Ein letztes Mal können sie sich noch sehen. Noch einmal in den Arm nehmen. Flüchtig im Gefängnis. Sie trägt da schon den gemeinsamen Sohn im Arm, den sie dort geboren hat. Und den sie nicht aufwachsen sehen wird. So wenig wie er. Denn beide wurden zum Tode verurteilt. Hilde und Hans Coppi gehörten in der Nazi-Zeit zu der Widerstandsgruppe Rote Kapelle und wurden wegen „Hoch- und Landesverrats“ in Plötzensee hingerichtet. Hans Coppi als einer der ersten der Gruppe im Dezember 1942, Hilde Coppi acht Monate später. Andreas Dresen hat ihnen ein spätes filmisches Denkmal gesetzt mit „In Liebe, Eure Hilde“. Und präsentiert seinen Film nun noch einmal in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost zusammen mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag einen genuinen Berlin-Film zeigt.

Ein Widerstandsdrama, das auf jegliches Pathos, auf jegliche Emotionalisierung verzichtet

Ein Drama über zwei junge, mutige Menschen. Die nicht wegschauen, nicht stillhalten wollten. Sondern Haltung zeigten. Und Widerstand leisteten. In klarem Bewusstsein, dass sie damit ihr Leben aufs Spiel setzten. Die Flugblätter verteilten und Funksprüche ins Ausland absetzten. Aber nicht nur von den Nazis verurteilt wurden, sondern auch später noch in der Bundesrepublik noch, weil sie ihre Funksprüche nach Russland gerichtet hatten.

Der Ruch der Vaterlandsverräter wirkte weiter nach. Zumindest im Westen, wo man an Widerstandsgruppen wie die des 20. Juli 1944 um Graf von Stauffenberg oder die Weiße Rose um Sophie und Hans Scholl erinnerte. Während die Rote Kapelle – eine Bezeichnung übrigens, die die Gestapo selbst bei ihrer Fahndung gewählt hatte – in der DDR verklärt wurde. Wo Straßen und Schulen nach ihren Mitgliedern und ein pathetischer Defa-Film, „KLK an PTX – Die Rote Kapelle“ aus dem Jahr 1971, zu Superhelden machte.

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Dem setzte Andreas Dresen bewusst einen ganz anderen Entwurf entgegen. Ein gänzlich unaufgeregter, auf jegliches Heldenpathos, jegliche Emotionalisierung verzichtender Film, der eher nüchtern, ohne jede Melodramatik, fast dokumentarisch und beobachtet. Und doch umso erschütternder ist.

Zwei Filme in einem: Das Leben vor und das Martyrium nach der Verhaftung

Das liegt an seinem starken dramaturgischen Konzept. Denn der Film beginnt im Spätsommer 1942, als Hilde Coppi gerade mit ihrer Mutter Erdbeeren pflückt und verhaftet wird. Und sie gefasst mitgeht, weil sie schon ahnte, dass das passieren würde. Fortan laufen zwei Filme nebeneinander her. Der eine zeigt ihr Martyrium danach. Wie sie, bereits schwanger, wieder und wieder verhört wird. Wie sie ihr Kind gebiert. Ihr Todesurteil erhält. Und nicht nur stark bleiben muss für das Kind. Sondern auch noch die Mutter trösten muss, als ihre Begnadigung von Hitler selbst abgelehnt wird. Schon das ein Drama, das zu Herzen geht. Und das man manchmal kaum aushält.

Donnerstag

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Aber dann läuft da buchstäblich noch ein ganz anderer Film ab. Wie sie erst im Sommer davor Hans Coppi kennenlernt. Wie sie sich langsam verlieben. Wie sie dahinter kommt, dass er ein Widerstandskämpfer ist. Er sie aber davon abhalten will, um sie zu schützen. Und sie dennoch mitmachen will. Widerstand – auch als Liebesakt, wenn Hans seiner Hilde auf ihrem nackten Rücken das Morsen beibringt. Zwei Filme, die auch formal ganz anders erzählt wurden. Der eine badet im flirrenden Sommerbildern, der andere wird immer dunkler in den graugrünen Gefängnisszenen.

Das Liebespaar klebt nachts heimlich Plakate an die Wände.
Das Liebespaar klebt nachts heimlich Plakate an die Wände. © pandora | pandora

Diese beiden Erzählstränge, Licht und Schatten, werden aber nicht einfach parallel erzählt, sondern antizyklisch: der Teil im Gefängnis chronologisch, der Teil davor jedoch rückwärts. Eine Spiegelung zweier Ebenen. Auf diese Weise endet der Film nicht mit dem Tod – was sowieso nur schwer zu ertragen ist, wie da im Vierminutentakt die Verurteilten durch das Fallbeil hingerichtet werden. Sondern wie sich das junge Paar beim Baden am See kennenlernt. Ganz am Ende steht also nicht das Schafott. Sondern eine junge, aufkeimende Liebe. Und eine große Hoffnung.

Der Stoff wird aus der Historie ganz nah herangeführt und stellt die Gewissensfrage

Die Dramaturgie ist der eine Clou des Films, der ihn aus der Masse konventioneller Widerstandsdramen heraushebt und ihn noch lange nach dem Schauen nachwirken lässt. Der andere ist aber der bewusste Verzicht auf jegliche Nazi-Klischees, wie sie im Film gern standardisiert verwendet werden: marschierende Stiefel, wehende Hakenkreuzflaggen, flackernde Fackelzüge und eingeworfene Fensterscheiben. Dresen hält sich auch sonst stark zurück mit der Verortung und Konkretisierung der Zeit. Das wurde ihm von einigen Kritikern vorgeworfen, die den Film für zu unpolitisch oder zu vage hielten. Aber sie haben die Grundabsicht dieses Konzepts wohl nicht gesehen oder nicht sehen wollen: Dass dies ein grundsätzlicher Film ist, über „Widerstand aus moralischem Anstand“, wie Hilde Coppi das einmal nennt.

Deshalb wird der Stoff aus vermeintlich tiefer Vergangenheit ganz nah herangeführt und stellt ganz heutig die Gewissensfrage, die jede Zuschauerin und jeden Zuschauer auf sich selbst zurückwirft: Wie würde ich mich einem Unrechtsregime verhalten? Und wo beginnt Opportunismus? Immer häufiger werden ja Parallelen gezogen zwischen Heute und Damals: durch das Erstarken des Rechtspopulismus, dem wieder zunehmenden Antisemitismus und dem Zweifeln und Verzweifeln an der Demokratie. Das wurde auch während der Entwicklung des Films immer deutlicher. Und macht ihn noch unheimlicher und wichtiger.

Im Gefängnis sehen sich die beiden ein letztes Mal. Vor ihrer Hinrichtung.
Im Gefängnis sehen sich die beiden ein letztes Mal. Vor ihrer Hinrichtung. © pandora | pandora

„In Liebe, Eure Hilde“ war der erste Film, in dem Andreas Dresen nicht eigenes Drehbuch umsetzte. Sondern eines, das Laila Stieler, mit der er bereits sieben gemeinsame Filme gemacht hatte, verfasst und ihm vorgelegt hat. Das hat Dresen anfangs noch nicht überzeugt, bis sie auf die Idee mit den Zeitebenen kamen. Für Hans Coppi fand er dabei ein neues, noch unverbrauchtes Gesicht: Johannes Hegemann, ein Bühnenschauspieler und festes Ensemblemitglied im Hamburger Thalia Theater, für den dies das Leinwanddebüt war. Bei der Titelfigur hatte Dresen dagegen von Anfang an Liv Lisa Fries gedacht.

Hans Coppi jr. war maßgeblich an dem Film beteiligt. Ihm gebühren die letzten Worte

Die wollte allerdings zunächst nicht. Weil sie durch die Serie „Babylon Berlin“ schon zu sehr mit dieser Zeit verbunden wird. Weil sie sich energetisch, also gefühlsmäßig einarbeitet und sich nicht dauernd extremen Situationen ausleben kann und will wie etwa im Sterbehilfedrama „Und morgen Mittag bin ich tot“. Vor allem aber traute sie sich die Rolle gar nicht zu. Weil die Figur sehr introvertiert ist, nicht viel spricht und alles anders ausgedrückt werden musste.

Regisseur Andreas Dresen (r.) mit seinen Hauptdarstellern bei der Premiere des Films auf der Berlinale 2024.
Regisseur Andreas Dresen (r.) mit seinen Hauptdarstellern bei der Premiere des Films auf der Berlinale 2024. © pandora | pandora

Liv Lisa Fries war sich nicht sicher, ob sie das leisten könnte. Aber Dresen sah diese Innerlichkeit, diese Durchlässigkeit in ihr: „Man kann“, so schwärmt er, „durch ihre Augen in die Seele der Figur gucken.“ Deshalb ließ er nicht locker. Und er sollte recht behalten. Liv Lisa trägt diesen Film. Sie ist quasi in jeder Szene zu sehen. Und der Zuschauer bangt, leidet und liebt mit ihr. Eine Ausnahmerolle, für die die 35-Jährige zurecht mit der Lola als beste Schauspielerin geehrt wurde.

Der Film hat aber noch einen weiteren Garanten: Hans Coppi jr. Der Mann, den man im Film als kleines Baby sieht. Der ohne seine Eltern aufwachsen musste. Der aber sein ganzes Leben über die Rote Kapelle und die Geschichte seiner Eltern erforscht hat. Er hat den Film von Anfang begleitet und beraten. Hat Dresen die Briefe seiner Eltern zur Verfügung gestellt und die wenigen Fotos, die es von ihnen gibt.

Ihm gebühren die letzten Worte. Ganz am Ende ist seine Stimme aus dem Off zu hören. Wendet er sich direkt an die Zuschauer. Als der Film auf der Berlinale 2024 uraufgeführt wurde, war für Andreas Dresen der schönste Moment jener, als er Coppi dann mit auf die Bühne holte. „1800 Zuschauer gaben Standing Ovations“, so der Regisseur, „und er reckte die Faust in den Kinohimmel. Da schossen mir Tränen in die Augen.“

Zoo Palast, 6. Januar, 20 Uhr in Anwesenheit von Regisseur Andreas Dresen. Leser der Berliner Morgenpost erhalten beim Kauf eines Tickets einen Rabatt von zwei Euro.