In Wolfgang Petricks Kunst lebte die Verstörung. Deformierte Schaufensterpuppen, maskierte Unterleibe, anatomische Studien des Bizarren: Wer vor seinen Gemälden und Skulpturen stand, sah sich nicht nur mit eigenen Ängsten konfrontiert, sondern glaubte direkt in die Abgründe der Menschheitsgeschichte zu blicken. Im Zentrum seiner Kunst, so fasste es Eberhard Roters, Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, schon 1977 zusammen, stehe „der verletzte Mensch, die verletzte menschliche Gestalt, das verletzte Menschenbild. Es geht dabei um die Verletzungen, die sich der Mensch selbst zufügt, durch die Erfindungen seiner eigenen Zivilisation.“

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Petrick schöpfte seine Bildwelten auch aus unmittelbar eigener Erfahrung. 1939 in Berlin geboren, gehörten die Schrecken des zu Ende gehenden Zweiten Weltkriegs zu seinen Kindheitserinnerungen. Da waren die Bombardements der Anti-Hitler-Koalition auf das Flugmotorenwerk Genshagen, in dem Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Und was er noch „ganz massiv vor Augen habe“, so hat er später einmal berichtet, das sei ein SS-Mann mit Schäferhund gewesen, der eine Gruppe von KZ-Häftlingen dazu zwang, Panzersperren zu errichten. Auch die Ruinen Berlins, in denen Petrick seine Kindheit verbrachte, wurden in seiner Kunst spürbar.

Nach dem Abitur begann Petrick zunächst mit einem Studium der Biologie, wechselte dann aber an die Hochschule für bildende Künste in Charlottenburg, unter anderem beim Surrealisten Mac Zimmermann und beim Bauhäusler Fritz Kuhr. Sein kreativer Eigensinn spiegelt sich in der Entscheidung, gegen den Zeitgeist der abstrakten Kunst und des Informel figurative Wege einzuschlagen – und 1965 in der Mitgründung der Produzentengalerie „Großgörschen 35“, die sich als Gegenmodell zum etablierten Kunsthandel verstand. 1972 war er Mitgründer der „Gruppe Aspekt“, der er bis 1978 angehörte.

Mit seinen dystopischen Tableaus, die manchen an die Visionen von Hieronymus Bosch erinnerten, traf Petrick den Nerv einer Gesellschaft, die sich sehenden Auges ihrer eigenen Lebensgrundlagen beraubt. Petrick, der Mitglied der Akademie der Künste war, an der Hochschule der Künste lehrte und für sein Werk mehrfach ausgezeichnet wurde, faszinierte sein Publikum in unzähligen Ausstellungen, in Berlin zuletzt 2017 im Atelier Liebermann. Nicht nur hier wird man ihn und seine Kunst schmerzlich vermissen. Am 5. Dezember ist Wolfgang Petrick nach schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben.

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