ein Clou der Folge ist, dass hier lauter Theatermimen mitwirken. Einige kommen direkt vom Ensemble des Resi. Und Ursina Lardi, ein Star der Berliner Schaubühne, spielt eine exaltierte Diva, die über Berlin schimpft und dass sie es nicht mehr nötig habe, nackt zu spielen und auf der Bühne zu urinieren. Will sie uns damit was sagen? Über die Schaubühne und ihre Milo-Rau-Abende? Aber alle spielen hier augenzwinkernd mit ihrem Image. Und auch mit den Klischees, die das gemeine Volk oder auch die Herren Kommissare so mit der Theaterwelt verbinden.

Mehr zum „Tatort“

Eigentlich ist „Das Verlangen“ der 97. Fall für die Münchner. Der 98. wurde aber schon zuvor ausgestrahlt. Dafür gibt‘s jetzt einen echten Sommerkrimi am 2. Weihnachtstag. Nicht ganz stimmig. Aber doch ein besonderes Schmankerl. Andreas Kleinert hat das gallig inszeniert als Blick hinter die Kulissen. Auch wenn‘s nicht immer realistisch ist, wenn die Kommissare bei laufender Vorstellung das Bühnenteam befragen. Zum Finale aber versammeln sie wie in einem Agatha-Christie-Roman alle Verdächtigen auf der Bühne, um jedem ein Motiv zu unterstellen. Da gehört die Szene dann nicht mehr den Diven, sondern ganz den Ermittlern.

Etwas Winterstimmung gibt’s gleich anfangs. Ein Bühnenbild von „Die Schneekönigin“. Bei der aber eine Schauspielerin erhängt am Bühnenhimmel baumelt. Schock. Und dann ein Zeitsprung um ein halbes Jahr. Es dauert lang, bis eine Parallele zum aktuellen Mord gezogen wird. Am Ende werden die „Schneekönigin“-Kulissen abgebaut. Mitten während der „Möwe“-Inszenierung, auch so ein Schmonzens. Aber dabei lösen sich Styropor-Partikel des Styropors. Und dann schneit es doch ein bissel auf die Alt-Kommissare. Alles Illusion.

„Tatort: Das Verlangen“: ARD, 2. Weihnachtstag, 20.15 Uhr.